2006 Reden was das Zeug hält!

Ein Teil der sich sambaartig in Österreich bewegenden Zivilgesellschaften sind zur Zeit dabei einen neuen Anlauf in Richtung auf eine Struktur zu nehmen, die – wie allerorten gefordert – der Zivilgesellschaft, den sozialen Bewegungen als Ganzes mehr politisches Gewicht verleihen soll. Der „Tag der Zivilgesellschaft“ soll die bisherigen Ergebnisse des seit Jahren laufenden Vernetzungsprozesses ans und ins Licht bringen, um die Themen und Anliegen, die die Zivilgesellschaft ausmachen, verstärkt ins öffentliche Bewusstsein zu heben und den Diskurs darüber weiter anzufachen.

Ernst Hanisch lässt grüßen: „Haider hat das Ende der Aufklärung verkündet. Doch das Projekt der Aufklärung geht weiter, die utopische Vision der Aufklärung ist ungebrochen: die Entwicklung des mündigen Staatsbürgers, der die eigenen Rechte, die eigene Würde auch dem anderen zugesteht, der solidarisch handelt“[1] bzw. die Entwicklung der mündigen Staatsbürgerin, die die eigenen Rechte, die eigene Würde auch der anderen zugesteht, die solidarisch handelt. Abgesehen davon, dass Hanisch 1994 immer noch nur die männliche Form verwendet, ist die Verwendung der Begriffe „Staatsbürger“, verschärft in der Form „mündiger Staatsbürger“ und „Aufklärung“ problematisch und macht ihn „verdächtig“. Was tun? Andererseits sein Beispiel, wonach der österreichische Mythos um den lieben Augustin und die „fröhliche Apokalypse“ kreist, „lächelnd über seine Bestatter“, ganz im Gegensatz zur Schweiz, wo sich alles um „Helden“ wie Wilhelm Tell dreht[2] – dieses Bild ist einfach zu passend.

Jedenfalls wird sichtbar, dass eine ganze Menge Worte in „unserer“ Sprache herumschwirren, die in irgendeiner Form historisch belastet sind, und dass bei ihrer Verwendung eine gewisse Bedachtsamkeit geraten scheint. Das macht aber jeden Diskurs entsetzlich träge, niemand will ins Fettnäpfchen treten. Ja sogar, dass wer anderer ins Fettnäpfchen treten könnte, wird als hochgradig peinlich empfunden. Solchen Unannehmlichkeiten weichen Menschen natürlich eher aus. Tendenziell geht mensch sich bei möglichen Konflikten aus dem Weg.

Ich werde nie den Moment vergessen, als mir das erste Mal unangenehm befremdlich zumute wurde, in einer reinen Männerrunde zu diskutieren. Seit es mir im Zuge des ASF-Prozesses völlig klar geworden war, dass es großen Sinn macht, die Tagesordnung einer Veranstaltung, an der nur Männer teilnehmen, zu löschen und gegen einen einzigen Punkt zu ersetzen, nämlich: „Was müssen wir tun, um genauso vielen Frauen wie Männern den Zugang zu unserer Veranstaltung zu ermöglichen?“ erscheint es mir ziemlich seltsam, dass reine Männerrunden immer noch als ganz selbstverständlich hingenommen werden.

Nie werde ich auch jenen Moment vergessen, als wir ganz in unseren ersten zivilgesellschaftlichen Gehversuchen ein kleines Zeitschriftchen mit ambitionierten und visionären Texten herausgaben. In einem dieser Texte kam ein Unwort vor, eh schon fast unter Anführungszeichen, aber eines Tages kommt eine Betroffene und reklamiert das nachdrücklich heraus. Ich wollt es ja zuerst nicht richtig einsehen, aber wie ich ihr schließlich in die Augen geschaut habe, hab ich den Hieb der Sklavenpeitsche, die für sie an diesem Wort hängt, auf der eigenen Seele gespürt.

Ich bin mir vorgekommen, wie ein kleiner Junge, der zuerst unbekümmert mit scharfen Handgranaten jongliert und plötzlich draufkommt, was er da eigentlich tut. Worte können definitiv verletzen. Geradezu reumütig hab ich daraufhin die Zeitungen wieder eingesammelt und die fragliche Seite herausgerissen, womit ich natürlich im nächsten Fettnapf gelandet bin: ohne Rücksprache, völlig eigenmächtig einen Teil aus einer Zeitung entfernen, das ist übelste Zensur. Aber das war mir zu dem Zeitpunkt völlig egal. Ich wollte mit nichts, aber auch schon gar nichts dazu beitragen, dass dieses entsetzliche Leid, diese schreiende Ungerechtigkeit, die mich aus ihren Augen angeweht hat, verlängert wird. Dieses Erlebnis hat mich jedenfalls hochgradig sensibilisiert und ich bin tatsächlich peinlich berührt, wenn wer gewisse Worte achtlos in den Raum stellt.

