Wider die Gedankenlosigkeit!

Vorige Woche strahlte der ORF in einem Eco-Spezial die Dokumentation „Goldman Sachs – die Bank, die die Welt dirigiert“ aus. Ein paar Tage später folgte ARTE mit einer längeren Version „Goldman Sachs – eine Bank lenkt die Welt“. Beide waren kurze Zeit später auch auf Youtube zu finden, wurden aber schnell wieder vom Netz genommen, mit folgendem Hinweis:

Glücklicherweise finden sich im Netz derzeit noch weitere Kopien. Hier sei nicht auf die Machenschaffen von Goldman Sachs im Detail eingegangen, aber eine Szene in diesem Video ist höchst erhellend (beginnend bei 36:50). Lloyd Blankfein, der Vorstandsvorsitzende von Goldman Sachs ist zum Interview geladen. Es ist die „Charlie Rose Show“ vom 30. April 2010. Schließlich stellt der Interviewer die entscheidende Frage: „Ist es vorgekommen, dass Ihre Investment-Berater einem Kunden Anlagen verkauft haben, gegen die Goldman Sachs selbst spekuliert hat?“ Blankfein bringt nur mehr ein „We sh…“ hervor, doch dann scheint ihm etwas einzuschießen. Gezählte sechs Sekunden ertarrt er, er verstummt. Man sieht richtig, wieviel tausend Gedanken ihm durch den Kopf schießen. Der Mann, der für seine Schlagfertigkeit berühmt ist, findet sechs Sekunden lang keine Worte. Es muss ihm etwas widerfahren sein, das ihm so noch nicht untergekommen ist. So hat er das offenbar noch nie in Zusammenhang gebracht. Ein Wissensvakuum unausdenklichen Ausmaßes wurde lokalisiert. Die völlige Gedankenlosigkeit gegenüber gewissen Zusammenhängen wurde offenbar. Er wusste zu lange nicht, was hier zu antworten war. Erschreckend mit anzusehen, dass offenbar einer der mächtigsten Männer der Welt keine Antwort auf eine so schlichte Frage wusste. Nicht einmal ein Abwiegelungsargument kam ihm schnell genug in den Sinn, zumindest keine die er dem Publikum zutraute. Er war auf diese Frage und auf diese Öffentlichkeit nicht vorbereitet. Das hatte ihn offenbar noch nie wirklich beschäftigt.

Gewiss Goldman Sachs ist rasend schnell gewachsen. Die Firma machte riesige Profite, vergrößerte damit ihre Macht, konnte damit noch größere Profite einfahren und damit noch mehr Macht ansammeln. Und das in einem fulminanten – und sich immer weiter beschleunigenden – Tempo. Klar, dass da „das Gewissen“ nicht so schnell mitwachsen konnte. Je mehr Macht angesammelt wird, umso wichtige wird es Gedankenlosigkeiten zu elimineren. Und Blankfein könnte in dem Moment klar geworden sein, dass in Relation zu der Macht, die er angehäuft hat, die Gedankenlosigkeit viel zu groß geworden war. Und dass das ein Problem werden könnte. Blankfein weiß, Wissen ist Macht bzw. wenn ich weiß, dass mit Krisen Geld gemacht werden kann, ist es schlau, wenn ich die Krisen voraussehen kann. Und noch schlauer ist, selbst die Krisen auslösen zu können, dann weiß ich mit noch größere Wahrscheinlichkeit, wann sie auftreten. Blankfein ist klar geworden, dass er in seinem Kalkül einen möglicherweise gravierende Aspekt übersehen oder falsch gewichtet hat.

„Machttechnisch“ gesprochen, hält sich Macht umso länger, je weniger Wissenslücken vorhanden sind und je weniger gedankenlos agiert wird. Oder in anderen Worten: Wo Macht ist, müssen Gedankenlosigkeiten aufgedeckt und überwunden werden. Das ist gleichzeitig auch im Interesse jener, die mit dieser Macht konfrontiert sind.

