2011 Vom Geben, Nehmen, Ausgleichen und Nichtausgleichen oder: Warum müssen Menschen tauschen? Müssen Menschen tauschen?

Raimund Dietz bezeichnet in „Geld und Schuld“ das Geben und Nehmen, das Ausgleichen und Nichtausgleichen als die Grundoperationen der Wirtschaft (S . 61).

Leider beginnt er das Grundlagen-Kapitel mit einem schrecklich hinkenden Vergleich: „Das, was für Organismen der synaptische Kontakt ist, ist für die Wirtschaftsgesellschaft der Tausch“ (S. 30). Wohl präzisiert er in der Fußnote: „Der Unterschied zwischen synaptischen Kontakten und dem Tausch ist allerdings der: hier fließen Informationen in eine Richtung, dort sind sie bidirektional“ (ebd.), dennoch ist mir die Bild analytisch zu stark verkürzt, ja verdächtig, irrezuführen.

Das Bemühen menschliche Strukturen anschaulich darzustellen ist vermutlich so alt, wie die Strukturen selbst. Eine sprachwissenschaftliche Untersuchung von Begriffen wie Gesellschaft, Gruppe, Stamm, Volk, Staat, Familie, Firma und ähnlichen müsste diesbezüglich ziemlich lohnend sein und interessante Ergebnisse liefern.

Sehr beliebt ist ja spätestens seit Thomas Hobbes‘ Leviathan der Vergleich von menschlichen Strukturen mit Organismen. Wobei hier an Mehrzeller bzw. gleich an menschliche Organismen gedacht wird. Der Hobbessche Leviathan setzt sich aus Menschen zusammen, die in Summe den Staat bilden, genauso wie Körperzellen in Summe einen Menschen bilden. Alles hat seine Ordnung, jeder hat seinen Platz.

Begreift man Wirtschaft in erster Linie als Allokationsproblem hat der Vergleich mit Organismen durchaus seine Reize. Auch ein Organismus hat Allokationsprobleme und diese auf seine Weise gelöst, sonst könnte er nicht überlebt haben. Der Vergleichsansatz scheint auch deshalb tauglich, weil sowohl am Organismus als auch an der Wirtschaft eine große Zahl von Zellen/Subjekten produzierend und konsumierend beteiligt sind und auch vergleichsweise riesige Mengen bewegt werden.

Das Materialmanagment eines Organismus ist so „organisiert“, dass der Organimus weiterleben kann und es erfüllt diese Aufgabe damit hinreichend effizient. Im Wesentlichen geben die Zellen das, was sie produzieren, in einen gemeinsamen Raum ab und entnehmen diesem auch das, was sie benötigen. Aus Sicht der einzelnen Zelle könnte es nicht einfacher sein. Nach diesem Prinzip funktioniert auch die gesamte Biosphäre.

Natürlich gibt es in Organismen auch zahlreiche Steuerfunktionen, die darauf wirken, was und wieviel Zellen produzieren. Das ändert allerdings nichts am Grundprinzip: Produziertes wird in einen gemeinsamen Raum eingespeist und Benötigtes diesem gemeinsamen Raum entnommen. Wenn das Benötigte nicht vorbeikommt, wird auch nichts produziert.

Und es gibt kein Verrechnungssystem. Das ist auch der Grund, warum der Vergleich Organismus – Wirtschaft hinken muss. Unsere Wirtschaft funktioniert zur Zeit nur streng bidirektional, Ware muss gegen Geld getauscht werden. Das einfache Geben und Nehmen im Organisamus wird im aktuellen menschlichen Wirtschaftssystem, das grundlegend ja auch nichts anderes bewerkstelligen sollte, als die Materialien, die benötigt werden, bereitzustellen, von einem zweiten gegenläufigen System überlagert, das dem menschlichen „Hang“ ja sogar „Zwang“ zum Ausgleich (vgl. Dietz 2011, 31) geschuldet ist.

Spinnt man diesen Gedanken weiter und stellte sich die Frage, wie bzw. ob ein Organismus funktionieren würde, wenn er über das reine Geben und Nehmen hinaus auch möglichst unmittelbar „ausgleichen“ würde, stellen sich gewisse Zweifel ein. Zusätzlich zum Energiebedarf des normalen Stoffwechsels muss auch Energie für die Tausch- oder Ausgleichsarbeit aufgebracht werden. Im Blutkreislauf wären darüber hinaus „Händlerzellen“ unterwegs, die neben dem Material, das jedenfalls (!) vor Ort gebracht werden muss, auch für sich selbst und die Verrechnungseinheiten (das Geld) Raum einnehmen würden und ihre „Ware“ nur den Zellen „verkaufen“ die sie auch „bezahlen“ können, sonst würden sie damit weiterziehen. Ein Organismus, der dem menschlichen Wirtschaftssystem nachgebildet wäre, würde bei gleicher Leistung wesentlich größer, um nicht zu sagen aufgebläht, sein müssen und in Summe reichlich ineffizient. Auch Dietz kommt zu diesem Ergebnis: „Der Hang oder Zwang zum Ausgleich verhindert daher die Leistung und beschränkt das Potential menschlichen Zusammenwirkens“ (Dietz 2011, 34).

