Diese Erde ist ein wunderbarer Planet … und tief im Herzen mögen die Menschen einander

Dieser Satz findet sich im Fazit von Daniele Gansers „Illegale Kriege“. Er kommt etwas überraschend, wenn mensch davor die 13 Kapitel über 13 illegale Kriege gelesen hat, wo es einem bei jedem einzelnen die Sprache verschlägt und der Gerechtigkeitssinn vor lauter Reizüberflutung schon so gut wie taub ist.

Auf 373 Seiten mit 726 Fußnoten seziert Ganser historisch professionell etliche Ereignisse bis zur jüngsten Zeitgeschichte, die so, wie sie geschildert werden, nicht so recht mit dem vertrauten und gewohnten Weltbild zusammenpassen wollen, mit dem ich aufgewachsen bin. Wenngleich der Verdacht schon immer irgendwie im Raum hing, dass das nicht ganz so gelaufen ist, wie es der berühmte Mainstream erzählt. Die Fragen waren schnell da, alleine sie wurden bestenfalls nur außerhalb der Öffentlichkeit diskutiert und trugen zum Spinnen der allgemeinen Erzählung kaum bei.

Das Buch liest sich flüssig. Ja, ich konnte es kaum weglegen. Das große Fragezeichen wurde immer deutlicher und vereinigte sich mit vielen weiteren, die sich im Laufe meiner Lebensgeschichte angesammelt hatten. Pochend stand es dann über den letzten drei Kapiteln (Ukraine, Jemen und Syrien) und ich las immer schneller, um die Qual endlich zu beenden und endlich damit beginnen zu können, einen Plan zu entwickeln, wie diese Qual auch tatsächlich aus der Welt geschafft werden kann. Mit dem Fazit hatte ich dann gar nicht gerechnet. Aber es ist Ganser hoch anzuerkennen, dass er nicht nur die Probleme analysiert und uns dann damit alleine lässt, sondern er bietet doch tatsächlich Lösungsvorschläge an, wo so klar ist, dass das jetzt mit aller Kraft angegangen werden muss, wie nur irgend etwas klar sein kann.

Im Fazit findet sich auch das Leitmotiv, das dem Werk wohl zugrunde liegt: „Die UNO-Charta und die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte gehören zu den wertvollsten historischen Dokumenten, sie sollten uns allen als Orientierung im 21. Jahrhundert dienen. Ich kann jedem nur raten, diese beiden Dokumente durchzulesen und darüber nachzudenken“ (S. 330).

Es beginnt aber so:

Daniele Ganser, Illegale Kriege, S. 328

Daniele Ganser, Illegale Kriege, S. 328

Ganser legt damit das Inhaltsverzeichnis für eine umfassende Anklageschrift vor. Es bräuchte nur noch Kläger, ein zuständiges Gericht und eine Macht, die die allenfalls fälligen Sanktionen, dann auch durchzusetzen vermag. Es ist klar, was zu tun ist. Es gilt ein Höchstmaß an Legitimität zu organisieren, eine, die sich aus dem freiwilligen, überzeugten Entschluss möglichst vieler Menschen speist. Dazu gibt es ja Internet sei Dank schon unzählige Ansätze, die nur noch zueinander finden müssen, um ihre Energien zu bündeln und sich wechselseitig zu stärken.

Lasset uns fröhlich vernetzen! Sie mögen die Milliarden haben, wir sind Milliarden!

Ganser bilanziert aber noch weiter:

Daniele Ganser, Illegale Kriege, Seite 331

Daniele Ganser, Illegale Kriege, Seite 331

Aus genau diesem Grund haben sich übrigens im „Kanton“ Mödling einige Leute zusammengefunden und eine Arbeitsgruppe gebildet, die sich der Aufgabe stellt, die SDGs auf regionale und lokale Zusammenhänge umzulegen. Die Baustelle kann hier besichtigt werden: https://drive.google.com/open?id=0B5PwOZxmm3kYSzNwNHhKUnAwck0 – aber das nur am Rande.

Zurück zu Gansers Illegalen Kriegen. Untertitel: Wie die NATO-Länder die UNO sabotieren. Eine Chronik von Kuba bis Syrien. Obwohl oder gerade weil absehbar ist, dass nicht nur mit dieser Untertitelung einige Tabuzonen berührt, wenn nicht gar aufgeschlagen werden, wodurch die zu führenden Diskurse sicherlich emotional aufgeladen werden, sei dem Werk jedenfalls breiteste Rezeption gewünscht. Es wird Kritik von allen Seiten ernten. Und es wird wohl keine schmutzige Methode ausgelassen werden, um Ganser und „seine Anhängerschaft“ zu diffamieren. Eine scheinbar weit offene Flanke bieten da die Quellen, auf die Ganser zurückgreift. Die Auswahl scheint für herkömmliche Geschichtswerke doch sehr breit getroffen. Von unverdächtigen Quellen wie die verschiedenen UNO-Protokolle bis zu zumindest im Mainstream eher anrüchigen Quellen ist sehr vieles dabei. Und damit natürlich auch einiges, wo sich der sogenannte kritische Diskurs aufhängen und verheddern kann.

