2011 Wozu brauchen wir das Geld wirklich?

Ich komme endlich dazu, die gedruckte Ausgabe von Raimund Dietz‘ „Geld und Schuld“ durchzuarbeiten. Das Manuskript durfte ich ja schon vor Weihnachten mit zunehmendem Vergnügen lesen. Raimund Dietz hat es aber noch kräftig überarbeitet. Ich bin eben mit der Einleitung fertig geworden und schon muss ich unterbrechen, weil es mir ein paar schwerwiegende, zumindest mich nicht mehr in Ruhe lassende Fragen aufgeworfen hat.

Vor der Lektüre des Manuskripts hatte ich noch einen recht engen Begriff von „Geld“, der weitgehend mit dem Alltagsbegriff übereinstimmte. „Geld und Schuld“ hat mir diesen Begriff eindeutig erweitert, vollends dann aber auch Franz Hörmanns und Ottmar Pregetters „Das Ende des Geldes“, das ich kurz nach Erscheinen nachgerade verschlingen musste.

Diese beiden Werke – obwohl sie in vielen Dingen absolut nicht vergleichbar sind – spannen in inhaltlicher Hinsicht ein wie mir scheint äußerst fruchtbares Spannungsfeld auf, das Hoffnung macht, jetzt nun doch unmittelbar vor dem „großen Durchbruch“ in Sachen Geldtheorie zu stehen.

Geld ist ja schon lange nicht mehr nur Münzen und Scheine, vielfach handelt es sich nur noch um digitale Einträge in irgendwelchen Datenbanken, die nach bestimmten Regeln verändern werden. Oft nach dem Muster: Bestellung – Auftragsabwicklung – Rechnungslegung – Überweisung. Die beauftragte Leistung wird mit einem hoffentlich vorher vereinbarten Preis abgegolten. Leistung erzeugt Gegenleistung. Wenn das in einem Verhältnis erfolgt, das beide GeschäftspartnerInnen zufrieden stellt, kann mensch sogar von einem sozial nachhaltigem System sprechen.

Ein wesentliches Merkmal sozialer Nachhaltigkeit ist nach meinem Dafürhalten ja, dass die Beteiligten nach einer abgeschlossenen Interaktion jederzeit wieder freiwillig in eine Interaktion eintreten. Und die Abwicklung eines Geschäftsfalls ist sicherlich eine soziale Interaktion.

Ein doch recht störendes Element dieser Interaktion ist allerdings, dass die Erbringung der Gegenleistung einen Zeitaufwand nach sich zieht, der im Grunde nicht wirklich produktiv ist – einmal abgesehen von der wichtigen Funktion der Erhaltung des sozialen Friedens im gegenwärtigen System. Also ich würde die Zeit, die ich damit verbringe, meine Leistungen in Rechnung zu stellen, viel lieber für Produktiveres, tatsächlich Notwendiges verwenden.

Manchmal habe ich auch die Fantasie einer implantierten USB-Schnittstelle, die automatisch die notwendigen Buchungsvorgänge vornimmt, just in time und ohne lästige Verrechnungsarbeit. Aber das ist mir doch zu makaber.

In jüngster Zeit geht mir ein Bild im Kopf um, wo ich die Buchungen in einer Art Facebook vornehmen kann, eine Art Talentebook, wo die Währung „Dankeschön“ gilt. Die, die viel für die Gemeinschaft, für andere tun, haben ein dickes „Dankeschön“-Konto. Die, die ein schlankes oder gar negatives „Dankeschön“-Konto haben ziehen die Aufmerksamkeit der Hörmannschen „WEG-Begleiter“ auf sich, die Kontakt aufnehmen und sich erkundigen, wo es gerade hängt, wo die soziale Interaktion nicht gelingt und entsprechende Hilfestellung geben.

Da sich Geld ja mittlerweile derart abstrahiert hat, ist eigentlich gar nicht einzusehen, wieso die Geschäftsfälle nicht in „Dankescheinen“ abgegolten werden können.

Das führt uns nun zu der alles entscheidenden Frage: wozu brauchen wir das Geld wirklich? Geld ist heute im Grunde ein weitgehend allgemein gültiges Zertifikat, das den Inhabern bestätigt, dass sie eine wie immer geartete Leistung erbracht haben. Die Leistungsempfänger bestätigen damit gegenüber Dritten, dass die Leistungserbringer etwas für sie Sinnvolles getan haben und mit Besitz des Zertifkats nachweisen können, dass sie Geschäftsfälle ordnungsgemäß, konventionskonform abwickeln können und damit vertrauenswürdig sind.