Der Unterschied ist derart eklatant, dass es dringend angezeigt scheint, die Ursachen für diesen Hang oder Zwang zum Ausgleich genauer zu untersuchen. Offenbar ist das Bedürfnis zu tauschen ein rein menschliches, vermutlich sogar ein rein psychologisches Phänomen. Und als alter Konstruktivist juckt es mich sehr zu testen, ob denn der Mensch nicht auch ohne Tauschzwang denkbar ist. Spontan kann ich mir das sehr gut vorstellen, aber schauen wir uns das genauer an.

Nach Dietz zeigen neueste Studien (die leider nicht zitiert werden), dass sich der Hang zum Ausgleich schon beim Säugling zu bilden beginnt (vgl. Dietz 2011, 34). Tatsächlich ist oft zu beobachten, das es zu gröberen Unannehmlichkeiten führen kann, wenn man einem Säugling etwas wegnimmt und manchmal kann die Ruhe auch wiederhergestellt werden, wenn man ihm etwas anderes stattdessen reicht. In diesem Fall ist der Tausch eine geeignete Strategie um offenkundige Bedürfnisse zu befriedigen. Psychologisch dürfte dabei eine Art Trennungsschmerz wirksam werden, der für den Säugling existenziell, also lebensbedrohlich sein muss und auch so artikuliert wird, solange er nicht zwischen dem „Ich“ und der „Außenwelt“ zu differenzieren vermag.

Jetzt stellt sich allerdings schon die Frage, ob der durch den Trennungsschmerz induzierte Hang oder Zwang zum Ausgleich eine Folge des noch nicht ausgebildeten Differenzierungsvermögens ist, das durch geeignete Bildung hergestellt werden könnte, oder ob die Angelegenheit nicht doch noch ein Stück tiefer sitzt.

Ich muss noch einmal zum Vergleich mit der Zelle in einem Organismus zurückkommen. Da ist doch ein sehr interessante Aspekt, dass die Zelle ihre Produkte gewissermaßen „freiwillig“ (natürlich wird diese Abgabe mitunter durch diverse Steuerungsmechanismen „angeregt“) in den Blutkreislauf abgibt und damit auch keinen Trennungsschmerz kennen würde, verfügte sie über eine menschliche Psyche. Die anderen Zellen verwenden diese Produkte je nach „Bedürfnislage“ und das ganze Werkel funktioniert – sehr erstaunlicherweise, wie ich hier anmerken möchte.

Würde der Zelle etwas genommen werden, das sie für ihren Fortbestand benötigt, das zu ihr in diesem Sinne gehört, würde sie eingehen, zumindest aber in ihrer Funktion beeinträchtig sein. Dem Säugling mit seinem noch nicht voll ausgereiften Interpretationsapparat gehört gewissermaßen alles, was in seinem Aufmerksamkeitsfokus erscheint. Und es macht auch evolutionär betrachten großen Sinn, wenn sich ein Säugling bemerkbar macht, wenn er möglichweise in seinem Gedeihen oder gar in seiner Existenz bedroht ist.

Insoferne ist der Tausch für Menschen, die ja auch als Erwachsene ihre Umwelt in erster Linie nach förderlich oder bedrohlich interpretieren müssen, von existenzieller Bedeutung. Alles was als „existenzerhaltend“ eingestuft wird, gehört (zu) einem bzw. umgekehrt, man will besitzen, was man als gedeihlich für die eigene Existenz erachtet.

Der dabei mögliche Interpretationsspielraum ist so weit und vielfältig wie es Menschen gibt und es ist eigentlich ein Wunder, dass sich ein einheitliches System etabliert hat. Andererseits nährt dieser Umstand aber auch den Verdacht, dass da sehr viel Gewalt im Spiel ist…

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Eine Antwort zu 2011 Vom Geben, Nehmen, Ausgleichen und Nichtausgleichen oder: Warum müssen Menschen tauschen? Müssen Menschen tauschen?

  1. Raimund Dietz schreibt:

    (Kommentar aus Dubai, daher sind die Umlaute ausgeschrieben.)

