Grünes Selbstverständnis

Die Grünen sind keine herkömmliche Partei. Dennoch werden sie von den meisten durch die Brille betrachtet, die sich für herkömmliche Parteien herausgebildet hat. Für viele ist es einfach nicht vorstellbar, dass eine Partei auch anders funktionieren könnte. Dabei ist das für viele unerträgliche parteipolitische Gehabe ein wichtiger Grund, warum es überhaupt eine Grüne Partei gibt.

Parteibuchwirtschaft, parteipolitisch motivierte Postenbesetzungen und Klubzwang werden schon länger als der Demokratie abträglich betrachtet und die tatsächliche Demokratisierung war ein wesentliches Gründungsmotiv für die Grünen – neben dem Eintreten für den Umweltschutz selbstverständlich.

Das Dilemma war aber auch von Anfang an klar. Ohne Partei kann man bei der in Österreich geltenden Gesetzeslage keinen direkten Einfluss auf den Gesetzgebungsprozess nehmen. Gesetze werden im Parlament gemacht, und um dort hinzukommen, muss man sich dem Listenwahlrecht mit allen zugehörigen Formalitäten fügen – nicht aber den damit oft einhergehenden Auswüchsen.

Dementsprechend ist die Skepsis gerade bei den Grünen gegenüber allem, was nach Partei riecht, auch nach 20 Jahren noch extrem ausgeprägt. Man könnte deswegen auch sagen, die Grünen sind nur so viel Partei, wie es eben notwendig ist, um Gesetze mitgestalten zu können, haben sich bisher aber recht erfolgreich gegenüber allem erwehrt, was darüber hinausgeht.

Die Grünen sind auch keine eingeschworene Gesinnungsgemeinschaft, sie sind vielmehr ein offenes Netzwerk in einer offenen Gesellschaft. Es gibt auch keine Chefs oder Chefinnen, obwohl das in fast jedem Medienbericht erzählt wird. Es gibt Sprecherinnen und Sprecher, die versuchen, den  Konsens des Gremiums, von dem sie gewählt wurden, wieder zu geben.

Man muss nicht Parteimitglied sein, um sich im Grünen Projekt zu engagieren. Die Grüne Partei ist auch nicht die Spitze einer wie immer gearteten Grünen Bewegung. Unter dem Generalziel „Etablierung einer ganzheitliche Nachhaltigkeit“ lassen sich eine Reihe von Initiativen und Organisationen einordnen, die alle in ihrem Bereich notwendig sind, weil es nicht nur um legistische Veränderungen geht, sondern um einen gesellschaftsweiten Mentalitäts- und Kulturwandel.

Die Menschen, die diesbezüglich aktiv werden, machen das aus eigener Einsicht, die sich meist auch aus eigenen Erfahrungen speist. Sie müssen nicht indoktriniert oder auf Linie gebracht werden. Sie haben schon verstanden, dass es so nicht weitergehen kann, und wollen sich von ihren Kindern und Kindeskindern nicht eines Tages vorwerfen lassen, nichts dagegen unternommen zu haben. Sie beschäftigen sich im Grunde alle mit der Frage: wie müssen wir uns und unser Leben organisieren, damit das Leben inklusive Menschheit auf diesem Planeten gut gedeihen kann? In 100 Jahren, in 1.000 Jahren, in 10.000 Jahren, so weit unser Denken mit den bisher verfügbaren Erfahrungen halt reicht.

Die Grünen betreiben deswegen auch keine Klientelpolitik im herkömmlichen Sinn, sie sind aber im Sinne der Sozialen Nachhaltigkeit ständig bemüht, die Stimmen derjenigen zu verstärken, die sonst nicht gehört werden würden, inklusive Vertretung der existentiellen Interessen der uns Nachfolgenden.

Verstehbar machen, gestaltbar machen, sinnhaft machen.

