Wachstum für immer?

Nico Paech 2

Nico Paech läßt mit seiner Non-Wachstumsthese aufhorchen und fordert einen schonenderen Umgang mit Ressourcen.

Am Samstag, dem 22. Februar 2014 luden die Grünen im Bezirk Mödling in Kooperation mit Attac Mödling, der Grünen Bildungswerkstatt NÖ und dem Grünen Wirtschaftsreferat NÖ zu einer längst überfälligen Diskussion zum Thema Wachstum in die Stadtgalerie Mödling. Sie konnten mit Nico Paech von der Universität Oldenburg den Postwachstumsökonomen im deutschsprachigen Raum gewinnen und mit Stefan Schulmeister einen der renommiertesten Vertreter der traditionellen Wachstumsökonomie. Diese gewiss nicht einfache Diskussion wurde gekonnt von der Obfrau der Grünen Bildungswerkstatt Burgenland, Dagmar Tutschek moderiert.

„Wer heute noch Wachstum fordert, verhält sich verantwortungslos“

Paech warf gleich zu Beginn eine seiner Grundthesen in den Raum: Wer heute noch Wachstum fordert, verhält sich verantwortungslos, denn das System ist an viele seiner Grenzen gestoßen und es ginge heute nur mehr darum, den Kollaps zu gestalten. Er teilte mit, dass die Party vorbei sei und allfällige Panikaktionen, um sie doch noch zu verlängern, vergebens sind. Wir sind mit dem Peak Everything konfrontiert, was die Ressourcen betrifft. Die beschleunigt wachsende Nachfrage beginnt dem nicht mehr Schritt haltenden Angebot davon zu galoppieren. Das bedeutet, dass die Ressourcen, die zur Fortsetzung des Wachstums nötig sind, schlicht nicht verfügbar sind. Dann gibt es eine sozialpolitische Wachstumsgrenze: Es ist zu beobachten, dass mit dem materiellen Wachstum auch die gesellschaftlichen Ungleichheiten zugenommen haben. Die finanzpolitische Wachstumsgrenze wurde spätestens mit der Subprime-Krise 2007 sichtbar. Und die ökologischen Wachstumsgrenzen machen sich z.B. am rasanten Flächenverbrauch bemerkbar.

„Wohlstand alleine macht nicht glücklich“

Anhand dreier Geschichten bemühte sich Paech die Problematik anschaulich zu machen. 1. Die Geschichte vom Grundwasser: im urbanen Raum können hier immer mehr Antidepressiva nachgewiesen werden – Wohlstand alleine macht offenbar nicht glücklich. 2. Die Geschichte vom tiefen Fall eines technologischen Messias: Auch Grünes Wachstum führt nicht zum Ziel, so gut wie immer machen Rebound-Effekte etwaige Fortschritte in der Entlastung der Ökosphäre zunichte. Paech meint mit Wachstum immer Wachstum des BIP, des Bruttoinlandsprodukts. Wachstum des BIP bedeutet automatisch, dass auch irgendwer reicher wird. Aber was machen wir mit dem zusätzlichen Geld? Inzwischen lässt sich nachweisen, dass jeder zusätzlich ausgegebene Euro auch ein bis 5 Kilo CO2 zusätzlich erzeugt – Wachstum erzeugt also nicht nur entstehungsseitig, sondern auch verwendungsseitig Belastungen über die Limits hinaus. Und es sei wohl völlig unmöglich, die Menschen dazu zu animieren ihr Geld zu verbrennen.

„Bescheidenheit, Entschleunigung, Zeitwohlstand statt Konsumwohlstand sind angebracht!“

Und drittens die Geschichte von einer möglichen Zukunft. Wir brauchen ein neues, nämlich reduktives Kulturmodell. Genügsamkeit, Bescheidenheit, Entschleunigung, Zeitwohlstand statt Konsumwohlstand. Das sei keine Verzichtspredigt. Die wichtigste Ressource ist Zeit, ohne Zeit kann man nicht konsumieren. Es braucht Zeit um Aufmerksamkeit zu generieren. Der Todfeind des Genusses sei die mangelnde Konzentration. Suffizienz heißt in einer Welt der Konsumverstopfung nicht Verzicht sondern Selbstschutz. Es ginge um einen grundlegenden Umbau der Versorgungssysteme, die Gewichtungen zwischen globaler, regionaler und individueller Versorgung müssen adaptiert werden, es geht um eine neue Balance. Eigenproduktion, Gemeinschaftsnutzung und Nutzungsverlängerung sind die drei Hauptfelder, die stärker in den Fokus rücken müssen. Schlüsselressourcen wären dabei eigene Lebenszeit, handwerkliche Fähigkeiten und soziale Kompetenz.

„Mangelndes Wirtschaftswachstum ist nicht für alle Krisen verantwortlich“

In seiner Replik gestand Schulmeister ein, dass er sich mit solch apodiktischen Aussagen und apokalyptischen Anklängen schwer tut. Er kritisiert, dass Wirtschaftswachstum für alle Krisen verantwortlich gemacht wird. Während der legendären Ära des Nachkriegswachstums waren die Leute auch erstaunlich gelassen und es gab nicht den Stress, der heute existiert. Das BIP sei auch kein brauchbarer Indikator um so etwas wie Wohlstand zu messen. Mit der Verschiebung in die Dienstleistungsgesellschaft ginge auch der Ressourcenverbrauch zurück.

Schulmeister ist sich aber mit Paech einig, dass Wachstum kein Allheilmittel ist. Schulmeister geht von den unmittelbar bedrückendsten Problemen aus und stellt sich gesellschaftliche Entwicklungen als einen Suchprozess vor. Gesellschaftsarchitekten hätten in der Geschichte immer versagt. Das ja bereits seit den 1960er-Jahren rückläufige Wirtschaftswachstum habe eine ganze Reihe von Problemen erzeugt, auf die Antworten gefunden werden müssen. Arbeitsplätze. Eine schrumpfende Wirtschaft stellt eine Gesellschaft vor das Problem, den sozialen Anforderungen trotzdem gerecht werden zu müssen. Schulmeister fokussiert sich auf das politisch Machbare. Wenn wir aber den anderen 6 Milliarden Menschen den gleichen Wohlstand wie bei uns nur in den 1960er-Jahren zugestehen, brauchen wir ein Wachstum über Jahrzehnte hinaus.

Tutschek leitete schließlich eine spannende Diskussion ein, die sich um Fragen drehte wie: Wie verteilen wir die Arbeit? In wieweit ist eine Postwachstumsökonomie weniger krisenanfällig als die derzeitige? die am Youtube-Kanal der Grünen Mödling von Friedel Hans in bewährter Weise aufbereitet wurde und dort nachgeschaut werden kann.

Der Grüne Bezirkssprecher Christian Apl abschließend: „Wir hoffen damit eine längst fällige Diskussion angestoßen zu haben und laden herzlich ein, sich an dieser zu beteiligen. Wir werden auch mit weiteren Veranstaltungen dieser und sonst nützlicher Art den Prozess sehr gerne unterstützen. Es geht letztendlich darum, diese Rakete namens westlicher Zivilisation, die zur Zeit von fast 90 Millionen Barrel Öl – und zwar täglich – befeuert durch die Zeit schießt, irgendwo sicher zu landen bevor uns der Sprit ausgeht. Wobei das Irgendwo natürlich vorzugsweise das Paradies wäre“ fügt Apl augenzwinkernd an.

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