2008 Zivilgesellschaft und Parteien

„“Die Welt muss erfahren, dass diese Deportationen uns bis in die dritte Generation gezeichnet haben…“ In Children of Holocaust (New York, 1979) beschreibt die Autorin Helen Epstein die Beeinträchtigung ihres Lebens durch das nicht artikulierte Leid ihrer Eltern, die als Überlebende deutscher Vernichtungslager ihre eigene Gefühlswelt pervertierten. „Jahrelang lag etwas dort in einer eisernen Kiste so tief in mir vergraben, dass ich nie herausfinden konnte, was es eigentlich war. Ich wusste nur, ich trug irgendwelche unberechenbaren, explosiven Dinge mit mir herum, die geheimer als Sexuelles waren und gefährlicher als Gespenster und Phantome. Gespenster haben eine Gestalt und einen Namen. Aber was in meiner Eisernen Kiste lag, hatte weder das eine noch das andere. Was auch immer da in mir lebte, war so machtvoll, dass Worte zerrannen, bevor sie es beschreiben konnten.““

Nun bin ich also Parteifunktionär… Mich hat ein Moment in mir dorthin getrieben, ähnlich „machtvoll, dass Worte zerrannen, bevor sie es beschreiben konnten.“ Ich hätte nämlich gerne meine beiden Großväter gefragt, warum sie „damals“ nichts unternommen hätten. Ich habe es nicht getan. Den einen konnte ich sowieso nicht fragen, weil er seit März 1945 vermisst ist, mit dem anderen hatte ich Mitleid. Der eine hat Briefe an meine Großmutter geschrieben. Im letzten meinte er, meine Großmutter soll den Buben, meinen Vater, nur ja von der Politik fernhalten. Mit dem anderen hatte ich Mitleid, weil ich mit meiner eigenen Scham noch nicht zurechtkam. Er verstarb, als ich mich intensiver für ihn zu interessieren begann. Stalingrad, Gefangenschaft, er hat nie erzählt, wie er seinen Finger verloren hat. Der eine arbeitete als Schlosser in einem Rüstungsbetrieb. Erst Ende 1944 wurde er eingezogen, als dieser endgültig zerbombt war. Drei fein säuberlich geschriebene Briefe kamen noch an meine Großmutter…

Das Leid meiner Groß- und Urgroßeltern muss so wie von Millionen Menschen, die zu dieser Zeit leben und sterben mussten, unbeschreiblich gewesen sein. Beider Häuser wurden beim gleichen Bombenangriff zu Pfingsten 1944 zerstört. Meine Großmutter war da gerade mit meiner Mutter schwanger. Ein Onkel war da schon gefallen, ein anderer vermisst. Meine Tante erzählt heut noch die Geschichte, als bei dem Bombenangriff das ganze Haus zerstört wurde und nur eine kleine Schale mit einem rohen Ei mitten darinnen heil geblieben war. Eine andere Tante hat dann dieses Ei mitsamt der Schale aus Wut und Verzweiflung auch noch gegen eine eingestürzte Wand geschmissen. Meine Tante erzählt immer wieder fasziniert von den Eidottersprengeln.

Auf diesem familiären Nährboden reifte in mir die Frage, wie das passieren konnte und wie man es verhindern hätte können. Sie wurde mein Lebensbegleiter für immerhin schon 30 Jahre. Treu wie ein Hund ist sie ständig um mich. Sie hat mich wohl auch dorthin getrieben, wo ich heute stehe. Vielleicht hat es begonnen mit jenem für mich buchstäblich denkwürdigen Tag, als ich mich entschloss, mich jetzt endlich selbst denken zu trauen.

Von da ab verließ ich die mir vorgezeichnete und vermeintlich bestimmte Standard-Biographie gleitend. Als erstes nahm ich einmal drei Monate Abstand. Dann wurde ich neugierig. Ich wollte viel vom Leben kosten. Mit 19 wurden wir Eltern. So, als wäre der beste Weg die Welt zu retten, sich fortzupflanzen, ja sogar oberste Pflicht. Dann wurde aber die Frage, wie der Wahnsinn abgehalten werden könnte, wirklich drängend. Sie verdichtete sich, trieb mich auf eine Antiatom-Demo. Unsere Tochter war ein Monat nach Tschernobyl zur Welt gekommen, wir waren da gerade mit unserem zweijährigen Sohn im Waldviertel unterwegs. Ich war beeindruckt von der Demo, aber nicht wirklich überzeugt.

Ich sammelte wie wild Informationen. Dann kamen die Briefbomben. In welches Eck muss ein Mensch getrieben worden sein, der solch eine Aktion setzt? Da stimmte etwas gewaltig nicht. Die soziale Aus- und Abgrenzung, die Isolation, die Vereinzelung bei gleichzeitiger Vermassung = Gleichschaltung – das kann doch nicht das Leben sein, das die meisten von uns führen wollen. Ich hab das nie verstanden, wie sich lebendige Geister derart in Ketten legen lassen können. Alle wollte ich sie befreien. Da wurde ganz schön Energie frei. Ich wollte mit jeder Faser leben.