    Herr Apl findet meinen Vergleich zwischen dem gesellschaftlichen Organismus, der m.E. auf Tausch beruht, und dem biologischen Mechanismus, der auf Synapsen beruht, schief und gefaehrlich. Vergleiche gesellschaftlicher Organismen mit biologischen sind tatsaechlich gefaehrlich, vor allem dann, wenn man biologische Vorgaenge auf gesellschaftliche zu uebertragen versucht. Jeder „Organismus“ konstituiert sich auf seine Weise. Man kann zwar Bilder eines anderen Mechanismus verwenden, um Vorstellungen anzuregen, darf sie aber nicht 1:1 uebertragen.

    Die zentrale These meiner Arbeit ist, dass der Tausch die basale Form ist, durch die die Bildung menschlicher Gesellschaften zustande kommt. Der Tausch, der selbst wiederum aus den drei Elementen: dem Geben, Nehmen und Ausgleichen besteht, ist zweifelsohne ein Kontakt im Sinne einer Synapse zwischen bestehenden Elementen (Individuen) des gesellschaftlichen Organismen, durch den sich dieser Organismus als solcher reproduziert. Um diese These zu kritisieren, muesste man nachweisen, dass der Tausch als Element der Reproduktion moderner, arbeitsteiliger Gesellschaften kontingent ist, d.h. dass es hierfuer einen Ersatz (funktionales Aequivalent) gibt. Dieser Nachweis wurde zwar von niemandem gefuehrt, gleichwohl hat sich aber noch niemand (ausser Georg Simmel und mir) systematisch der Muehe unterzogen, nachzuvollziehen, welche gesellschaftskonstituierenden und zivilisatorischen Wirkungen von ihm ausgehen. Nichtsdestotrotz ist der Widerstand gegen die Anerkennung dieser Grundtatsache betraechtlich, und der Einwand von Herrn Apl nur ein Beispiel fuer ihn.

    Als Alternative zum Geben, Nehmen und Ausgleichen scheint Herrn Apl ein unmittelbare Allokation vorzuschweben, bei der sich alles „möglichst unmittelbar ausgleichen würde“. Offenbar irritiert (nicht nur) Herrn Apl, dass in der buergerlichen Gesellschaft nicht wie beim natuerlichen Organismus das Produzierte „nicht in einen gemeinsamen Raum eingespeist und Benoetigtes diesem gemeinsamen Raum“ nicht direkt entnommen wird, sondern alles bidirektional erfolgt.

    Es gibt sicher gute Gruende, warum sich die Natur so organisiert und die Wirtschaft bzw. Gesellschaft anders. Um der Weisheit der Natur bzw. der Weisheit der Gesellschaft nachzugehen, gilt es, zu verstehen, wie sich diese sehr unterschiedlichen Organismen organisieren. Gewiss darf man die Gesellschaft nicht dafuer „ohrfeigen“, dass sie sich nicht so organisiert, wie die Natur. (Ob wir die Natur wirklich richtig verstanden haben, steht ueberdies in Frage.)

    Die traditionelle Wirtschaftswissenschaft beurteilt die Wirtschaft nach den Normen der Mechanik. Eine organizistische orientierte Wirtschaftwissenschaft sollte nicht in den Fehler verfallen, Gesetze der Biologie auf die Gesellschaft uebertragen und letzere ihren Normen unterwerfen zu wollen. Ich moechte auf keinen Fall ein System hoeherer Ordnung nach den Massstaeben einer niedrigeren beurteilt wissen.

    Die Dankbarkeit, von der Herr Apl im vorigen Blog spricht, koennte auch darin bestehen, die grosse Weisheit, die in der Gesellschaft als grossem (ueber Geld vermittelten (Tauschzusammenhang) wirkt, anzuerkennen und anzunehmen. Das hat bisher die Gesellschaftswissenschaft nicht zuwege gebracht. Ich plaediere fuer eine systemimmanente Gesellschaftsanalyse. Dazu bedarf es aber die prinzipielle Anerkennung des Tausches als basalem Element der Gesellschaftsbildung. Bisher sind unsere Koepfe noch voller Ablehnung dagegen. Verstand ist oft purer Widerstand. Will sagen: Verstand ist nicht immer Ausdruck der Weisheit, sondern oft Widerstand gegen die Weisheit, die in der Welt herrscht. Wir sind mittlerweile dabei, die (komplexe) Weisheit der Natur anzuerkennen, die Weisheit, die in der (tauschenden) Gesellschaft liegt, muessen wir erst entdecken. Dazu dient mein Buch.

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