Solche Gedanken kreisen mir im Schädel, wenn ich versuche zu beschreiben, wie sich die gegenwärtige Situation der Teile der Zivilgesellschaft, die ich von hier aus ansatzweise überblicke, für mich darstellt. Es gibt da eine Reihe von zum Teil über Jahre gewachsenen Szenen, die einen jeweils eigenen Wortschatz bzw. einen Satz eigener Schlüsselworte ausgebildet haben bzw. ständig dabei sind, das zu tun. Die Kommunikation zwischen den Szenen scheint währenddessen nur schwierig zu gelingen. Freilich ist es mühsam, die Begriffe, die mensch „zu Hause“ in der eigenen Szene schon x-mal durchgekaut hat, noch einmal aufzurühren und wieder „ganz von vorne“ anzufangen. Freilich sind die Signale, die mensch dabei aussendet, oft nicht gerade die freundlichsten, aber bittschön, bitte, wie sollen wir sonst voneinander lernen? Ich bin überzeugt, so gut wie alle Schlüsselworte, die ein bestimmtes zivilgesellschaftliches Biotop entwickelt, sind wichtig und es ist gut, wenn sich das wer genauer anschaut und es ist genauso wichtig, dass die Ergebnisse auch alle, die davon betroffen sind, erreichen.

Das verlangt einer/m natürlich einiges ab. Stolz hat mensch sich endlich einen bequemen, scheinbar festen Boden verschaffenden Satz Schlüsselworte erarbeitet und dann das ganze wieder in Gefahr bringen? Gewiss, jedes Lernen ist auch ein In-Frage-Stellen der eigenen Position, soferne es authentisch, glaubwürdig sein will.

Zurück zum „Tag der Zivilgesellschaft“. Da hat sich also um „Die Wende der Titanic“ ein Kreis gebildet, der sich entschieden hat, einen „Tag der Zivilgesellschaft“, auf dem ein „Rat der Zivilgesellschaft“ konstituiert werden könnte, auszurichten. Es geht wieder einmal darum, der Zivilgesellschaft, den sozialen Bewegungen bzw. den von ihnen getragenen Anliegen mehr politisches Gewicht zu verschaffen.

Ich sage ganz bewusst „wieder einmal“. Ich durfte in meiner zivilgesellschaftlichen Biographie schon einige Male das Entstehen solcher Initiativen mit globalem Ansatz miterleben. Mehr oder weniger periodisch verdichtet sich die Zivilgesellschaft immer wieder um bestimmte Themen, bildet Kooperativen und nach jedem neuen Anlauf ist das Beziehungsnetz wieder ein Stück gewachsen bzw. hat sich passender gruppiert, auch wenn die Verdichtungen wieder zurückgegangen sind bzw. nicht mehr so sichtbar sind.

Beziehungsnetz? Gruppierungen verändern? Wovon redet der Typ? Ja, ich glaube tatsächlich, dass es nur oberflächlich um NGOs, soziale Bewegungen, Initiativen und ähnliches geht. Realerweise geht es um die Beziehungsnetze, denn sie bilden gewissermaßen das Rückgrat aller zivilgesellschaftlichen Strukturen. An diesen entlang bilden sich Kooperationen und Initiativen, von ihnen werden die Kampagnen letztlich getragen. Für jeden einzelnen von uns geht es doch auch um die Frage: Wo an diesem Beziehungsnetz kann ich mich am sinnvollsten einklinken? Wo wird gerade das gebraucht, das meinem mir eigenen Lebensweg am ehesten entspricht? Klar, es geht um Sinnstiftung. Und selbstverständlich geht es auf der anderen Seite auch für jede/n von uns um die Frage: Wo bekomme ich die meiste Unterstützung für mein Anliegen?

Die immer wieder kehrenden Verdichtungen der Zivilgesellschaften können auch als Zeichen gedeutet werden, dass es dringenden Bedarf gibt, neue Antworten auf die oben angeführten Fragen zu finden. Das kann natürlich auch ein gewisses Unbehagen erzeugen, vornehmlich in den Szenen, die gerade in einer Konsolidierungsphase stecken. Auch das ist verständlich, schließlich muss die ganze Vernetzungsarbeit auch einmal verdaut werden und neue Vernetzungsmöglichkeiten sinken derweil in der Priorität. Das kann ich mir z.B. für einen Großteil der Attac-Szenen vorstellen bzw. dass das einer der Gründe sein könnte, wieso sich einige von ihnen eher reserviert gegenüber der Zivilgesellschaftstag-Szene zeigen.

