Zwischen Privat und Öffentlich

IMG_2989Auf dieses Meditationsdiagramm sind wir heute bei der Sommerklausur der Perchtoldsdorfer Grünen gestoßen. Es ging um Mobilität und Bildung, Öffentlicher Raum und auf einmal war auch die Privatsphäre da. Die heilige Privatsphäre, die heutzutage das einzig wirklich anstrebenswerte Ziel zu sein scheint, die Ungestörtheit, die Kontrolle, die Sicherheit.

Klar ist, dass die Privatsphäre auf Kosten des Öffentlichen Raumes ausgeweitet wurde. Weniger Staat, mehr Privat war die durchschlagende Maxime der letzten Jahrzehnte. So erfolgreich, dass das Private heute aufgebläht scheint und eine Blase nach der anderen erzeugt und alles Staatliche, das gemeinsam Organisierte, ausgezehrt und kraftlos darnieder liegt.

Aber wann beginnt Öffentlichkeit? Bzw. wo endet Privatheit? Für viele scheint Öffentlichkeit dort zu beginnen, wo mehr als ein Mensch dem Gesprochenen zuhört. Wenn zwei oder mehr Menschen zuhören, ist man schließlich schon in der Unterzahl und es gibt Zeugen. Das Gesprochene kann gegen einem selbst verwendet werden. Das was man spricht, bekommt dadurch ein anderes Gewicht. Und es ist quasi irreversibel in die Welt gesetzt.

Man verpflichtet sich, übernimmt Verantwortung für das, was man spricht, belastet sich. Und das ist gar nicht sexy in einer Welt, wo einem jede Last abgenommen wird, soferne man dafür zahlen kann bzw. gewillt ist, das zu tun. Je bequemer es sich in der eigenen Privatheit einrichten lässt, umso weniger hat man den Drang nach „draußen“ zu gehen, in eine unkontrollierbare und unberechenbare Öffentlichkeit, wo einem Ungemach dräuen könnte.

Was bedeutet es aber, wenn alle die reine Privatheit pflegen und die Öffentlichkeit denen überlassen, die ihnen bezahlterweise diese Last abgenommen haben? Eines ist völlig klar: die Menschen werden der Öffentlichkeit entwöhnt und damit jenen Dingen, die nur im Öffentlichen Raum entstehen können, als da sind: Demokratie, Bildung, Mobilität mitsamt ihren Folgeerscheinungen und allem, das geschickterweise kollektiv organisiert wird.

Im Öffentlichen Raum entsteht Verbindlichkeit. Und zwar umso mehr Verbindlichkeit, je mehr ZeugInnen es gibt. Es wird eine Wahrheit erzeugt und bezeugt. Eine Wirklichkeit geschaffen, in der die Beteiligten hinkünftig ihr Leben verbringen. Öffentlichkeit entsteht dort, wo auf kommunikativem Weg Wirklichkeit gestaltet wird, wo Wirklichkeit, wo Zukunft verhandelt wird.

Wenn die Öffentlichen Räume ausdünnen, stagniert eine Gesellschaft demnach mehr und mehr. Und wer hätte heute nicht das Gefühl, das wir eigentlich schon vor 40 Jahren so weit gewesen wären, die nächsten weiterführenden Schritte zu setzen? Der gesellschaftliche Fortschritt ist nur mehr ein schleichender, weil wir die Öffentlichen Räume dem Verkehr in privaten Isolationstanks überlassen haben. Für Demokratie, Bildung und Mobilität, hier durchaus auch als geistige Mobilität zu verstehen, ist tendenziell oder schon real kein Platz mehr.

IMG_2994Es muss daher in erster Linie darum gehen, dem Öffentlichen mehr Raum einzuräumen. Aber schauen wir uns zunächst an, wie Öffentlichkeit und Bildung zusammenwirken.

Zunächst gibt es da den afrikanischen Sinnspruch: „Um ein Kind großzuziehen braucht es ein ganzes Dorf.“ Dorf kann hier unschwer als Metapher für Öffentlichkeit erkannt werden. Das ist auch leicht nachvollziehbar, wenn man sich vorstellt, welche mentale Gestalt ein Mensch annimmt, der ausschließlich in seiner eigenen Privatheit, ohne jeden Kontakt zu einem anderen Menschen, aufwächst. Er müsste ohne dem über Generationen generierten Wissen auskommen.

Klar, die Anhänger der Privatheit werden nun sagen: Freilich muss man von anderen lernen, aber ich will die Kontrolle darüber haben, von wem meine Kinder lernen sollen. In Sorge um das Wohl der Kinder ist es ja auch durchaus legitim zu prüfen, welchen Einflüssen das Kind ausgesetzt ist. Aber wenn man sich einmal in seiner Privatheit wohlig und sicher eingerichtet hat, ist man natürlich bestrebt, sie in diesem Zustand zu konservieren. Es passt eh alles, wieso sollte etwas verändert werden? Veränderung bedeutet schließlich immer auch, die Wände der Schutzhülle einzureißen und frische Luft hereinzulassen. Dabei schwingt immer auch die Gefahr mit, dass plötzlich die Legitimität der ethischen Fundamentierung in Frage steht, was zu schweren Irritationen und Ungemach führen kann.

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