Ich weiß, das klingt jetzt reichlich seltsam und abstrahiert, aber spätestens seit die Golddeckung für Geld aufgegeben wurde, ist Geld im Grunde nichts anderes mehr. Dem Geld steht kein realer Wert mehr gegenüber, es handelt sich nur noch – je nach Perspektive – um Vertrauens- bzw. Misstrauenszertifikate, die das Wirtschaftsleben in für den einzelnen unüberschaubaren Gesellschaften ermöglichen und aufrecht halten.

Wenn mensch davon ausgeht, dass damit die wesentliche Funktion von Geld umrissen ist und weiters, dass Geld mit Dietz eine für die Wirtschaft wirklichkeitsmächtige Erscheinung genauso wie die Sprache für die Welt ist, dann erscheint es auch ziemlich logisch die Funktion des Geldes sprachlich abzubilden und rein sprachlich zu organisieren.

Tatsächlich stehen in überschaubaren Gemeinschaften dem Geben und Nehmen fast ausschließlich das rein sprachliche Bitte und Danke gegebenüber. Hier reicht es oft, zu wissen oder darauf zu vertrauen, dass das Gegenüber die erbrachte Leistung nicht augenblicklich ausgleicht, sondern sich dann erkenntlich zeigen wird, wenn es wirklich notwendig ist.

In unüberschaubaren Gesellschaften geht es eigentlich nur noch darum, diese „innere Buchhaltung“ auch für andere transparent zu machen und damit die Vertrauenswürdigkeit auch für Anonyme nachvollziehbar zu belegen.

Da tun sich jetzt natürlich einige Fragen auf. Einerseits entspricht die Menge der in der Welt befindlichen „Dankescheinen“ genau den in der Welt erbrachten Leistungen, was ja eine wesentliche Forderung an ein Geldsystem ist. Andererseits: wozu brauche ich Dankescheine für von mir erbrachte Leistungen, wenn ich die mir erbrachten Leistungen durch die Ausstellung eines eigenen Zertifikats bewerkstelligen kann. Die „Geldschöpfung“ geschieht damit ja durch die, die Leistungen anderer in Anspruch nehmen. Aber warum eigentlich nicht. Es spricht ja auch nichts dagegen „Dankescheine“ zu horten. Und auch nichts dagegen, Dankescheine zurückzunehmen, wenn die erbrachte Leistung ihren Wert für den Empfänger verloren hat, wenn es denn unbedingt sein muss.

Wir brauchen so etwas wie ein Thanksbook! Damit könnten wir experimentieren und evaluieren, ob sich auf dieser Basis ein adäquates Geldsystem für eine globale Gemeinschaft aufbauen lässt. Kann das wer programmieren? Das wäre mir mindestens 1000 Dankescheine wert 🙂

Womit wir dann auch bei dem Problem der für alle verbindlichen und einheitlichen Quantifizierung und Qualifizierung von diesen „Gelt“-Einheiten (nach Hörmann und Pregetter) sind. Oder einfacher ausgerückt: Wie schwer ist ein Dankeschön? Gibt es einen allgemein anerkennbar machbaren Maßstab für Danke? Was wäre gerecht? Mir fällt jetzt nur die Lebenszeit als Grundlage ein. Was wäre die kleinste Zeiteinheit, die ein Dankeschön rechtfertigt? Wieviel Lebenszeit muss ich mindestens aufbringen um ein Dankeschön zu ernten? Mit bespielsweise sechs Minuten als kleinster Einheit, erntet mensch für eine Stunde eingesetzter Lebenszeit 10 Dankeschön.

Aber das wird wohl auch Gegenstand des Experiments sein, einen passenden Wertmaßstab zu entwickeln. Grundlegend geht es jedenfalls darum eine letztendlich global verbindliche, weil glaubwürdige Werteinheit zu definieren.

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5 Antworten zu 2011 Wozu brauchen wir das Geld wirklich?

