2011 Postjournalismus – ein Reflex

Michel Reimon hat auf seinem Blog ein Buchkonzept zum Thema „Postjournalismus“ zur Diskussion gestellt: http://reimon.net/2011/11/27/postjournalismus-das-konzept/

Meine erste Reaktion drauf:

Hi Michel,

spannendes Projekt! Nach meinem persönlichen Geschmack würd ich mich allerdings nicht allzu lange bei der Analyse aufhalten. Dass “der Markt” mit seiner Weltinterpreation so gut wie alle gesellschaftlichen Bereiche geflutet hat und diese nun dominiert, ist doch schon völlig offensichtlich. Von allen Ecken und Ende dräut die Klage über die totale Vermarktung aller Lebensbereiche und den damit einhergehenden Absurditäten.

Ein marktorientiertes Gesundheitssystem muss Krankheit produzieren, damit es dem Wachstumsdogma gerecht wird. Ein marktorientiertes Bildungssystem muss dumm halten, weil selbstständig denkende Menschen nicht gar so konsumfreudig sind bzw. sich Besseres zu tun wissen, als ganze Tage in Shoppingmalls zu verbringen. Marktförmig gemachte Staaten betreiben Steuerdumping und würgen sich so ihre eigene Lebensgrundlage ab. Eine marktoptimierte Mobilität verstopft uns tagtäglich die Straßen mit überdimensionierten Isolationstanks. All diese und sicherlich noch einige Bereiche mehr werden durch die totale Vermarktung ad absurdum geführt bzw. legen die Selbstabschaffung nahe.

Nicht anders beim Journalismus. Das was heute unter Journalismus läuft, ist doch nicht viel mehr als das, was Postboten tun. Sie werden dafür bezahlt, dass sie eine Nachricht zu einem bestimmten Empfänger transportieren – idealerweise unter Wahrung des “Briefgeheimnisses”, also ohne dass sie auf die Nachricht inhaltlich Einfluss nehmen. Da der total vermarktete Journalismus sich selbst abschafft, ist auch die Bezeichnung “Postjournalismus” irreführend, weil es mit Journalismus überhaupt nichts mehr zu tun hat. Es sei denn, mensch versteht es in dem Sinne von Postbotenjournalismus :)

Was wir aber ganz dringend brauchen, ist ein frei recherchierender Journalismus und für den müssen wir die Freiräume, die er benötigt wieder aufbauen. Dorthin muss alle unsere Energie und Aufmerksamkeit gehen. Ich setze da schon sehr große Hoffnungen auf die Open Source-Bewegung und könnte mir vorstellen, dass so etwas wie Wikipedia auch im Journalismus möglich ist. Es gibt da ja auch schon jede Menge Initiativen in diese Richtung und es ist vermutlich nur eine Frage der Zeit, bis sich die soweit gebündelt haben, dass sich der Postbotenjournalismus weitgehend erübrigt.

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