2003 Das war also Paris…

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Platzmangel am 2éme Forum Social Européen?
Andere Impressionen von der anderen Welt

Meine Erwartungen an das 2. Europäische Sozialforum waren eher ein wenig skeptisch und etwas beunruhigend sehr offen. Es gelang mir im Vorhinein nicht, mir ein nur einigermaßen plausibles Bild von dem zu machen, was sich dort abspielen würde. Mir blieb nichts weiter, als die Sache auf mich zukommen zu lassen, und dann mit den Eindrücken irgendwie fertig zu werden. Die Vorbereitungen zum 2. ESF entwickelten für sich schon eine eigene Dynamik – ich bekam ein bisschen was von der Organisation des Zuges und der Busflotte mit: 450 Leute von Wien nach Paris zu verfrachten, Schlafplätze zu koordinieren und dann alle wieder heim zu bringen, ist ja an sich schon ein großes Projekt, das einige Schwierigkeiten mit sich bringen kann, vor allem, wenn kaum ein Basisbudget zur Verfügung steht.

Und doch war es im Rahmen des Gesamtprojekts „ESF“ nur ein vergleichsweise winziger Baustein. Ein Pariser Stadtteil und drei Vororte luden ein; an fünf Tagen wurden in zig Sälen, Hallen, Kinos, Klubhäuser, Amtshäusern, Zelten aller Größe usw. über fünfzig große Konferenzen, hunderte Seminare, Workshops und Kulturevents, eine riesige Demo und das im Anschluss an das ESF stattfindende Forum der Sozialen Bewegungen organisiert. Insgesamt waren 1200 DolmetscherInnen im Einsatz (vielen, vielen Dank an babels.org!). Mittwoch Abend gab das Organisationsteam heraus, dass bereits 40.000 Delegierte akkreditiert waren.

Für einen einzigen Menschen war jedenfalls definitiv nicht zu überblicken, was das ESF in Summe ausmachte, jede und jeder bekam nur einen winzigen Ausschnitt von der Fülle der Angebote mit. Ich unternahm einen engagierten Versuch zumindest bei der Demo ein Gefühl dafür zu bekommen, was das ESF in seiner Gesamtheit ausmacht. In der Absicht möglichst alle Transparente zu fotografieren, ging ich die Demo ab und hatte bald an die 100 Fotos geschossen. Obwohl ich mich rasch auf die aussagekräftigsten Transparente beschränkt hatte, was keine leichte Aufgabe war angesichts dessen, dass beinahe jede/r DemobesucherIn ein Transparent oder eine Fahne oder irgendwelche Sticker trug, war ich wohl kaum bis zur Hälfte des Zuges gekommen, als ich meinen Dokumentationsvorhaben mangels Speicherkapazität einstellen musste.

Auch dieser Versuch, einen Überblick zu bekommen, war also fehlgeschlagen. Für einen rationalitätsorientierten Wohlstandsmenschen, der darauf trainiert ist, aus einer immer überschaubar dargebotenen Angebotspalette genau das für sie oder ihn richtige aussuchen zu können, muss das ein unlösbares Problem darstellen. Auch in den größten Kinocentern kann mensch letztlich aus einer relativ kleinen Zahl an Programmangeboten eine Wahl treffen und sich nachher über das Gefühl freuen, denjenigen Film ausgewählt zu haben, den sie oder er auch wirklich sehen wollte.

Am ESF haben sich wohl nur wenige die Mühe gemacht bzw. die Zeit dazu gehabt, sich einen Überblick über das Gesamtprogramm zu verschaffen. Ich für meinen Teil konnte nie ganz ausschließen, dass ich eine möglicherweise noch interessantere Veranstaltung übersehen habe, was irgendwo quälend und irritierend ist. Diese Unüberschaubarkeit und Unabsehbarkeit weist das ESF in jeder Dimension auf, sei es der Organisationsaufwand oder die Programmgestaltung bis hin zu den Informationsflüssen und Entscheidungskanälen.

Gerade bei letzteren wird sichtbar, wie sehr sich zwei der Hauptforderungen des Sozialforenprozesses offenbar widersprechen. Einerseits die zentrale Forderung nach Pluralität – die Kraft der Vielfalt wird immer wieder zitiert – andererseits die beinahe noch gewichtigere Forderung nach Partizipation. Alle wollen partizipieren, was für viele bedeutet, die Entscheidungsprozesse zumindest nachvollziehen, besser noch auf sie Einfluss nehmen zu können, für die meisten aber, gar keinen Zugang dorthin zu finden.

