2011 Also wie ist das jetzt mit dem Peak Oil?

Unsere Zivilisation hat sich in über 100 Jahren ziemlich vollständig vom Erdöl abhängig gemacht. Es hat also eine sehr große Bedeutung zu wissen, wieviel davon noch da ist, um rechtzeitig Aus- und Umstiegsstrategien entwickeln und umsetzen zu können.

Bei genauerer Betrachtung ist es allerdings weniger bedeutsam zu wissen, wie lange das Öl noch reicht, viel entscheidender ist es, den Zeitraum einzuschätzen, an dem die Ölabhängigkeit (die Nachfrage) die Förderkapazität (das Angebot) übersteigt. Für die Autofahrer unter uns ein einfacher Vergleich: es ist relativ uninteressant, wieviel Benzin Sie noch im Tank haben. Entscheidend ist doch, ob Sie damit bis zur nächsten Tankstelle kommen! In unserem Fall wäre die nächste „Tankstelle“ die gelungene Umstellung unserer Energieversorgung auf nicht-fossile Energieträger…

Peak Oil bezeichnet deswegen nicht den Punkt an dem das Erdöl aus ist, Peak Oil meint das Maximum des täglich förderbaren Erdöls. Das alleine wäre auch noch nicht so tragisch, wenn da nicht der Ölverbrauch eine wesentliche Komponente des Wirtschaftswachstums wäre. Nach einer Studie des Zentrums für die Transformation der Bundeswehr, die im August 2010 veröffentlicht wurde, hängen heute 95% aller industriell gefertigten Produkte von der Verfügbarkeit von Erdöl ab. Erdöl ist nicht nur der Ausgangsstoff für die Produktion von Treib- und Schmierstoffen, sondern in Form von Rohbenzin auch für alle organischen Polymere (Kunststoffe). Es ist damit der wichtigste Rohstoff bei der Herstellung von so unterschiedlichen Produkten wie Pharmazeutika, Farbstoffen oder Textilien und spielt zudem auch in der industriellen Landwirtschaft eine tragende Rolle.

Die Annahme, dass Wirtschaftswachstum auch mit einer Zunahme des Ölverbrauchs einhergeht, ist deswegen wohl nicht ganz von der Hand zu weisen. Und dass es zu wesentlichen Auswirkungen kommt, wenn das Angebot mit der Nachfrage nicht mehr Schritt halten kann und damit die Preise für alle ölabhängigen Produkte steigen, sollte uns intensiv beschäftigen.

Zahlreiche Studien liegen vor. Wir haben einige davon für Sie durchgearbeitet, die wichtigsten Aussagen und Schlussfolgerungen für die Eiligen farblich hervorgehoben (gelb=unserer Meinung nach beachtenswert, rot=jedenfalls zu beachten, grün=möglicher Ausweg) und stellen sie hier zum Herunterladen (.pdfs, 1 bis 3 MB) bereit:

David Korowicz: „Tipping Point“ (März 2010)

Werner Zittel: „Assessment der Verfügbarkeit fossiler Energieträger (Erdöl, Erdgas, Kohle) sowie von Phosphor und Kalium“ (Mai 2010)

Elmar Altvater und Margot Geiger: „Der Wandel des Energieregimes und die weltwirtschaftliche Entwicklung“ (Mai 2010)

Zentrum für Transformation der Bundeswehr, Dezernat Zukunftsanalyse: „PeakOil. Sicherheitspolitische Implikationen knapper Ressourcen“ (August 2010)

Für diejenigen, die die Studien unkommentiert lesen wollen, hier auch noch die Originalquellen:

David Korowicz: „Tipping Point“ (März 2010)

Werner Zittel: „Assessment der Verfügbarkeit fossiler Energieträger (Erdöl, Erdgas, Kohle) sowie von Phosphor und Kalium“ (Mai 2010)

Elmar Altvater und Margot Geiger: „Der Wandel des Energieregimes und die weltwirtschaftliche Entwicklung“ (Mai 2010)

Zentrum für Transformation der Bundeswehr, Dezernat Zukunftsanalyse: „PeakOil. Sicherheitspolitische Implikationen knapper Ressourcen“ (August 2010)