Das ist das, was Grüne im Wesentlichen so die ganze Zeit tun. Und um das geht es auch. Die Menschheit hat ein gehöriges Wissen angehäuft, man weiß heute im Großen und Ganzen wie die Welt funktioniert und hat auch eine erkleckliche Anzahl von Erfahrungen aus der Geschichte zur Hand. Bei manchen Fehlern reicht es völlig, wenn sie einmal gemacht werden und die dadurch gemachten Erfahrungen dürfen einfach nicht verloren gehen.

Natürlich ist es nicht in jedermanns Interesse, wenn alle die Welt verstehen würden. Wie hat schon Henry Ford gemeint? Wenn die Leute verstünden, wie unser Geldsystem funktioniert, hätten wir schon vor morgen Früh eine Revolution. Die Vernebler sind auch tatsächlich in bezahlten Heerscharen unterwegs und die Grünen könnten sich rund um die Uhr damit beschäftigen, die Nebel wegzublasen. Andererseits kostet die Aufrechterhaltung einer Lüge Geld, wohingegen sich die Wahrheit spätestens dann durchsetzt, wenn der Lüge das Geld ausgeht.

Basisdemokratie ist ein Grüner Grundwert.

Das heißt, jede und jeder soll bei Entscheidungen, die sie oder ihn betreffen, mitgestalten können. Jede Stimme hat gleiches Gewicht, jedes Anliegen ist wichtig. Und die Mündigkeit eines Menschen verleiht ihm eine Souveränität, aber auch eine Verantwortlichkeit, die zudem nicht delegierbar ist. Befehlszwang geht nicht mehr. Ausreden gelten nicht. Deswegen müssen Strukturen geschaffen werden, wo tatsächlich jede und jeder niederschwellig mitgestalten kann.

Sinnhaft machen: es fühlt sich auf Dauer einfach besser an, die Welt (vor Ort!) zu retten als sie kaputt zu machen. Etwas, was man verstanden und wo man mitgestaltet hat, hat einfach eine andere Bedeutung für einen selbst. Es macht Sinn. All das hebt die Grünen von den herkömmlichen Parteien sehr deutlich ab.

Die anderen Parteien aus grüner Perspektive

Eine konservative Partei beispielsweise, wie in Österreich die Volkspartei, ist um die Bewahrung der errungenen Besitzstände bemüht. Das ist auch durchaus nachvollziehbar, wer etwas hat, will das auch gerne erhalten, insbesondere, wenn sie oder er es sich selbst im Schweiße des Angesichts hart erarbeitet hat. Oder weil man sich ein Leben ohne all die Besitztümer gar nicht mehr vorstellen kann und dementsprechend eine riesige Angst vor Verlust derselben hat. Die Fokussierung auf Erhaltung der Besitzstände hat aber auch ihre Tücken, die nicht nachhaltige Vorgangsweisen produzieren können. Die Volkspartei muss beispielsweise alles, was sie nicht kontrollieren kann, von vorne herein als Bedrohung wahrnehmen und womöglich kontrollierbar machen. Sie muss, wo es nur geht, abwehren, absichern und kontrollieren und sie wurde dadurch zu einem Staat im Staat mit einer entsprechend starken ausschließenden Komponente. Wer nicht dazu gehört, ist automatisch Feind. Wer die Parteilinie verlässt, wird ruhig gestellt. Man darf sich keine Blöße geben, keine Schwäche zeigen.

Wer am lautesten gegen vermeintliche Feinde poltert, vertritt die Interessen der Partei am Besten. Das ist durchaus menschlich – diese Verhaltensmuster haben sich über Jahrzehntausende, als die Menschen noch in Stammesgesellschaften lebten und mit Fremden nicht allzu oft in Berührung kamen, herausgebildet. In modernen Zivilisationen, wo mehrere 100 Millionen Menschen beteiligt sind und einem das Fremde jedem Augenblick begegnet, ist das natürlich stark hinterfragenswürdig, aber es wird wohl noch ein paar Generationen dauern, bis sich hier praxistaugliche Sozialtechniken herausgebildet haben. Das Phänomen der Massengesellschaften ist ja entwicklungsgeschichtlich noch ein sehr junges, in Europa gerade einmal ein paar hundert Jahre altes, also praktisch nichts im Vergleich zu den paar Millionen Jahre, seitdem Hominiden in Rudeln leben.