Soziologisch gesprochen, ist Macht eine Funktion der Möglichkeiten und damit eine Funktion der Beziehungen. Sie hängt vom Netzwerk ab, das gleichzeitig ein bestimmtes Soziotop bildet. Netzwerke haben die logischerweise organische Eigenschaft sich zu verändern. Sie wachsen und vergehen wieder. Motor für Wachstum ist die Zielgerichtetheit. Je schärfer ein Netzwerk ein Ziel, einen Auftrag für sich definiert hat, umso mehr Energie wird es bündeln. Abhängig von der Geschicklichkeit der Akteure wird ein Netzwerk so immer erfolgreicher. Macht korreliert also nicht nur mit der Größe des Netzwerkes, sondern auch mit der Bestimmtheit des eigenen Auftrags. Zehn Leute, die genau wissen, was sie wollen, bewirken mehr als tausende ziellos Umherirrende.

Netzwerke werden befeuert vom Erfolg. Erfolg ist wiederum nur eine Begleiterscheinung der Begeisterung. Und wenn ein Ziel erreicht wird, befeuert das die Begeisterung. Das Netzwerk wird schlagkräftiger. Es erreicht seine Ziele immer erfolgreicher. Bis die Begeisterung zum Rausch wird und immer mehr Aspkete ausgeblendet werden, weil sie im Vergleich zum eigenen Hochgefühl als irrelevant erscheinen.

Schon Hannah Arendt war der Gedankenlosigkeit auf der Spur. In der Berichterstattung über den Eichmann-Prozess in den frühen 1960ern, identifizierte sie die Gedankenlosigkeit als das eigentlich Böse. Egal wieviel Macht man hat, man sollte immer Wissen, dass man Leid zufügt, wenn eine falsche Entscheidung getroffen wird.

Dieses Beurteilungskriterium „verursachtes Leid“ wird individuell, je nach persönlicher Erfahrung und Neigung, gewichtet. Wem noch kein wirkliches Leid in seinem Leben begegnet ist, der wird diesem Kriterium nur wenig bis gar kein Gewicht und Bedeutung zuordnen und in seinem weiteren Agieren entsprechend wenig bis gar nicht berücksichtigen. Wer schon einmal wirkliches Leid „hautnah“ erlebt hat, sei es empathisch aus Erzählungen anderer, sei es am eigenen Leib, der wird dieses Moment in seiner Beurteilung und Bewertung wesentlich dominanter gewichten. Er wird andere Entscheidungen treffen, um möglichst kein weiteres Leid zu verursachen oder womöglich um Leid zu reduzieren. Er weiß, was er tut. Im Idealfall. Weiß er nicht, was er anderen antut, spricht Hannah Arendt eben von Gedankenlosigkeit. Eichmann „sah“ das Leid nicht, das er anrichtete. In seiner Welt konnte es nicht vorkommen, weil er bestimmte Menschen einfach nicht als Menschen, als Wesen mit angeborener und unveräußerlicher Würde definierte. Er hatte seinen Opfern das Menschsein abgesprochen, er hat damit auch ihr Leid ausgeblendet.

Und es macht im Ergebnis keinen Unterschied, ob man Menschen ihre Existenz abspricht oder ob man von ihrer Existenz nichts weiß, obwohl sie einem mittlerweile in den eigenen Einflussbereich geraten sind. Goldman Sachs ist so rasch gewachsen, das sie gar nicht wahrhaben konnten, wie mächtig sie schon waren und wieviele Menschen schon in ihren Einflussbereich gekommen waren, wieviele Schicksale sie bestimmten und welches Leid und Schmerz sie erzeugten.

Wenn man nicht unabsichtlich böse sein will, muss man seine Gedankenlosigkeiten auf ein Minimun reduzieren. Und je mehr Macht, also Möglichkeiten man hat, umso mehr.