Die prägnanteste aber auch die pessimistischste Studie ist wohl die von David Korowicz. Sie argumentiert am stärksten physikalisch und geht davon aus, dass unsere Zivilisation auf den Entzug von Energie instabil reagiert. Der „Zugang zu ständig steigenden Mengen an frei verfügbarer konzentrierter Energie, die in Arbeit verwandelt wird und weiter verteilt werden kann ist das Fundament unserer Zivilisation.“ Außerdem hat das Schrumpfen der Wirtschaft, die mit der Abnahme der Energiezufuhr einhergeht, gravierende Auswirkungen auf die Kreditvergabe: reduzierte Energieströme können „die zum Bezahlen der Schulden nötige Wirtschaftsleistung nicht aufrechterhalten. Ausständige Schulden sind nicht tilgbar, neue Kredite werden nicht vergeben.“

Korowicz spricht auch ein Problem an, dass PolitikerInnen, die verantwortungsvoll handeln wollen, in ein ziemliches Dilemma stürzt: „Die Initialzündung für diesen Zusammenbruch können unserer Meinung nach vermehrte Maßnahmen wegen Peak-Oil sein. Es wird erwartet, dass Investoren sich vor einem Systemkollaps aus virtuellen Werten wie Aktien, Anleihen und auch Bargeld zurückziehen werden, im Tausch gegen reale Werte. Aber der nominelle Betrag an virtuellen Werten übersteigt alle verfügbaren realen Werte um ein vielfaches. Wenn die Peak-Oil These allgemein anerkannt wird (durch offizielle Maßnahmen beispielsweise) kommt eine Negativspirale in Gang die sich durch Angst und Schwäche auf den finanziellen Märkten immer schneller dreht.“

Wie in jeder Notlage ist jede Form von Panik völlig kontraproduktiv!

Es gilt vielmehr die Situation rasch und umfassend zu analysieren und bestimmt und entschlossen die notwendigen (not-wendenden) Schritte zu setzen. Das grundlegende Prinzip hat dabei Fatih Birol, Chefökonom der Internationalen Energieagentur formuliert: Weg vom Öl bevor das Öl weg ist. In den persönlichen Alltag und in die persönliche Lebensplanung übersetzt heißt das, dass jede Entscheidung, die mit weniger Erdöl auskommt als etwaige Alternativen, eine gute ist.

Es kann nur dringend geraten werden eine persönliche Fossil-Energie-Bilanz zu erstellen, sich also bewusst zu machen, wo man überall vom Erdöl abhängig ist, und nach und nach, aber doch so zügig wie möglich, die Abhängigkeiten zu reduzieren.

Die größten Brocken sind dabei der Wärmebedarf (Heizen, Warmwasser, Kochen), der Strombedarf (es gibt Anbieter die Elektrizität aus erneuerbaren Quellen bereitstellen und der Umstieg ist relativ einfach) und schließlich der Mobilitätsbedarf. Wenn sie das nächste Mal übersiedeln oder den Arbeitsplatz wechseln, empfehlen wir dringend, darauf zu achten, dass die alltäglichen Wege möglichst kurz sind, und ihre Ziele (Arbeitsplatz, Ausbildung, Einkauf, Freizeit) wenn schon nicht zu Fuß oder mit dem Rad dann mit idealerweise elektrifizierten öffentlichen Verkehrsmitteln erreicht werden können.

In vielerlei Hinsicht erscheint es jetzt auch sehr ratsam, sich lokal zu vernetzen. Z.B. für Einkaufs- bzw. Investitionsgemeinschaften (Solarthermieanlagen mit saisonalen Wärmespeichern, Photovoltaikanlagen, Wärmedämm-Projekte, E-Auto-Gemeinschaften etc.) und um verstärkt Druck auf die verantwortlichen PolitikerInnen auszuüben, damit sie entsprechende Förder- und Unterstützungsprogramme auflegen und nachhaltige Infrastrukturprojekte umsetzen.

Quelle: http://perchtoldsdorf.gruene.at/allgemeines/artikel/lesen/70140/

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