2011 Das Auto

von Christian Apl, Samstag, 1. Oktober 2011 um 01:29

Das Auto ist ebenso wie das Handy, der Fernseher, die Waschmaschine und ähnliche Dinge, die uns das Leben meist angenehmer machen, wohl zum Leitfossil unserer Epoche geworden. Wenn Archäologen in sagen wir 10.000 Jahren Ausgrabungen anstellen, werden sie anhand der gefundenen Autowracks aufs Jahr genau bestimmen können in welcher archäologischen Schichtung sie gerade Untersuchungen anstellen.

„Ich habe drei Autos, aber wenn mir hier etwas in meine Aussicht gebaut wird, ziehe ich weg. Das heißt ja dann auch mehr Verkehr!“

Alle wollen Auto fahren, aber niemand will den Verkehr.

Alle wollen Parkplätze vor der Haustüre.

Viele fahren Auto, weil sie sich als FußgängerInnen oder Radfahrende unsicher fühlen.

Die öffentlichen Räume, dort wo früher die Kommunikation stattgefunden hat, werden zur sprachlosen Zone.

Viele fahren Auto, weil sie nichts anderes gewohnt sind. Das Auto wird für sie zur einzig denkbaren Outdoorgarderobe.

Das Auto als mobiler Isolationstank. Ein individuelles Ghetto im öffentlichen Raum.

Das Auto als mobiles Wohnzimmer.

Das Auto als mobile Intimssphäre.

Autofahren ist und macht bequem. Auf keine andere Weise kann sich ein Mensch mit so wenig persönlichem Energieaufwand von A nach B bewegen.

Macht Autofahren süchtig?

Das Auto als gewohnte, vertraute und sichere Umgebung in einer offenbar feindlich gesinnten Umwelt.

Das Auto als widerspenstiges soziologisches Thema.

Das Auto als Mittel die eigene Angst vor der Freiheit zu bekämpfen?

Das Auto als Schutzwall. Wovor?

Das Auto als gepanzertes Mobilitätsgehäuse passt nur zu gut in unsere Zeit.

Das Auto ist ein Problem. Vor allem sein massenhafter Einsatz in Umgebungen, die nicht danach konzipiert wurden. Unsere Städte und Ortschaften sind überwiegend in einer Zeit entstanden, wo von Auto noch überhaupt keine Rede war. Sie sind nach rein menschlichen Maßstäben konzipiert. Nämlich nach dem Platzbedarf, den ein Mensch im öffentlichen Raum braucht, sagen wir einen halben Quadratmeter. Für ein Auto kann man zur Zeit einen Platzbedarf von etwa 12 m2 – Tendenz steigend(!) – rechnen. 24 mal mehr als ein unmechanisierter Mensch (FußgängerInnen) in Anspruch nimmt. Zu dieser Fläche müsste man noch den Raum hinzuzählen, der durch Lärm und Abgase in Anspruch genommen wird. Ganz zu schweigen, wenn der Flächenbedarf dazugerechnet wird, den Energie- und Ressourcenversorgung verbrauchen.

Unsere Städte platzen aus allen Nähten, sie sind dem zusätzlichen Platzbedarf im buchstäblichen Sinn nicht gewachsen. Absurderweise führt das dazu, dass dadurch auch die, die ohne Auto auskommen könnten, in die Autos getrieben werden und so auch der letzte öffentliche Raum herhalten muss, um dem Auto geopfert zu werden.

Das Auto ist eine Konfliktvermeidungsstrategie.

Aber wohin soll das führen, wenn die Menschen nicht mehr mit Konflikten umgehen können? Wo sollen sie das trainieren? Wo lernt man das dann?

Im Auto auf Kuschelkurs.

Aber kein Ich ohne Du und umgekehrt.