Perchtoldsdorf. Wie oft zog ich durch deine Gassen, auf der Suche nach würdigen Rittern der Tafelrunde, mit denen ich gemeinsam meine Welt retten konnte. Wehmütig denke ich an etliche wunderbarseltsame Treffen zurück, wo wir uns gegenseitig Mut zusprachen, indem wir immer „genialere“ Projekte entwickelten. Zuerst nur wahre und reine Hirngespinste, die aber nach und nach auch im Real Life kondensierten. Wir haben gemeinsam gelernt, wir waren eigentlich eine eigene Schule. Das war mit Abstand die ergiebigste Zeit meiner „Ausbildung“. Ich lernte dort wirklich leben. In tiefen Atemzügen, ohne Ketten um die Brust. Heute ist das ganz weit weg, ganz wo anders, nicht weniger spannend, aber irgendwie schmerzhafter. Man muss schon ein wenig masochistischer veranlagt sein, um da noch eine Lust zu finden. Aber irgendwie geht es immer. Mit erstaunlichen Wendungen.

Dann kam Haider. Der Druck sich politisch zu engagieren stieg. Der jahrelang weitgehend geschlossene Freundeskreis öffnete sich wie ein Löwenzahn und wurde in alle Winde geblasen. Das Netz wuchs. Jeder wusste, was zu tun ist, auch wenn sich die anderen nicht gleich damit abfinden konnten. Die Projekte wurden nun handgreiflich, sprich die Arbeit begann. Der letzte Kick war 1994, als Haiders FPÖ erstmals mehr als 20% der Stimmen erhielt. Was ist los mit diesen Parteien? Wieso passiert da nichts? Wie soll das mit der Demokratie was werden, wenn die da nichts zusammenbringen? Ich nahm Kontakt auf. Heute muss ich lachen, aber mein erster echter parteipolitischer Kontakt war Martin Schuster. Ich übergab ihm einen kopierten Zettel, wo eine Art Memorandum zur Rettung der Demokratie in Perchtoldsdorf festgehalten war. Er meinte, das sei das Konkreteste was ihm diesbezüglich je untergekommen sei, was mich etwas verblüffte, und ich hörte erst kurz vor der Gemeinderatswahl 2005 wieder von ihm.

Im Winter 1994, kurz nach der Wahl, fand ich mehr intuitiv als gezielt eingeladen zur Perchtoldsdorfer Sozialdemokratie, die damals von Hans Karl Uhl liebevoll polternd regiert wurde. Ich brachte meine Ideen ein, nichts ahnend, dass hier mit Ideen anders umgegangen wird, als bei freundschaftlichen Mysterienspielen. Sie haben mir einen Aufpasser beiseite gestellt, der aber das Tempo nicht mithielt und ich verlor wieder den Kontakt zur Welt der Parteipolitik.

Im Winter 1995 lud ich alle meine Freundinnen und Freunde zur Demokratie Initiative Perchtoldsdorf ein. Nein, das sollte kein Parteiprojekt werden, der Ansatz war noch viel breiter gefasst. Es ging um zentrale Lebensbegriffe wie eben Demokratie, Konflikt, Vereinbarung, Konsens, Würde und Gerechtigkeit, Menschenbilder und Identitäten. Wieder eine phantastische selbstgeschnitzte Bewusstseins- und Herzensschule, wo ich mir ein ziemlich stabiles Fundament erarbeiten konnte. Nachhaltig wertvolle, ziemlich lupenreine Begriffskompositionen, die mich heute diesen Wahnsinn ertragen lassen.

Schließlich kamen wir von der Theorie in die Praxis. Wir, also die Leute aus dem sozialen Netz, die sich wie Rezeptoren auf einer Zellmembran schwimmend gefunden haben, gründeten 1999 die Humanistische Plattform. Auch wenn einige Schmunzeln mögen und an viele spannende Diskussion zurückdenken, mit der Humanistischen Plattform organisierten wir einen für unsere damaligen Verhältnisse richtigen ersten Mega-Event: die Visionale 2000, die Messe der Initiativen und Organisationen der Zivilgesellschaft. Also spätestens mit der Widerstandbewegung, die sich 2000 beim Regierungswechsel gegen Schwarzblau aufbäumte, fühle ich mich als Teil der Zivilgesellschaft. Das ist mir eine wirklich wichtig Identität geworden. So als Gegenkonzept zum Massenmenschen. Seelisch autonom, aber nicht isoliert. Ganzheitlich, aber nicht beliebig. Für alles offen, aber nüchtern. Bemüht, aber nicht verkrampft. „Was kann ich für Dich tun?“ statt „Wie tricks ich dich am Besten aus?“ Kurz gesagt: Kooperation statt Konkurrenz. Auf gleicher Augenhöhe. Wertschätzend. Konsens- und kooperationsorientiert.

Tut, was ihr nicht lassen könnt, aber gründlich.

Ich möchte viele Leben kosten.

Zivilgesellschaft und Parteien II

Ich war also gut 5 Jahre intensiv in der Zivilgesellschaft unterwegs und mittlerweile auch schon 5 Jahre mit ähnlicher Intensität in der Parteiengesellschaft. Vornweg, ich ranke hier nicht. Beide Gesellschaften haben ihren Sinn, erfüllen – gesamtgesellschaftlich betrachtet – jeweils eine wichtige Aufgabe. Sie sind aber verschieden strukturiert, sind von ihren Umfeldern verschieden bestimmt bzw. verschiedenen Abhängigkeiten ausgesetzt.

Aber dazu später mehr…

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s