  1. Franz Hörmann schreibt:

    Lieber Hr. Apl,

    Sie haben vollkommen recht, Geld erfüllt heute nur noch „nebensächliche“ Funktionen, dennoch ist es psychologisch für die meisten Menschen kaum entbehrlich. Einerseits können wir es noch als Anreizsystem verwenden, andererseits brauchen es wohl die meisten MitbürgerInnen noch als „innere Sicherheit“. Viel wichtiger wäre aber ein realwirtschaftliches Informationssystem, in welchem erfasst wird, welche Rohstoffe wofür verwendet bzw. gerade knapp werden und wie wir dann diese substituieren können. Im Zusammenspiel des, nur noch für menschliche Leistungen als Anreiz eingesetzten, Geldkreislaufes mit dem zunehmend bedeutungsvolleren realwirtschaftlichen Informationskreislauf sollten dann jene demokratischen Entscheidungen getroffen werden, welche sicherstellen, dass die Bevölkerung in Zukunft in ausreichendem Maße mit Gütern und Dienstleistungen versorgt wird.

    An diesen Systemen arbeiten wir bereits.

    Mit herzlichen Grüßen
    Franz Hörmann

  2. Raimund Dietz schreibt:

    Lieber Herr Apl,

    Geld erfüllt eine sehr zentrale Funktion – die Funktion ausgleichen zu können. Einer erhält, was er ganz besonders braucht, der andere, was er allgemein braucht. Damit wird das Ausgleichen wesentlich erleichtert, so dass aus Gemeinschaften, die gelegentlich Produkte untereinander austauschen, sich Gesellschaften bilden können, die auf Austausch, Arbeitsteilung und weltweiter Kooperation beruhen. Ein Dankeschön ist eine Reaktion auf eine (einseitige) Gabe. Mit Geld gleicht man wirklich aus, gibt dem anderen etwas, wovon er tatsächlich leben kann und gibt ihm darüber hinaus eine Anerkennung (Menschsein heißt auch: sich wechselseitig anerkennen). Die Tauschpartner sind quitt und der Empfänger der Leistung durch die Geldzahlung entschuldet. Sie können dennoch einander dankbar sein für den gelungenen Austausch.

    Zu Hörmann´s Kommentar: Jeder Tauschakt (bürgerlicher Kontrakt) erzeugt einen Preis. Dieser teilt mit, was jemand für eine Leistung X „heute“ zu zahlen hat und weckt Erwartungen, was man für eine ähnliche Leistung „morgen“ zu zahlen haben wird. Der Tauschakt (Kauf, Verkauf) generiert stets einen unvollständigen monetären Reflex des Realen. Aber er ist die einzige Möglichkeit, etwas über „reale“ Knappheiten zu erfahren. Es gibt nichts anderes auf der Welt, durch das man reale Knappheiten objektivieren könnte. Das (monetäre) Verfahren (Märkte) ist zugegebenermaßen unvollkommen. Die Unvollkommenheit dieses Verfahrens führt zu sozialen und ökologischen Herausforderungen, die man in ihrer ganzen Breite noch nicht wirklich ins Auge gefasst hat. Reale Knappheitsindikatoren, von denen Herr Hörmann spricht, gibt es nicht und kann es nicht geben. Das ist ein neoklassisches Konzept (der Schattenpreise), das von der Annahme vollständiger und vollkommener „Märkte“ ausgeht. Im Grunde genommen handelt es sich nicht um eine Theorie der Märkte, sondern um eine totalitäre, zentralistische Allokationslösung. Ein reines Hirngespinst. Eine kommunistische Fiktion. Siehe mein Buch, insbesondere Teil 3. Die Neoklassiker machen keine Vorschläge zur Reform des Geldsystems, weil sie wissen, dass sie nichts verstehen. Es ist ihnen zu kompliziert. Einige Kritiker, darunter auch Hörmann, machen falsche Vorschläge, weil sie nicht verstehen, dass sie nichts verstehen.

    Mit besten Grüßen
    Raimund Dietz
    http://www.rd-coaching.at

  3. Patrick Seabird schreibt:

    Herzlichen Dank für diesen spannenden Beitrag!
    Ich habe die Idee des Thanksbooks gleich in einem Blogeintrag verarbeitet:
    http://patrickseabird.blogspot.com/2011/04/wie-man-mehr-ausgibt-als-man-einnimmt.html

    Liebe Grüße,
    Patrick Seabird

  4. Pingback: Das Thanksbook – was es können sollte | Mein Geld- und Öl-Blog

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