Auch die in Österreich aktiven Sozialforums-Szenen bleiben skeptisch, das dürfte aber eines der oben erwähnten Schlüsselwortprobleme sein. Ist doch eine der Schlüsselidentitäten bei den Sozialforen die SprecherInnenlosigkeit – das Sozialforum ist nur Raum, keine/r kann für alle anderen sprechen. Würde sich wer SprecherIn des Sozialforums nennen wollen, würde das in Sozialforumskreisen umgehend als schlimme Anmaßung und Themenverfehlung oder gar als Vereinnahmungsversuch gewertet werden. Dort hat mensch jede Form von josefinischer Repräsentation satt, satt, satt, gründlich satt. Und dann tauchen ein paar Leute auf und wollen einen „Rat der Zivilgesellschaft“ ins Leben rufen, um der Zivilgesellschaft „Gesicht und Gewicht“ zu verleihen. Das kann natürlich nicht völlig friktionsfrei abgehen, wenn die beiden Szenen aufeinandertreffen. Noch dazu wo die Zivilgesellschaftstag-Szene ungewöhnlich männerdominiert ist – aus Sozialforumssicht hätte es da sicher bei einigen Treffen „Tagesordnung löschen“ heißen müssen.

Allerdings ist die SprecherInnenlosigkeit bei den Sozialforen deshalb so eine wichtige identitäre Größe, weil die Versuchung bzw. der Druck groß ist, doch irgendwie an die Vorteile, die ein Gesicht in einer nach Mediengesetzen ausgerichteten Öffentlichkeit bietet, heranzukommen. So gut wie kein größeres Sozialforumsplenum ist deswegen bisher ohne eine mehr oder weniger latente SprecherInnen-Diskussion ausgekommen. Das war ein hartes Stück Arbeit. Jede sich anbietende Labelverwendung wurde exakt ausdiskutiert, jede mögliche Interpretation nach  Vereinnahmung wurde ausargumentiert. Und das war gut so, wir haben dabei alle sehr viel gelernt, vor allem einander kennen gelernt – insbesondere die wichtigsten Schlüsselworte der Dialekte der anderen zivilgesellschaftlichen Szenen. Leider ist dieses Wissen nicht schnell genug in die jeweiligen „Heimatszenen“ eingesickert und in Linz 2004 haben wir uns dann den „clash of Organisationskulturen“ im Feldversuch gegeben. Wir haben live miterlebt, dass das unvorbereitete, massive Aufeinandertreffen verschiedener zivilgesellschaftlicher Dialekte ziemlich brutale Kulminationspunkte erreichen kann.

Aber die Zeit drängt, es muss etwas geschehen, schnell und nachhaltig. Millionen Menschen verhungern und es ist eigentlich keine Zeit für „interne“ Diskussionen. Die Ungerechtigkeiten müssen so schnell als möglich abgestellt werden. Die Frage, wie das Ding nun heißen soll, ist dem gegenüber völlig nebensächlich, scheinbar. Wir brauchen uns nur vernünftig organisieren, um dort, wo es not-wendend ist, die entsprechenden Maßnahmen setzen zu können. Eine stark lösungsorientierte Vorgangsweise scheint angezeigt. Den historisch Interessierten unter uns werden dabei allerdings erste kalte Schauer über den Rücken heraufgezogen sein. Es riecht immer mehr nach der seit Jahrtausenden angewandten Methode, Ungerechtigkeiten auf dem Allheilsweg auszumerzen – unter stillschweigender Inkaufnahme, dass der Allheilsweg seinerseits neue Ungerechtigkeiten erzeugt.

Dennoch es bleibt uns nicht anderes, als Kontaktaufnahme und Kooperation immer wieder zu versuchen und in der „anderen“ Welt kann das keine Kooperation zwischen mechanisierten, menschlichen Restgrößen sein, die alle so wie mensch sich das vorstellt, funktionieren. In anderen Worten: Es geht nicht nur um Strukturen, es geht vor allem auch um Kulturen. In wieder anderen Worten: Die andere Welt kann mensch nicht durch irgendeine Maßnahme herstellen, sie muss dann auch gelebt werden (können). Nochmals gewendet: Die Zivilgesellschaft ist nicht nur das Gerüst, dass zum Bau eines Hauses aufgebaut und nach Fertigstellung wieder demontiert wird, sie ist Haus und Gerüst zugleich. Einen hab ich noch: Es geht um einen nachhaltigen Systemwandel. Das ist kein Projekt, wo mensch kurz einmal vorbeischaut, seinen Beitrag abliefert und dann wieder in die gewohnte Umgebung zurückkehrt. Der Systemwandel betrifft uns vollständig und umfassend. Die jetzt gewohnte Umgebung gibt es dann nicht mehr, wir müssen uns in einer völlig neuen Umgebung einrichten und es uns dort so wohnlich machen, dass auch unsere Kinder darin gedeihen können, sprich: ihnen eben nicht von vorneherein die Chance auf ein geglücktes Leben genommen ist.


[1] Ernst Hanisch, Der lange Schatten des Staates. Österreichische Gesellschaftsgeschichte im 20. Jahrhundert. In: Österreichische Geschichte 1890-1990, Hg. von Herwig Wolfram, Wien, 1994, S. 17.

[2] Vgl. ebd., S. 24.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s