Ein Stück alt-niederösterreichische Interpretation und die Folgen

Unlängst flatterten mir die Ergebnisse einer landesweiten Umfrage ins Haus, die die „NÖ Landesakademie“ unter dem Titel „Zukunft für alle. So denkt Niederösterreich über die Zukunft“ heuer durchgeführt hat. Immerhin haben sich von den 1.617.455 (1. Jänner 2012)[1] Niederösterreicherinnen und Niederösterreichern ganze 60.161 Personen bei dieser Bürgerbeteiligungaktion eingebracht. Das sind wenn man genau hinschaut 37 Promille.

Man beachte nun aber, wie die Umfrageergebnisse aufbereitet werden:

Was fällt auf? Ja, schaut eh ok aus. Alles bleibt gleich und wird gleichzeitig besser… Ja, geht denn das überhaupt? Wir sprechen hier von dynamischen Systemen, da ist alles in Bewegung, da bleibt nicht lange was gleich. Entweder wird es besser oder es wird schlechter.

Richtig ungustiös ist aber die mit der Darstellung suggerierte Unterstellung, dass diejenige, die meinen, dass alles gleich bleibt, auch meinen, dass schon alles gut ist. Es bleibt alles gleich, kann auch heißen, es bleibt alles gleich schlecht! Und rein gefühlsmäßig würd ich meinen, dass das die in Niederösterreich häufiger benutzte Interpretation ist. „Is eh scho wurscht“ ist so originär niederösterreichisch, dass es kaum noch auffällt, wie man sieht.

Und dann fällt noch auf, dass die, die diese Frage nicht beantwortet hatten nur mit einem kleinen Hinweis ausgeblendet wurden. Dieser Hinweis ist aber rein layouttechnisch entscheidend plaziert. Dort ruht das ganze grafische Gebilde auf, das ist der Dreh- und Angelpunkt. Damit entsteht der Eindruck, dass sich die Grafik nach rechts neigt, hin zum Besseren. Gesamteindruck: ist eh alles in Ordnung, alles wird besser, ihr braucht gar nichts weiter zu tun, ihr braucht mich nur zu wählen, dirilull, dirilei etc.

Das schreit jetzt natürlich nach einer Darstellung, die zeigt „wie es wirklich ist“:

Natürlich ist diese Darstellung ebenso tendenziös wie das Original – und ist auch leicht überhöht, um die Kontraste zu schärfen. Entspricht aber der Lebenswirklichkeit Vieler wohl eher.

In der Originalgrafik ist das Verhältnis schlechter:besser flächenmäßig 218:436 und damit eindeutig positiv gewichtet. In der adaptierten Grafik ist dieses Verhältnis 541:159 und damit deutlich anders. Selbst wenn man unterstellt, dass je die Hälfte derjenigen, die keine Antwort abgaben und derjenigen, die gleichbleibend stimmten, aufgeteilt wird, kommt man auf ein Gewichtsverhältnis von 379,5:320,5 mit der dann naheliegenden Interpretation: es ist nicht alles in Ordnung, es wird nicht alles besser und eigentlich sollten wir ein bisschen was tun, damit es tatsächlich besser wird.

Ist ja nur eine Umfrage??

Was bedeutet es, wenn die Allmacht im Land lauter schlafende Leute plakatieren lässt? Genau, wir sind schon mitten im Wahlkampf. Nach dem Motto „Schlaf, Völkchen, schlaf“ läuft anscheinend gerade die ganz große, finale Einlullungswelle.

Um zu solchen Fotos zu kommen, muss mensch wirklich nicht lange gehen – ich hab sie praktisch vor der Haustüre gemacht. Es ist, als ob die niederösterreichische Volkspartei (NÖVP) und die ihr hörigen Organisationen das Land mit schwarzen Wattebällchen zubombardieren wollten, auf dass sich nur ja nichts mehr rühren kann. Die Absolute muss im März nämlich um buchstäblich jeden Preis gehalten werden, sonst droht auch Niederösterreich das Kärntner Schicksal, genauer gesagt, der NÖVP das Schicksal der FPK. Und ich kann mir sehr gut vorstellen, dass das einige Leute ganz schön antreibt.

In so einem Umfeld Politik zu machen, sprich etwas bewegen, etwas zum Lebendigeren hin verändern zu wollen, gestaltet sich zur Zeit ausgesprochen zäh. Um die Menschen zu erreichen, müssen wir anscheinend zuerst ganze Gebirge schwarzer Watte abtragen (wie entsorgt mensch so etwas eigentlich fachgerecht?) und laufen dabei ständig Gefahr, sie in ihrer von höchster Stelle angeordneten wohlverdienten Ruhe zu stören.