„Wieso soll ich mich mit Leuten abgeben, die ich nicht mag?“

Die Konfliktvermeidungsstrategie führt in die soziale Isolation. Die Menschen, die man mag, werden immer weniger. Sie müssen immer identischer mit einem selber werden. Es scheitert schließlich an der absoluten Einzigartigkeit jeder/s Einzelnen. Wir scheitern an dem, was uns eigentlich zu Menschen macht, an der eigenen Einzigartigkeit. Es ist wirklich absurd.

Wir müssen uns Konflikten stellen. Wir müssen lernen, sie zu bearbeiten. Es ist nicht so schwierig, wenn man sich ein bisschen bemüht. Natürlich ist es meist auch mit einem gewissen Aufwand verbunden. Geduld, Aufmerksamkeit, ein wenig Empathie können schon auch anstrengend sein.

Aber Himmel! Herrgott! Wer will in einem Meer von Marzipan verschimmeln? Wen ekelt die Cosyzone nicht irgendwann abgrundtief an? Das ist doch schon peinlich in einer „Leistungsgesellschaft“.

Macht übermäßiger Autogebrauch paranoid?

Wie wirkt das Auto eigentlich auf Menschen?

Liebe Mitlesende, liebe Mitdenkende,

wie Ihr sicher schon gemerkt habt, laboriere ich gerade heftig an der Verkehrsproblematik. Sorry, dass ich Euch hier keine fertigen Texte anbieten kann. Das Thema ist ein echter Hammer! An Komplexität und psychologischem Tiefgang von kaum etwas zu überbieten und auch was die offensichtliche Absurdität betrifft durch kein anderes Thema zu schlagen.

Vielleicht auch gerade deswegen, hab ich mich in das Thema verbissen. Natürlich auch berufsbedingt. Als geschäftsführender Gemeinderat für Mobilität und Nachhaltigkeit in Perchtoldsdorf verstehe ich es auch als Teil meines Jobprofils, mir über diese Probleme Gedanken zu machen. Und das tue ich auch bis in so manche schlafarme Nacht.

Wie man es auch dreht und wendet, man kann letztendlich keinen zusätzlichen Platz herbeizaubern, wo einfach alle Platzreserven aufgebraucht wurden. Jahrzehntlang wurde Politik für Leute gemacht, die ihre 12 Quadratmeter plus wie selbstverständlich in Anspruch nehmen, und das in einer Umgebung, die für Leute, die mit einem halben Quadratemeter zurecht kamen, gewachsen ist.

Die Problematik schreit nach drastischen Lösungen: „Straßen auf Maximalbreite ausbauen. Alle müssen Autofahren („de Radlfohra ghern jo olle daschossen“). Gehwege, öffentliche Vekehrsmittel rückbauen.“

Die Empfehlung, weniger Auto zu fahren, ist schon wieder zu drastisch. Die Empfehlung, völlig aufs Auto zu verzichten, ganz und gar denkunmöglich.

Es ist absurd.

Es werden Opfer verlangt, aber immer nur von den anderen.

Alle wollen Gerechtigkeit, aber selbst gerecht zu sein, ist dann doch schon wieder zu viel verlangt.

Das Auto ist ein Gerechtigkeitsthema.

Das „unantastbare“ Eigentum ist mobil geworden.

Wem gehört der öffentliche Raum?

Liebe Mitlesende, liebe Mitdenkende,

ich weiß da draußen sind ein paar, die von dem Thema auch gequält werden. Ich sehe eigentlich keine andere Möglichkeit mehr, um die Problematik doch noch irgendwie nachhaltig zu lösen, eine Bewusstwerdungs-Kampagne zu starten, die sich gewaschen hat. Wer wäre dabei? Vielleicht können wir auch die vielen Aktivitäten, die es zu dem Thema glücklicherweise schon gibt, bündeln und so verstärken, also eine andere Möglichkeit seh ich da eh nicht.

Diese Kampagne darf mMn keinesfalls zu einer Hetze gegen „die Autofahrer“ ausarten. Die Autolobby ist mächtig und kann medial viel Wind machen. Das würde letztlich Krieg auf den Straßen bedeuten und das kann kein Mensch wollen.