Und genau hier wird es ganz schwierig, es wird die größte Herausforderung für die weitere Entwicklung der Sozialforen sein, dieser Forderung nach Partizipation und Transparenz nachkommen zu können. Gelingt es nicht, hier gangbare Wege zu entwickeln, wird der Prozess in institutionalisierten Bahnen versickern und bei dem Versuch, zu einer anderen Welt zu gelangen, wieder in der bereits sattsam bekannten ankommen; das begeisterte Engagement wird wieder zurückgehen und es wird schließlich irgendwo eine neue Initiative entstehen, die es diesmal wirklich anders machen will. Grund genug, sich das Problem der Informations- und Entscheidungsstrukturen so sorgfältig als möglich anzuschauen und von Grund auf neu zu denken.

Die Sehnsucht nach Partizipation lässt in mir ein Bild entstehen, das sich von den Versammlungen der Athener auf der Agora herleitet, gut durchsetzt mit der gewiss nicht minder stark romantisierten Vorstellung von Ratsversammlungen verschiedener Indigener, wo womöglich ein Calumet herumgereicht und tiefgehende Entscheidungen getroffen werden. Ich sehe mich dabei durchaus als einer von jenen, die gleichberechtigt ums Lagerfeuer sitzen und „dazugehören“, die an der Wirklichkeit, die dort geschaffen wird, ihren gleichgewichteten Anteil haben, die sich mit dem Ergebnis gut identifizieren und die getroffenen Entscheidungen mittragen können. Ich behaupte nun aufs Geratewohl, dass genau diese Sehnsucht nach Lagerfeuerromantik – um es salopp, aber sicher nicht abwertend gemeint zu formulieren – einer der wichtigsten Mobilisierungsfaktoren im Sozialforenprozess ist, wenn sie nicht schon von einer unmittelbar anstehenden Notlage überlagert wird, was aber der Hoffnung und Sehnsucht nur noch zusätzliche Nahrung gibt.

Platzmangel am 2éme Forum Social Européen?

Gut, ich gehe jetzt einmal davon aus, dass alle um ein Lagerfeuer sitzen wollen. Umgelegt auf das 2. ESF hätte das bedeutet, beispielsweise am Place de la Nation einen riesigen Scheiterhaufen in Brand zu stecken (womit die Pariser Feuerwehr vermutlich keine Freude gehabt hätte) und das eine Calumet so lange herumzureichen, bis es alle einmal in der Hand gehabt hätten. Wahrscheinlich wäre es schon nach ein paar Tagen völlig verglüht und wahrscheinlich hätten es zu diesem Zeitpunkt noch lange nicht alle in der Hand gehabt. Rechnet mensch zudem, dass bei einem Platzbedarf von angenommen 50 cm pro Menschen und angenommen 250.000 Menschen sich ein Kreis von 12.500.000 cm Umfang ergibt, was 125.000 m oder 125 km entspricht und was einen Durchmesser von knapp 40 km bedeutet. dann hätten wir Paris samt Vororte abfackeln müssen, um ein Lagerfeuer zu erhalten, an dem sich alle gleichermaßen wärmen können. Da hätte wohl nicht nur die Pariser Feuerwehr keine Freude damit gehabt. Diese Variante ist also nicht praktikabel, was tun?

Variante 1 – die zeitliche Streckung

Wir halten also das Feuer in kontrollierbaren Dimensionen, sagen wir 10 m Durchmesser, hätten dann einen Sitzkreis von sagen wir 15 Meter Durchmesser, wo knapp 100 Menschen Platz hätten. Es gibt jetzt verschiedene Möglichkeiten wie alle hintereinander am Kreis Platz nehmen können. Entweder tauschen jeweils alle hundert gleichzeitig ihren Platz mit den nächsten hundert oder die oder der, der jeweils das Calumet weitergibt, überlässt ihren/seinen Platz jeweils einer/m Neuen. Sagen wir die Leute sprächen jeweils flott und gäben das Calumet rasch weiter, maximal eine Minute pro Statement, also 100 Minuten pro Runde, wären wir bei stolzen 250.000 Minuten, 4.170 Stunden oder 174 Tagen bis alle zumindest einmal die Prozedur durch hätten. Für die Variante, dass ein ganzer Kreis wechselt, muss mensch wohl noch in etwa 20 Tage dazuzählen. Tja. Mehr als ein symbolischer Akt kann so etwas nicht werden, obwohl gar nicht so uninteressant als Aktion und identitätsstiftendes Element. Eine gemeinsame und transparent getroffene Entscheidung wird so kaum zustande kommen. Ganz abgesehen davon, wollte mensch auf tagesaktuelle Ereignisse in der gebotenen Schnelligkeit reagieren.

