2011 Demokratisiert Euch! I

Eine Skizze.

So sehr ich Stephane Hessel schätze und so wichtig „Empört Euch!“ und „Engagiert Euch!“ sind – das sollte wirklich jede und jeder gelesen haben – zumindest ein Baustein fehlt mir noch in der Reihe.

Die Empörung ist wichtig, sie ist der Indikator für Ungerechtigkeiten aller Art. So wie Angst eine mögliche Gefahr anzeigt.

Das Engagement ist ebenso wichtig, weil die Ungerechtigkeiten nicht von alleine aus der Welt verschwinden.

Die Demokratisierung ist dann aber auch notwendig, weil Ungerechtigkeiten gewaltfrei nur durch Dialog aus der Welt zu schaffen sind.

Demokratisierung bedeuten also, Dialoge so zu führen, dass Konflikte dauerhaft gelöst werden. Das lässt sich lernen.

Demokratisierung hat auch viel mit sozialer Nachhaltigkeit zu tun.

Sozial nachhaltig agiert ein Mensch, wenn sie oder er mit anderen so kooperiert, dass die anderen danach auch noch mit ihr oder ihm zu tun haben wollen.

Was ist Ungerechtigkeit? Was ist Gerechtigkeit?

Gerechtigkeit ist eine zutiefst subjektive Angelegenheit, die sich kaum ojektivieren, bestenfalls aber intersubjektivieren lässt. „Durchs Reden kommen die Leute zusammen“ sagt der Volksmund so schön. Durch das Gespräch wird intersubjektive Wahrheit – und eine andere steht uns genau genommen auch nicht zu Verfügung – erzeugt, eigentlich vereinbart.

Das Ergebnis eines (politischen) Dialogs ist also die Vereinbarung. Die GesprächspartnerInnen erkennen im Gespräch, was die gemeinsame Wahrheit ist.

Verhält sich das Gegenüber anders als das, was als gemeinsam wahr erkannt wurde, führt dies zu Irritationen, es wird als ausgrenzend und schließlich auch als ungerecht empfunden.

Wird das Gespräch gemieden, kommt das einem Diktat gleich. Die eigene Wahrheit wird den anderen aufoktroyiert, ohne dass diese die Chance hätten ihre Sichtweise einzubringen.

Wahrheit wird also entweder diktiert oder vereinbart. Die diktierte Wahrheit bindet Energie, umso mehr,  je ungerechter sie empfunden wird. Die vereinbarte Wahrheit setzt Energien frei, weil Gewissheit hergestellt wird. Und Vertrauen.

Demokratisierung heißt demnach auch, Kommunikation zu gewährleisten. Im Zeitalter der Menschenrechte muss das flächendeckend und global stattfinden.

Jedes humane Soziotop ist nicht anderes als ein Netz von Vereinbarungen. Die Ausgestaltung der Vereinbarungen obliegt jeder/m einzelnen.

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9 Antworten zu 2011 Demokratisiert Euch! I

  1. Johannes Knöbl schreibt:

    Es gibt drei faktische Größen für jeden Menschen:

    Ich
    Die Menschen, mit denen ich persönlich in Beziehung stehe
    Die Menschheit (in ihrer Verantwortlichkeit für die Welt)

    Alle anderen Größen sind grundsätzlich gedankliche Konstrukte (die politsch oft instrumentalisiert werden) seien das Vereine, Interessensgemeinschaften, Parteien, Feinde, Klassen, Stände, Staaten, Kontinente, Rassen …

    Das Politische setzt immer an so einem oder mehreren dieser gedanklichen Konstrukte an. Denn die Verantwortung bei den drei faktischen Größen ist relativ klar – mit mir selbst muss ich zu leben lernen, mit den Menschen, mit denen ich in direkter Beziehung stehe, liegt es in meiner Verantwortung Vereinbarungen zustande zu bringen und mit dem Grundgedanken, dass im Prinzip alles miteinander zusammenhängt habe ich eine klare Verantwortung für Alles – die Welt, daher gilt es als Menschheit gesamt nach geeigneten Lösungen und Vereinbarungen zu suchen.

    Die Herausforderung an eine neue politische Ordnung wäre es, genau mit diese drei Größen zu arbeiten.

    • Christian Apl schreibt:

      Ok, ich bin für mich einigermaßen überschaubar, meinen Bekantenkreis überblicke ich zumindest gefühlsmäßig. Aber wie ist das mit der Menschheit als Ganzes?