Klar, im Rausch der Begeisterung schiebt man abturnende Dinge gerne von sich, man wird immer arroganter, will die Begeisterung immer vehementer weiter schüren, denn mit ihr wächst scheinbar der Erfolg, im Fall von Goldman Sachs der Profit. Mehr Macht – mehr Profit. Mehr Profit – noch mehr Macht. Noch mehr Macht – noch mehr Profit. Immer mehr Profit – immer mehr Macht. Profit und Macht haben sich in einem derartigen Ausmaß zusammengeballt, dass immer mehr Menschen immer weniger Luft zum Atmen bleibt. Wo soll das enden? Wer gebietet dem Einhalt? Wie kann es auf ein für alle verträgliches Maß einjustiert werden?

Der österreichische Nationalrat richtete im Jänner 2012 einen Untersuchungsausschuss ein, um etliche Korruptionsaffären aufzuklären. In unserem Zusammenhang geht es dabei im Grunde und im Kern darum, etwaige Gedankenlosigkeiten zu lokaliseren und Ansätze zu ihrer Überwindung zu liefern, sprich Wissen zu generieren. Das müsste im Prinzip schon in einem idealen Parlament so sein. Dieses wäre imstande, bei einer anstehenden Entscheidung alle relevanten Informationen gebührend zu berücksichtigen. Je mehr Wissen in den Entscheidungsprozess einfließt, umso nachhaltiger, haltbarer werden die Entscheidungen. So einfach wäre es. Ein Problem ergibt sich, wenn das Parlament mit Leuten beschickt wird, die sich ihren Interessen verpflichtet fühlen, dabei aber keine ganzheitliche Perspektive anstreben wollen, weil sie es entweder nicht für nötig erachten oder weil sie meinen, dass die sich daraus ergebenden Entscheidungen ihren eigenen Interessen zuwider laufen.

Die Grünen streben diese ganzheitliche Perpektive an und sind von daher schon keine klassische Interessensvertretungspartei. Sie sind überzeugt davon, dass echte Nachhaltigkeit die gebührende Berücksichtigung der ökologischen, ökonomischen und sozialen Aspekte erfordert. Insbesondere die soziale Nachhaltigkeit lässt sich problemlos über die Gedankenlosigkeit bestimmen. Je mehr ich mir gewahr bin, dass meine Aktivitäten Leid erzeugen können, umso sozial nachhaltiger werde ich agieren.

Unrecht ist der größte Schmerz, es muss lokalisiert und überwunden werden. Stéphane Hessel meint, das jetzt am allernötigsten Gewissensbildung sei, wobei Gewissen die Fähigkeit ist zwischen Recht und Unrecht zu unterscheiden und entsprechend gerecht zu handeln. Wer diese Fähigkeit nicht bildet, wird unrecht handeln, er wird Ungerechtigkeiten begehen und das lassen sich die Menschen nicht lange gefallen. Irgendwann muss der eitrige Zahn einfach raus. Weil es einfach nicht mehr auszuhalten ist!

Deswegen muss der Untersuchungsausschuss weiter geführt werde. Es wäre unerträglich, wenn der schon eingeleitete Heilungsprozess schnödem wahltaktischen Kalkül zum Opfer fallen würde.

Wenn Sie auch dieser Ansicht sind, dann helfen Sie bitte, sowie Ihnen das möglich ist, mit. Mächtige Netze können nur mit tatsächlich gerechten Netzen im Zaum gehalten werden. Zur Koordination diesbezüglicher weiterer Aktivitäten wurde diese Facebook-Seite eingerichtet: Gabi Moser soll den Untersuchungssausschuss weiter leiten

Zum Abschluss noch ein Satz von Stéphane Hessel: „Das Wesentliche, so scheint mir, ereignet sich immer zwischen zwei Menschen, die einander begegnen und etwas auszutauschen, gemeinsam etwas zu erschaffen haben.“ (Empörung – meine Bilanz, 2012, S. 71)

Nirgendwo anders entsteht übrigens auch Gerechtigkeit – wenn die Beteiligten wissen, wie es geht. Aber wissen das nicht schon die Kinder?

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s