Die Sozialdemokratie war sich dessen vermutlich einmal bewusst, wollte das Menschenbild revolutionieren, hat sich aber im parteipolitischen Hickhack und jahrzehntenlangen Lagerkämpfen zum perfekten Spiegelbild der konservativen Parteien entwickelt, die die feindlichen Fremdzuschreibungen schließlich selbst geglaubt hat. Man wollte dann schließlich nichts mehr, außer den Wohlstand gerecht zu verteilen. Das war das einzige, was man gegenüber den anderen und vielen eigenen Leuten verstehbar kommunizieren konnte. Die, die bisher leer ausgegangen waren und einst ihr Leben in Not, Elend und Ausbeutung erlitten, sollten auch etwas vom Kuchen abbekommen. Wenn es allen gut ginge, hätte sich die Partei erledigt, hieß es noch in den 1980ern. Nun scheint es so weit zu sein. Das Klientel ist weitgehend bedient.

ÖVP gegen SPÖ, das war lange Zeit ein Match von Kapitalisten mit zu viel Geld gegen Kapitalisten mit zu wenig Geld. Nachhaltigkeit mit allem was dazu gehört war im Eifer des Gefechts nur ein lästiger Nebengedanke. Umweltschutz? Ja, eh wichtig, aber wir müssen aufpassen, dass uns die anderen im ständigen Gerangel nichts abzwacken. Das Ganze war schon lange aus dem Blick geraten.

Und die FPÖ? Naja, ein Sammelsurium an Romantikern, Politkarrieristen und Mitläufern, die sich immer wieder quasi als ÖVP-Vorfeldorganisation fürs ganz Grobe einspannen lässt und sich nicht zu schade ist, niedrigste Instinkte zu bedienen.

Weiter in die Zukunft schauen als die anderen

Wenn man sich so anschaut, wie unsere Gesellschaften zurzeit funktionieren und welche Ansprüche von einer überwiegenden Mehrheit an ein gutes Zusammenleben gestellt werden, dann ist völlig klar, was getan werden muss. Nicht ganz zufällig steht das alles auch im Grünen Programm (gruene.at).

Es geht darum, uns so zu organisieren, dass auch noch die uns Nachfolgenden ihre Lebensbedürfnisse befriedigen können – und zwar gewaltfrei. Wir wären schlechte Eltern, wenn wir unseren Kindern eine ausgeplünderte Welt hinterlassen und sie von einen Krieg in den nächsten ziehen müssen, weil sich die Menschheit nicht mehr anders zu helfen weiß. Seit 1987 verbrauchen wir mehr Ressourcen als auf unserer Erde in einem Jahr nachwachsen. Damals fiel der sogenannte World Overshoot Day, der Tag ab dem die Menschheit von der Substanz lebt, auf den 19. Dezember. Seitdem wandert er immer weiter ins Jahr hinein. Heuer war es der 20. August.

Nein, es geht nicht darum, dass wir uns alle kasteien und so weiter tun wie bisher nur halt auf Sparflamme. Es geht vielmehr darum, dass wir unsere Hirne einschalten und die von uns geschaffenen Systeme so umbauen, dass sie auch noch in 100, 1.000, 10.000 Jahren gut – sprich friedlich und somit gewaltfrei – funktionieren. Das geht. Davon sind wir Grüne überzeugt.

Es ist ja nicht so, dass unsere Gesellschaft an allen Ressourcen Raubbau betreiben würde. Sie tut das eh nur dort, wo irgendwer viel Geld damit verdienen kann. Die Sonne hingegen schickt uns täglich so viel Energie, wie wir momentan in 8 Jahren verbrauchen. Ja täglich! Und das ohne Rechnung. Und wie lange wir Menschen von unseren mentalen Ressourcen in vollem Wohlstand leben könnten, wenn wir sie denn wenigstens zum Teil konstruktiv nutzen würden, darüber gibt es nicht einmal noch Schätzungen.

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