2012 Demokratisiert Euch! II

Nach einer ersten Skizze muss ich da jetzt weiter schreiben. Der neue Impuls wurde letztlich von Florian Hauschilds ausgesprochen knackigen Artikel „Gibt es eine Bewegung? – Call for Action #15j? gezündet, danke dafür!

Aber in Wahrheit laborier ich gerade die letzten Tage heftig daran. Und ich hab auch verschiedenes ausprobiert, z.B.: eine kleine Umfrage zum Thema: „Wenn die Menschheit so etwas wie eine Basis-Vereinbarung braucht, was müsst da Deiner Meinung nach drinnen stehen?

Florian Hauschild meint jedenfalls: „Die gesellschaftlichen Veränderungsprozesse sind von umfassenderer Natur.“ O ja, das sind sie. Noch nie hat es sieben Milliarden Menschen auf dieser Erde gegeben. Noch nie konnten sie so unmittelbar miteinander kommunizieren. Und das dürfte erst der Anfang sein.

Kein Wunder, dass dabei auch völlig neue Sozialstrukturen entstehen. Und die Hoffnung ist riesig, dass sich diese Strukturen so entwickeln, dass sie uns dem Ideal der Aufklärung, dem Jubel von Freiheit, Gleichheit, Geschwisterlichkeit, der Idee der Menschenwürde und den Freuden der Demokratie endlich einen entscheidenden Schritt näher bringen.

Demokratie. Ich gestehe: ich liebe diesen Begriff. Schon lange. Es war Liebe auf den ersten Blick. Ok, ich will Euch jetzt nicht mit dieser Beziehungsgeschichte langweilen. Es gab jedenfalls in meinem Leben kaum einen Begriff, der mich derart beschäftigt hat, bisweilen in Beschlag genommen hat.

Das Wesen der Demokratie

Lassen wir einmal alle historisch belasteten Begriffsherleitungen und politikwissenschaftlichen Definitionen beiseite. Im Grunde geht es doch darum, dass alle die von einer anstehenden Entscheidung betroffen sind, rechtzeitig und auf gleicher Augenhöhe in den Entscheidungsprozess eingebunden werden, und dass nach einem offenen Diskurs eine gemeinsame Entscheidung getroffen wird, mit der erstens alle können und die zweitens im Idealfall auch von allen Beteiligten mitgetragen wird.

Je umfassender eine Entscheidung umso so wichtiger wird der zweite Punkt. Realpolitisch speist sich daraus die Legimität einer Entscheidung, ihre Tragfähigkeit.

Die Fragestellung lautet also: Wie müssen sich 7 Milliarden Menschen vernetzen, damit diese Anforderung hinreichend erfüllt wird? Das wiederum fokussiert sich auf die Fragestellung: „Was brauchen wir, damit alle rechtzeitig die Informationen bekommen, die sie gerade benötigen.“

Hier kommt dann noch diese Frage ins Spiel: Wie viele Informationen kann ein Mensch auf Augenhöhe verarbeiten, nämlich aufnehmen und sinnfällig weitergeben? Und wie lange kann sie oder er das? Das wird je nach Veranlagung, Möglichkeit und Lebensalter stark variieren. Die zu bildende Struktur muss das auf alle Fälle berücksichtigen. Schließlich soll niemand unter- oder überfordert werden. Es soll ja auch Spaß machen.

Eine weitere Anforderung an die Struktur ist die, dass möglicht niemand verloren geht – nicht zuletzt deswegen, damit die Leute informiert werden können, wenn eine Entscheidung ansteht, die möglicherweise ihr Leben betrifft.

7 Milliarden plus. Das ist eine sehr große Zahl, viel zu groß, als dass sie ein einzelner Mensch überblicken könnte, geschweige denn, dass es schaffbar wäre, zu allen eine direkte, gelingende Beziehung zu unterhalten. Wir müssen Gruppen, Cluster bilden um überhaupt kooperieren zu können. Das ist ja auch genau das, was die Menschheit seit immer schon praktiziert. Und genau das ist heute vielleicht unser größtes Problem. Bisher haben wir uns in geschlossen gedachten Gruppen bewegt, nun müssen wir auch lernen in offenen Gruppen zu leben. Das ist ein gesellschaftlicher Veränderungsprozess von wahrhaft umfassender Natur. Wir schreiben gerade das haltgebende Koordinatensystem um.

Ich nehme jetzt einmal an, eine durchschnittlich überschaubare, lebbare, kommunikativ ausreichend vernetzte Gruppe umfasst 10 Personen. Dann bestünde die Menschheit gegenwärtig aus 700 Millionen solcher Gruppen. Und sie stehen jetzt vor dem Problem untereinander zu kommunizieren.