Allerdings ist die breite Quellensichtung natürlich auch ein Qualitätsmerkmal für jede wissenschaftlich-historische Arbeit. Und so, wie ich Ganser mittlerweile einschätze, kann er für jede verwendete Quelle überzeugende Argumente vorbringen. Eine stichprobenartige Überprüfung ließ an diesem Gedanken keine Zweifel aufkommen, eher im Gegenteil. Da kündigen sich eine Reihe hochinteressanter quellenwissenschaftlicher Diskurse an.

Aber noch gibt es Wichtigeres zu tun. Es gilt, dieser Maschinerie, die Not und Elend in die Welt trägt, den Stecker zu ziehen. Wir brauchen die Energie, die da hineinfließt für den Aufbau einer tatsächlich friedlichen Welt. Vom Technischen ins Menschliche gewendet heißt das, Legitimität dort abbauen und hier aufbauen. Da davon auszugehen ist, dass die weit überwiegende Mehrheit Krieg nicht legitimiert, sondern im Gegenteil alle Legitimität beim Frieden sieht, kann es nur mehr darum gehen, diese Legitimität durch geschickte Vernetzung sichtbar zu machen und ihr damit so viel Gewicht zu verleihen, dass sie auch tatsächlich wirksam wird.

Entlang folgender Pfade könnte sich die planetare Zivilgesellschaft verdichten:

  1. Der juristische Pfad. Hier sind alle RechtswissenschaftlerInnen insbesondere mit Schwerpunkt Völkerrecht, aber auch Umweltrecht und Wirtschaftsrecht gefragt. Es gilt das jeweils anstehende juristische Prozedere im Detail auszuarbeiten – von der Anklage bis zur Sanktion.
  2. Der friedensaktivistische Pfad. Hier geht es um Hilfestellung bei der Aufarbeitung von Konflikten aller Art. Zum Thema „Gewaltfreiheit“ wurde schon sehr viel gearbeitet und es gibt auch schon reichlich Erfahrung aus der Praxis. Diesbezüglich schon existierende Initiativen und Organisationen gehören gestärkt. Schließlich gehört ein Seminar „Friedensbildung“ im doppelten Wortsinn in jede Bildungsbiografie.
    1. Zur Vertiefung hier eine Übersicht zum Thema Krisenprävention von Thomas Roithner: https://nzz.at/archive/was-du-heute-kannst-besorgen https://nzz.at/archive/was-du-heute-kannst-besorgen
  3. Der mediale Pfad. Die herkömmlichen Medien befinden sich in einer schweren Krise. Es gilt neue Formate zu entwickeln und vor allem Glaubwürdigkeit und Breite zu gewinnen. Und es gilt die großteils verwüstete mediale Landschaft wieder urbar zu machen. Hier mögen sich alle Medienschaffenden – vom Flugblattautor bis zur Filmproduzentin, vom Aktivisten bis zur Geschichtenerzählerin und insbesondere natürlich die JournalistInnen, die sich einem rechtsstaatlichen Ethos verpflichtet haben – angesprochen fühlen, es müssen alle Kanäle bespielt werden.
  4. Der politisch-organisatorische Pfad. Im Zeitalter der Menschenrechte kann es nur mehr Aufgabe der Politik sein, den Diskurs und die zugehörigen Entscheidungsprozesse demokratisch zu organisieren, ergebnisoffen zu moderieren und dokumentierbar zu finalisieren. Also letztendlich das geschriebene Gesetz, die Legalität, wieder, vielleicht auch erstmals, mit der Legitimität in Deckung zu bringen.
  5. Der aktivistische Pfad. Hier geht es darum, das eigene Leben so zu organisieren, dass Nachhaltigkeitskriterien Genüge getan wird – und einander dabei gegenseitig zu unterstützen. Ansatzpunkte gibt es dabei so viele wie Bedingungen für ein gelingendes Leben notwendig sind. Vom Wasser, über die Luft, die Nahrung, das Wohnen, die Bildung, die Arbeit, die Gesundheit, die Energieversorgung, über die Mobilität bis zur Entsorgung – alles kann und muss durchleuchtet werden, um die richtigen Einstellungen vornehmen zu können.
  6. Der kreative Pfad. Da sich ernstzunehmende Kunst und auch die Wissenschaft immer schon mit dem Ausloten und Aufzeigen von Möglichkeiten beschäftigt hat, kann es hier nur heißen: bitte macht weiter! Wir brauchen jedes Quäntchen Inspiration.
  7. Der spirituelle Pfad. Bei allem Bemühen wird immer ein Unbekanntes bleiben, das dennoch interpretiert werden muss.

Alle diese Pfade oder Stränge werden schon von vielen Menschen, Initiativen und Organisationen bearbeitet. Aber auch hier gilt: niemand darf zurückgelassen werden. Deswegen braucht es auch Scouts, die aufsuchend unterwegs sind und dabei helfen, dass jede und jeder „ihren“ oder „seinen“ stimmigen und gut lebbaren Platz im Gesamtnetzwerk findet.

Es gibt reichlich zu tun. Gehen wir es an.

Ein herzliches Dankeschön an Daniele Ganser und sein Team für diesen ebenso mutigen wie elaborierten Beitrag!

 

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Diese Erde ist ein wunderbarer Planet … und tief im Herzen mögen die Menschen einander

  1. Christian Apl schreibt:

    wer es gerne audio-visionell hat, dem sei dieses Interview empfohlen:

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s