Letztendlich werden wir also jede/n einzelnen sanft aus ihrer/seiner Blechbüchse herauslocken müssen. Viel Überzeugungsarbeit! Und wir müssen auch versuchen, durch intelligente Aktionen, den öffentlichen Diskurs darüber zu beleben – nach dem Motto: Wer will, dass die Rosen wachsen, muss sie auch gießen.

Würd mich über ein Zeichen freuen 🙂

Autofahren ist sexy. Über die Probleme, die das sonst so mit sich bringt, zu sprechen ist absolut uncool.

Das Auto als Statussymbol.

Das Auto als Penisatrappe.

Das Auto als motorisierter Rollstuhl.

Wer geht, sitzt nicht im Auto.

Der Anteil der Menschen, die primär zu Fuß gehen, ist  – abgesehen von körperlichen Beeinträchtigungen – 100% – erst sekundär steigen 80% ins Auto ein.

Jede Woche ein Weg mehr, den ich nicht mit dem Auto erledige.

Verein der anonymen Autofahrer.

Autofreie Selbsthilfegruppen.

Initiativen für autofreie Siedlungen.

Stiftungen zur Gestaltung öffentlicher Räume.

Nach dem „Zeitalter des Untertanen“ „geht das „Zeitalter des Narzissmus“ bereits mit der nächsten psycho-historischen Entwicklungsstufe schwanger. Das Innenleben des allseits kompatiblen und fungiblen Menschen, den Markt, Wirtschaft und Pädagogik propagieren, weist eine große Ähnlichkeit mit dem eines Menschentypus’ auf, den wir heute noch als „Psychopathen“ stigmatisieren und den Gefängnissen und forensischen Psychiatrien überantworten. Wenn hier vom „Psychopath“ die Rede ist, ist nicht die umgangssprachliche Bedeutung gemeint, die darunter einen „durchgeknallten, unberechenbar-brutalen Typ“ versteht, sondern eine psychiatrische Diagnose, die in jüngerer Zeit von den amerikanisch-kanadischen Psychiatern Cleckley und Hare formuliert wurde. Die Diagnosemanuale beschreiben den „Psychopath“ als zur Einfühlung in andere unfähig, oberflächlich charmant, anpassungsfähig, zynisch-kalt, bindungs- und skrupellos und ausschließlich an privater Nutzenmaximierung interessiert. Das sind genau die Eigenschaften, die die Hasardeure und Gurus der New Economy und der Finanzwelt aufweisen, die uns an den Rand des Abgrunds manövriert haben und weiter manövrieren“ (Quelle).

Man kann wohl davon ausgehen, dass das Auto bei dieser Entwicklung eine entscheidende Rolle gespielt hat. Die physikalische und mentale Vernichtung des öffentlichen Raums muss eine Folge des ausschließlich an privater Nutzenmaximierung orientierten Interesses sein.

Das Auto als Symptom einer „kollektive Basisstörung, die innerhalb einer Gesellschaft keinen Krankheitswert besitzt, sondern den ihr gemäßen Sozialcharakter ausmacht“ (Quelle). An den öffentlichen Räumen lässt sich ablesen, wie es einer Gesellschaft geht, insbesondere wie krank sie ist.

„Man kann den Leuten nicht einfach ihr Auto wegnehmen“ – eh nicht, aber sie sollten über die Folgen von dessen exzessiven Gebrauch Bescheid wissen. Dann werden es die allermeisten ohnehin gerne stehen lassen. Das beginnt bei den tausenden Unfalltoten und millionen Verletzten, die diesem Mobilitätssystem geopfert werden – eigentlich ein kriegsähnlicher Zustand – und reicht bis in die Auslöschung öffentlicher Räume. Also jener Räume, in denen Demokratie gedeiht…

„Weniger Autofahren, mehr Lebenslust“

Wegzeit ist Lebenzeit.

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