Mit Verlaub: das ist ein echter Scheißjob! Hat man endlich einmal einen derart Verschütteten sondiert und sich zu ihm vorgearbeitet, empfindet der diese Begegnung freilich zu aller erst einmal als Komfortverlust. Irgendwo muss man die Dämmung ja wegnehmen, um überhaupt kommunizieren zu können. Und natürlich ist der erste Eindruck der, dass es ungewohnt und unangenehm zugig und gleißend hell wird. Gefolgt möglicherweise von einer Panikattacke, wenn derjenige gewahr wird, dass ihn das anfangs wohlige Wattebettchen an Ort und Stelle festgeschnallt und bewegungsunfähig gemacht hat. Von da bis zum wirklich befreiten Durchatmen-Können ist es dann immer noch ein wahrlich weiter Weg.

Wen interessierts?

Der „Erfolg“ dieser Einlullungspolitik in Zahlen: noch 2004 gaben 19% von 2000 österreichweit Befragten an, sich nicht um Politik zu kümmern. 2012 sind es schon 33% (vgl. die Grafik oben, Quelle). Nicht nur der Anteil, auch die Geschwindigkeit mit der sich das ändert, ist höchst alarmierend. Der Anteil der politisch Interessierten ist im Gegenzug von 26 auf 19% zurückgegangen und man möchte erschrocken fragen: wer kümmert sich eigentlich noch um unsere Demokratie? Und werden es in ein paar Jahren überhaupt noch genug sein, um sie am Leben zu erhalten? Besonders bitter: politisch interessiert heißt noch lange nicht politisch engagiert. Da bewegen wir uns wahrscheinlich schon im Zehntelpromille-Bereich, Tendenz vermutlich ebenso stark fallend. Das will sich einfach niemand mehr antun.

Es ist ja wieder einmal so typisch. Die NÖVP hat ein Problem erkannt und wirft prompt und mit Eifer alles in die Schlacht um Abhilfe zu schaffen, schließlich muss man in erster Linie Handlungsfähigkeit und Durchsetzungsvermögen demonstrieren. Gefragt, welches Problem da eigentlich erkannt wurde, wird nicht. Die Menschen wollen zum Beispiel allem Anschein nach Auto fahren, also müssen wir Straßen bauen. Mir fällt heute noch das Blut aus dem Gesicht, wenn ich daran denke, dass seinerzeit in einer Analyse der niederöstereichischen Mobilitätsbeziehungen auf Wien einfach vergessen wurde. Jahrzehntelang wurden hierzulande Autobahnen gebaut und nebenbei die Nachbarschaft in völliger Gedankenlosigkeit mit Blech geflutet. Jetzt reagiert man ebenso überrascht wie empört, dass Wien gegensteuern muss, weil einfach kein Platz mehr ist. Tja, und jetzt hat man halt den Blechsalat. Vorausschauende Politik schaut anders aus oder die Ziele dieser Politik sind abgrundtief böse. Wobei zwischen Gedankenlosigkeit und Bösartigkeit im Effekt nur wenig Unterschied ist.

Wo man in Niederösterreich hinschaut, überall das selbe Muster. Die Menschen wollen Sicherheit, also plakatiert man schlafende Menschen in allen Varianten. Die Menschen wollen, dass alles so bleibt wie es ist, also betoniert man alles ein. Die Menschen wollen die volle Auswahl, also lässt man riesige Einkaufstempel bauen. Die Menschen wollen Autofahren, also baut man überall überbreite Autobahnen. Die Menschen wollen in ihrem Häuschen im Grünen wohnen, also fördert man Ein- und Zweifamilienhäuser, koste es was es wolle. Die Menschen wollen eine starke Führung, also markiert man den starken Mann. Die Menschen wollen stabile Verhältnisse, also nagelt man alles fest, was sich nur irgendwie rühren könnte. Die Menschen möchten von den Parteien in Ruhe gelassen werden, also hält man alles fern, was nach Politik ausschaut. Begleiterscheinungen? Wen interessiert das?

Jahrzehntelang hat die NÖVP das so erfolgreich betrieben, dass man jetzt gar nicht mehr sagen kann, ob das die Menschen wirklich so wollten oder ob nur mehr die übrig geblieben sind, die das wollen, und die, die sich nicht mehr wehren können und deshalb resigniert haben, sprich: sich mit ihrem nunmehr kleinen Leben fest gepackt in schwarzer Watte abgefunden haben, weil ihre Hilferufe einfach nicht mehr gehört werden können.

Das ist zum Schreien menschenunwürdig. Deswegen tun wir auch weiter.

Liebe Grüße und nicht verzweifeln – wir holen Euch da raus. Wer sich schon bewegen kann, möge bitte mithelfen. Dann geht es schneller. Wir brauchen gefühlte drei HelferInnen um je eine/n Verschütteten zu bergen. Danke für die viele Arbeit, liebe NÖVP, kann ich da nur sagen…

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s