2004 Wie organisiert sich das ASF?

Quelle: Glocalist Nr. 18, Seite 16

Text von Barbara Waschmann und Christian Apl

Sozialforen sind offene, politische Räume: Veranstaltungen, an denen große Teile der Zivilgesellschaft – Nichtregierungsorganisationen (NGOs), Gewerkschaften, religiöse Verbände, Initiativen, Netzwerke und Einzelpersonen – teilnehmen. Einer Zivilgesellschaft, die sich nicht nur gegen die Globalisierung durch transnationale Konzerne und die darin implizierten Kriege ausspricht, sondern auch konstruktiv nach Alternativen sucht und sie in vielgestaltiger Weise in den „großen gesellschaftlichen Diskurs“ einbringt. Die Vernetzung zwischen den einzelnen Menschen und Organisationen über Grenzen, „Ethnien“ und Geschlecht hinweg, der länderübergreifende Informationsaustausch, die Zusammenarbeit und gemeinsame Planung von Kampagnen sind dabei vorrangigste Interessen.

Eine andere Welt ist möglich

In Folge des Weltsozialforums (WSF/FSM), das 2001 erstmalig in Porto Alegre (Brasilien) stattfand, wurden andere wirtschafts- und sozialpolitische Modelle wie das „partizipative Budget“ einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Die ständig steigende Zahl an TeilnehmerInnen (2001: 30.000, 2002: 60.000, 2003: 100.000) veranlasste dazu, kontinentale Pendants wie das Europäische Sozialforum (ESF/FSE) zu schaffen, das im November 2002 erstmalig in Florenz, im Jahr darauf in Paris stattfand und von jeweils 60.000 Menschen besucht wurde.

Aus Österreich nahmen 2002 480 Menschen teil, die mit einem Sonderzug, der von mehreren kooperierenden Organisationen verfügbar gemacht wurde, reisten. Diese „Delegation“ beschloss, den Gestaltungsprozess auch auf die nationale Ebene zu bringen und Mitte Dezember 2002 fand ein Reflexions- und erstes Vorbereitungstreffen in Wien statt. Bei diesem Treffen bildeten sich die ersten Arbeitsgruppen: „Ziele und Grundsätze“, „Programm“, „Organisation und Vernetzung“ – die seitdem zur Mitarbeit offen stehen. Über http://www.socialforum.at findet mensch die jeweilige Zugänge. Die Mitwirkung ist ehrenamtlich, darunter auch Menschen, die ihre aktive Mitgestaltung im Rahmen ihrer bezahlten Arbeit unterbringen können. Anfang 2003 bildeten sich die nächsten Arbeitsgruppen: „Anti-Krieg“, „Informationstechnologie“, „Freie Radios und Dokumentation“ und „Presse-Koordination“. Letztere, um die Unausgewogenheit zwischen Einrichtungen, die über eine eigene Presse-Abteilung verfügen und jenen, die diese Ressourcen nicht haben, auszugleichen. Am 1. ASF selbst entstand eine weitere zu „Bildung“. 2004 folgten Arbeitsgruppen für Öffentlichkeitsarbeit und die internationalen Aktionstage.

Was heisst andere Welt?

Wie also dem allgemeinen Wunsch nach einem „offenen Gestaltungsprozess“ nachkommen? Fakt ist, dass in Österreich Wien die höchste Konzentration an NGOs hat und mensch sich an der nächsten Ecke trifft. Dem oft berechtigten Vorwurf von „Wien, dem Wasserkopf“, „Wiener – die Großkopferten“ wird begegnet, indem die monatlichen österreichweiten ASF-Vorbereitungstreffen durch das Land reisen: Hallein, Linz, Graz, Innsbruck und Klagenfurt u.a.

Die Korrespondenz erfolgt über Mailing-Listen, ergänzt von regelmäßigen, dezentralen Treffen der einzelnen Arbeitsgruppen, die ihre Ergebnisse und Rückfragen wiederum über Mail kommunizieren, beziehungsweise bei den überregionalen Vorbereitungstreffen vorstellen. Entscheidungen werden im Rahmen dieser Plena konsensual getroffen.

Von Anfang an stand fest, dass Frauen und MigrantInnen verstärkt einzubeziehen sind. Sprache prägt den Geist: Sprachregelungen wie „das große I“ oder geschlechtsneutrale Begriffe wie Studierende statt Studenten beginnen zu greifen. Ebenso wird versucht, Menschen mit migrantischem Hintergrund direkt einzubeziehen, damit sie ihre Anliegen selbst einbringen und nötigenfalls Unterstützung finden können.

Das ausgewogene Geschlechterverhältnis bei der Besetzung von Podien ist ebenfalls Notwendigkeit: Bei den Veranstaltungsformaten, die von der Vorbereitungsgruppe des ASF in 2003 selbst organisiert wurden – Konferenzen und Infotheken – wurde „gender mainstreaming“ berücksichtigt. Den VeranstalterInnen von Seminaren und Workshops wird dies empfohlen.

Da einer der Hauptzwecke dieser Veranstaltungen darin liegt, „über den eigenen Tellerrand zu schauen“ wurde 2003 zwischen den Seminaren und Workshops danach unterschieden, ob sich mehrere Organisationen, Initiativen, Einzelpersonen mit einem Thema befassen und sich diesem von unterschiedlichen Perspektiven nähern (Seminar) oder ob ein Thema bloß von einer einzelnen Organisation, Initiative, Person abgehalten wird (Workshop). Die „Infotheken“ sind als Erwachsenenbildungs-Einheiten konzipiert: Denn am Wirtshaustisch über „die Ausländer“ sich das Maul zu zerreißen, ist einfach. Wirklich über AusländerInnen- und Asylgesetze Bescheid zu wissen, hingegen selten.

Mit all dem oben „Erklärten“ ist natürlich noch lange nicht geklärt, wie Sozialforen wirklich „funktionieren“, alles scheint in Fluss zu sein. Es ist ein gehöriges Umdenken in Gang, völlig neue Perspektiven tun sich auf, andere Welten eröffnen sich – erstaunlicher- und meistens auch amüsanterweise tatsächlich.

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