Variante 2 – die räumliche Streckung

Schweren Herzens nehme ich also Abschied von der verlockenden und ersehnten Vorstellung, mit allen lieben Menschen um ein Lagerfeuer zu sitzen und gewichtige Entscheidungen zu treffen und spalten das Lagerfeuer in eine entsprechende Anzahl weiterer Lagerfeuer. Das wären bei 250.000 Menschen die zu jeweils hundert um ein Feuer sitzen 2.500 Lagerfeuer, was zwar immer noch riesig aber doch irgendwie bewältigbar erscheint, wenn wir die Feuerstellen über einen entsprechend großen Raum verteilen. Problematisch kann dann allerdings werden, wie sich die Lagerfeuerkreise in Beziehung setzen bzw. das nicht tun. Es kann sich zwar jede/r der Illusion hingeben, an dem einen (wichtigen) Lagerfeuer zu sitzen, aber welche Rolle spielen dann die anderen Lagerfeuerkreise? Wenn ich an dem „einzig wichtigen Lagerfeuer sitze, dann müssen die anderen Lagerfeuer notgedrungen weniger wichtig sein, oder – auf einem abstrakteren, arbeitsteiligen Level – anders wichtig. Ungelöst bleibt so jedenfalls, wie die Lagerfeuer miteinander kommunizieren, um zuminderst symbolisch zu einem Lagerfeuer und zu einem nicht nur symbolischen Ergebnis zu kommen. Der Organisationsaufwand wird, ganz abgesehen von Ankündigung und Mobilisierung, jedenfalls eine hübsche Dimension annehmen und es werden wieder intransparente und unpartizipative Entscheidungsprozesse ablaufen.
Gut, so kommen wir fürs erste nicht weiter.

Variante 3 – noch einmal von ganz vorne

Lassen wir das Lagerfeuersetting einmal beiseite und nehmen wir nur die ganz essentiellen Dinge her. Es geht idealerweise um ein Treffen von 250.000 Menschen (und mehr, wobei ich ja glaube, dass bei mehreren Millionen Menschen die Sache noch einmal neu gedacht werden müsste) an einem Ort und zur selben Zeit. Stellen wir uns einmal vor: irgendwo auf einem geeignet großen Platz kommen eine viertel Million Menschen zusammen, die versuchen, gemeinsam eine Entscheidung zu treffen. Wir setzen einmal voraus, dass alle wissen, welche Entscheidung gerade ansteht. Sie müssen zudem ohne große technische Ausrüstung auskommen, also kein TV und kein Radio. Was wird passieren? Wie lange werden sie brauchen, bis sich eine Entscheidungsstruktur eingestellt hat, die alle Wünsche nach Transparenz und Partizipation befriedigt? Wie wird es vor sich gehen?

Vorstellbar wäre, dass sich Grüppchen von zwei, drei, vier, eher selten mehr, Menschen bilden, die vorerst untereinander ihre Kommentare austauschen. Sie werden nach Antworten suchen, wie sie mit dieser Situation umgehen sollen und schließlich wird vielleicht so etwas wie eine peinliche Stille entstehen. Es wird einem früher oder später klar werden, dass mensch sich zwar in dem Grüppchen einig ist, aber wie steht es mit den anderen? Leute, die im Small Talk trainiert sind, werden vielleicht die peinliche Stille entstehen spüren und sich rasch genug eine Austrittsinszenierung zurecht gelegt haben. Da muss mensch nur rasch jemanden begrüßen, sich das Glas wieder auffüllen oder sonst eine besonders dringende Besorgung erledigen. Die Gruppen werden sich also immer wieder umbilden und vielleicht nach und nach eine stabilere Struktur annehmen. Aber so lange kein besonderes Ereignis eintritt, wird die Geschichte dahinplätschern und sich die Leute nach und nach verabschieden. Was könnte nun so ein „besonderes Ereignis“ sein? Hm, eigentlich alles, was geeignet ist, die Aufmerksamkeit von mehreren Menschen zu erregen. Genau das werden sich vielleicht auch andere denken, um zu der auch in der Sehnsucht enthaltenen gemeinsamen Entscheidung zu gelangen; vielleicht ahnen sie, dass sie irgendwie alle 250.000 erreichen müssen oder jedenfalls mehr, als die Leute, die gerade um sie herum stehen. Sie werden beginnen die Gruppen miteinander in Verbindung zu bringen. Und – wenn es gelingt zwei Gruppen zusammenzuführen – entsteht plötzlich eine neue Dynamik: Aus dem eher zufälligen Miteinander-Plaudern wurde ein beabsichtigtes Aufeinander-Zugehen.