      Wie lebe ich 7 Milliarden Beziehungen? Außerdem nimmt die Anzahl der Beziehungen mit der Anzahl der Beteiligten überproportional zu. Zwei Menschen haben miteinander eine Beziehung, drei Menschen drei, vier Menschen haben miteinander schon 6 Beziehungen, fünf 10 Beziehungen. In einer Gruppe von 6 Menschen gibt es schon 15 Beziehungen.
      Die Anzahl (n) der Beziehungen (B) wächst mit der Anzahl der Menschen (M) nach Bn = Mn*Mn-1/2. Demnach könnten 7 Milliarden Menschen genau 7.000.000.000*6.999.999.999/2 Beziehungen eingehen. Das mag ich jetzt gar nicht ausrechnen. Viel zu viele um nur für irgendwen irgendwie sinnvoll bewältigbar zu sein.
      Trotzdem stehen heute schon so gut wie alle Menschen auf diesem Planeten miteinander in Kontakt. Es hängt alles mit allem zusammen. Irgendeine Form von Struktur gibt es also bereits.
      Es ist nur die Frage, ob die Struktur das kann, was wir von ihr bräuchten.

    • Stefan Keller schreibt:

      Lieber Christian,
      ‚gute Leute‘ sind immer Glücksache, vor allem in der Verwaltung. Ich bin
      diesbezüglich extrem verwöhnt von meinem ehemaligen Wohnort Baden. Die
      haben mehrere Preise gewonnen für bürgernahe Verwaltung. Die haben
      grundsätzlich bis in alle Amtstuben und politischen Ebenen hinein
      begriffen, dass die Steuerzahler ihren Job finanzieren und daher als
      (zufriedene) Kunden zu behandeln sind.

      Auf politischer Ebene ein wichtiges Element: jede/r kann abgewählt
      werden, wenn er/sie einen schlechten Job macht! Oder man kann ihre
      Projekte spätestens an der Abstimmungs-Urne zum Scheitern bringen.
      Sollte eine Vorlage nicht automatisch vors Volk kommen, kann man gegen
      einen Regierungs- oder Parlamentsbeschluss das Referendum ergreifen
      und somit vors Volk bringen. Aufwändig, aber wirkungsvoll. Gut
      geführte Gemeinden wie erwähntes Baden haben eine Kultur der
      Mitbestimmung bereits VOR Abstimmungen entwickelt – öffentliche Foren,
      Arbeitsgruppen, etc.
      Direkte Demokratie erhöht grundsätzlich die Qualität des öffentlichen
      Dienstes, das ist meine persönliche Wahrnehmung und Erfahrung. Kann
      ich in Euer Buch einbringen…
      Liebe Grüsse,
      Stefan

  2. Johannes Knöbl schreibt:

    Die Prozesse um zu diesen Vereinbarungen zwischen Menschen zu gelangen sollen möglichst offen und transparent gestaltet sein. (Demokratie hat zwei Grundsäulen: Offenheit – das heißt die grundsätzliche Beteiligungsmöglichkeit aller Betroffenen und Transparenz: Das heißt die Methode mit der die Vereinbarungen getroffen werden, so wie die praktische Umsetzung dieser Vereinbarungen sollten möglichst für Alles nachvollziehbar sein):

    Die Grundbausteine, um die Prozesse demokratisch zu halten, sollten so angelegt und vereinbart sein, dass sie für alle Größen funktioniert – d.h. für alle drei faktischen und alle konstruierten Größen.

    Hier besteht auch ein großer Bildungsauftrag – weil Demokratie grundsätzlich erlernbar ist, vielfach selbst in ihren Grundbausteinen von Vielen erst erlernt werden muss. (Bei unseren bestehenden Schulsystem etwa kein Wunder warum solche Bildungslücken bestehen.)

    • Christian Apl schreibt:

      Die Vereinbarung ist der Grundbaustein aller wirklichkeitswirksamen Konstrukte. Je nach Anzahl der Beteiligten und Ausstattung mit Legitimität heißt sie dann Konvention, Verfassung, Gesetz, Richtlinie, Resolution, Erklärung, Statut, Vertrag etc.

      Die Qualität einer Vereinbarung hängt davon ab, für wie gerecht sie empfunden wird, was auch damit zusammenhängt, wie gerecht sie zustande gekommen ist.

  3. Christian Apl schreibt:

    Ja, die Diskussion und Projektentwicklung geht jetzt hier weiter: http://demokratiehandbuch.wordpress.com/

  4. Christian Apl schreibt:

    da beschäfigen sich auch schon etliche Leute damit, was nach der Empörung kommt: http://jacobjung.wordpress.com/2011/12/26/wir-sind-emport-und-jetzt/

  5. Pingback: Demokratisiert Euch! II | Mein Geld- und Öl-Blog

  6. Christian Apl schreibt:

    Rückbesinnung auf bereits bewährte Organisationsformen: die Genossenschaften
    http://networkedblogs.com/tVRjB

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