Wie kommunizieren Gruppen miteinander? Wie kommen die Infos dorthin, wo sie hingehören? Sie werden jeweils BotschafterInnen beauftragen müssen, die entsprechenden Kontakte zu pflegen. Diese BotschafterInnen werden sich nun ihrerseits irgendwie organisieren müssen und sinnfällige Gruppen bilden, damit das Kommunikationsnetz flächendeckend wird und erhalten werden kann. Damit auch das handhabbar bleibt, sollten BotschafterInnengruppen vielleicht auch nicht größer als zehn sein. Es bleiben dann immer noch 70 Millionen BotschafterInnengruppen. Die BotschafterInnen müssten aus ihrer Mitte wieder wen beauftragen, die Kontakte zu den Nachbarbotschaftergruppen zu halten.

Und so weiter: 7 Millionen, 700.000, 70.000, 7.000, 700, 70, 7 – damit läuft im schlechtesten Fall eine ideal aufbereitete Information über 20 Stationen.

Der Charme dieses Modells wäre, dass die BotschafterInnen, die zwischen immer mehr Menschen vermitteln und damit eine immer größere werdende Verantwortung tragen auch einige Beauftragungsstationen durchlaufen haben, wo sie jeweils persönlich gekannt werden und wo sie dementsprechend eingehend geprüft werden können, ob sie auch die passende Eignung mitbringen. Sie hätten zudem im Idealfall einen genau umrissenen Auftrag und ihr Mandat könnte zurückgezogen werden, wenn die jeweilige beauftragende Gruppe befindet, dass der Auftrag nicht im vereinbarten Sinne ausgeführt wird.

Die Gruppen sind in ihren Entscheidungen grundsätzlich autonom, so wie jede/r Einzelne grundsätzlich autonom in den eigenen Entscheidungen ist – das Recht geht vom Volk aus und damit von jeder/m Einzelnen von uns. Wenn ihre Entscheidungen aber möglichweise Einfluss auf das Leben anderer haben, muss der Dialog mit denjenigen gesucht und eine Lösung gefunden werden, mit der alle können. Mehr Regeln zur Strukturbildung bräuchte es eigentlich nicht.

Es ginge dann eigentlich nur mehr darum, diese Gruppen zu bilden, sie erkennbar zu machen und Kontaktleute zu wählen. Und die sollten rasch in die Gänge kommen und das Netz fertig bauen. Kein beneidenswerter Job, aber er gehört dringend getan 🙂

Viel Spaß! 🙂

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6 Antworten zu 2012 Demokratisiert Euch! II

  1. Micky Dyehard schreibt:

    http://www.dialoguedynamics.com/content/learning-forum/modules/consensus-palabre/article/the-african-palaver-tradition-and?lang=en
    hab leider kein „besseres“ Beispiel gefunden.

    Ich glaube auch hier, dass in Stammesgemeinschaften(!) viele Beispiele gefunden werden können, wie Konsens hergestellt werden kann.
    Obwohl schon z. B. auf der Klimakonferenz in Südafrika, oder zum Zwecke der „Versöhnung“ Ruandas auf solch jahrtausendealte „Rituale“ zurückgegriffen wird, sind wir doch nur selten bereit auf die zu hören, die wir als ausserhalb „unserer Zivilisation“ stehend sehen.
    Wenn wir hier von „Gesprächen auf Augenhöhe“ reden, wo sind dann die z.B. Maori, Arboriginals, Bushpeople und Indios/Indianer?
    „Wir“ sehen nach wie vor (meist tatenlos) zu, wie nach wie vor indigene Völker ausgerottet und assimiliert werden ohne zu erkennen, dass wir den Weisheitsschatz von Völkern ausrotten, die (zumindest) jahrhundertelange Erfahrungen(!!!) haben mit Dingen wie Konsensualgesellschaft, geldlose Wirtschaft, nachhaltige Ressourcennutzung, etc.!
    „Wir“ diskutieren unsere Probleme nur innerhalb des Kulturkreises, der ebendiese Probleme hervorgebracht hat!

    Ich plädiere für einen „Impuls von aussen“, in der Art in der die mittelalterliche Gesellschaft den Einfluß der Antike benötigte um zum Humanismus zu kommen.

    Der „indigene Widerstand“ formuliert seit Jahrhunderten Vorwürfe gegen uns, die den Argumenten von z. B. „occupy“ erstaunlich exakt entsprechen.
    Ich plädiere dafür, die Vorwurfe die den „weißen Teufeln“ gemacht werden ernst zu nehmen!

    siehe auch, z. B:
    http://www.nadir.org/nadir/initiativ/agp/de/pgainfos/hallmde.htm

  2. Christian Apl schreibt:

    Siehe dazu auch: Die Medien, das sind wir! Über den Auf- und Ausbau dezentraler Mediennetze -> http://the-babyshambler.com/2012/01/08/die-medien-das-sind-wir/

  3. Pingback: Demokratisiert Euch! | thebabyshambler

  4. Patrick Seabird schreibt:

    Ein spannender Artikel, danke!

    Habe mir erlaubt, hier zu antworten:
    http://patrickseabird.blogspot.com/2012/01/demokratisieren-wir-uns.html

    lg

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