Das lässt mehr erwarten! Es muss einen Grund geben, es geht plötzlich irgendwie um etwas. Die Konzentration steigt und es werden immer wichtigere Fragen angeschnitten, wie zum Beispiel: „Was wollen wir hier eigentlich wirklich?“ Nein, die war vielleicht noch zu intim. Vermutlich sind wir erst in der Phase, wo die verschiedenen Weltinterpretationen ausgetauscht werden und mitunter heftige Dispute entstehen, ob jetzt beispielsweise die Volksfront von Judäa oder die Judäische Volksfront das wahre Heil vertritt, oder die großen Weltprobleme, mit immer noch neueren Details angereichert, zum x-ten Mal aneinander gereiht werden und sich kaum jemand die Mühe macht, eine Verbindung herzustellen.

Das ist für viele eine sehr erfüllende Phase, sprich sie kann unter Umständen recht lange andauern. Endlich hört wer zu, endlich kann ich jemandem sagen, was ich mir insgeheim immer schon gedacht habe, endlich kann mich wer bestätigen, endlich kann mir wer sagen, ob ich mich in meinen Annahmen getäuscht habe. Und das darf mensch keinesfalls gering schätzen. Da geht es ans Existentielle – vielleicht vorerst nicht materiell, aber dafür umso schwerwiegender psychisch/seelisch/philosophisch – da geht es schließlich um die großen Entscheidungsgrundlagen, nach denen wir unser ganzes Leben eingerichtet und all unsere Entscheidungen getroffen haben.

Andere Impressionen von der anderen Welt

Was weiter passiert, hängt ganz von der Kreativität der Leute ab, die versuchen die Gruppen miteinander zu vernetzen, mit dem Ziel, irgendwann ein geeignetes Informationsnetz aufgebaut zu haben, mit dessen Hilfe alle 250.000 die Informationen, die sie benötigen, rechtzeitig bekommen. Natürlich hängt es auch davon ab, was den Leuten sonst so einfällt. Einige werden sicher ungeduldig werden, und Schuldige zu suchen beginnen, um etwas zu haben, an dem sie die Unzufriedenheit darüber, dass da jetzt nichts weitergeht, festmachen können. Es kann durchaus passieren, dass zwischen zwei Gruppen Konflikte auftreten, deren Austragung zwar notwendig ist, aber die Herstellung des Gesamtzusammenhangs verzögert. Worauf wieder einige andere ungeduldig werden, und versuchen das Problem aus der Welt zu schaffen. Die Strategien zum Umgang mit Konflikten sind Legion und die Geschichte wird ziemlich zu brodeln beginnen, weil unzählige Ansatzpunkte, Problemlösungswege, Perspektiven und Methoden aufeinanderprallen. Viele werden da schon aus den Augen verloren haben, dass es eigentlich um eine gemeinsame Entscheidung geht und sich in Argumentationskaskaden aufreiben. Wieder andere werden vielleicht einfach resignieren und einmal abwarten, was weiter passiert und sich die Zeit dabei vertreiben.

Einige werden vielleicht beginnen Musik zu machen, andere werden vielleicht dazu tanzen, irgendwie kommt ein kleines Festl zusammen und mensch hat eine schöne Zeit, bis es dann doch einmal für eine gemeinsame Entscheidung Zeit wird. Wieder andere werden die Zeit nutzen und die Informationen, die sie gerade für wichtig erachten, unter die Leute bringen. Sie werden Vorträge halten und mit den Leuten über deren Inhalt diskutieren. Auch wichtig, aber was ist mit der gemeinsamen Entscheidung? Wieder andere werden ungeduldig und wollen die gemeinsame Entscheidung erzwingen. Sie versuchen mit mehr oder weniger einfachen, leicht eingängigen Parolen Leute um sich zu scharen, um mehr Gewicht zu bekommen, damit sie von noch mehr Leute gehört werden. In der vermeintlich gebotenen Eile geht das meist nicht ohne eine gewisse Gleichschaltung und Reduktion ab, die Leute entwickeln nach und nach merkwürdig uniforme Identitäten und bauen ebenso schleichend Authentizität ab. Alles wird unternommen, um die Gruppe irgendwie zusammenzuhalten, vor Vereinfachungen und Wahrheitsverzerrungen wird nicht mehr halt gemacht. Das bremst den Informationsfluss entscheidend, besonders wenn benachbarte Gruppen als Feindbildleinwand herhalten müssen. Damit wäre das Gesamtprojekt wohl vorerst gescheitert.

Bei der Weitergabe von Information handelt es sich ja auch um so etwas wie einen Vertrauensakt. Je mehr Vertrauen da ist, umso „schwierigere“ und wesentlichere, „entscheidungsträchtigere“ Informationen werden weitergegeben. Einem „Feind erzählt mensch bestenfalls völlig Unwesentliches.

Es ist vielleicht gar nicht so schwierig eine durchgehende Kommunikationsstruktur aufzubauen. Was die Sache wirklich schwierig macht, ist, diese Kommunikationskanäle auch mit ausreichend Vertrauen zu versehen bzw. warten zu können, bis sich die „richtigen Beziehungen gefunden haben. Wir können wohl nicht davon ausgehen, dass jede/r mit jeder/m kann, und schon gar nicht, dass alle eine gemeinsame Sprache sprechen, was ein faktisches Kommunikationshemmnis darstellt. Die Leute, die zwischen sich gute Informationskanäle aufbauen könnten, müssen sich erst finden, müssen ein bisschen Zeit haben, um sich näher kennen zu lernen, um zu wissen, wer gerade welche Information benötigt und wer über die Information verfügen könnte, die mensch selbst gerade braucht.

Nach und nach werden sich Informationsnetze bilden. Netze aus Menschen, die zwar in einen Informationsfluss eingebunden sind, aber viele letztlich nicht überblicken, wie aus dem Informationsfluss eine Entscheidung geworden ist und wer aus welchem Grund eine Entscheidung initiiert und mitgetragen hat. Das dürfte der momentane Status punkto Strukturbildung des Sozialforenprozesses sein. Es gibt offenbar ein Netz, das für viele Menschen ausreichend mit Vertrauen ausgestattet ist; Sonst würden nicht letztlich zehntausende Menschen nach Paris fahren, also willens sein, Zeit und Geld dafür aufzubringen.

Diese Art von Vertrauen dürfte eine recht neue Errungenschaft in unserem Kulturtechniken-Werkzeugkammerl sein. Es ist das Vertrauen in jemand völlig Unbekannten. Mensch vertraut darauf, dass die 249.000, die sie oder er nicht persönlich kennt, auch am selben „Projekt“ oder einem sehr ähnlichen arbeiten – oder zumindest ein großer Teil davon. Das ist eine enorme, außerordentliche und spannende Vertrauensleistung und die Bereitschaft jemanden „fremden“ eher zu misstrauen steigt tendenziell. Die Gruppen und Netze laufen Gefahr in nur schwierig aufzulösende Oppositionen zu geraten und wir hätten wieder ein – diesmal selbst errichtetes – Kommunikationshemmnis. Das Gelingen einer gemeinsamen Entscheidung verschiebt sich um weitere Tage. Bis dahin wären nun wohl schon an die sechs Wochen vergangen, immer – natürlich idealtypisch – vorausgesetzt, die Versorgung und Unterkunft wäre sichergestellt.

Nun gut, selbstverständlich diese Schwierigkeiten immer im Auge behaltend: was wäre in dieser Situation zu tun? Ich rekapituliere: es gibt offenbar ein Informationsnetz, das sehr viele Menschen erreicht bzw. an dem sie in irgendeiner Form partizipieren und auf der anderen Seite kommen Entscheidungen zustande, über deren Zustandekommen bei vielen Unklarheit herrscht. Warum wurde – nur als Beispiel! – der 9. Mai zum Aktionstag ausgerufen, wer hat sich warum für dieses Projekt eingesetzt? Je nachdem über wie viele und welche Informationen ich verfüge, werde ich das Projekt aktiv unterstützen oder mich eher heraushalten bzw. nicht hineinziehen lassen. Es wird jede/r das tun, was sie oder ihm in ihrer oder seiner momentanen Situation am Sinnvollsten erscheint.

Und Arbeit gibt es wahrlich genug. Bisher haben wir ja nur die Informationskanäle betrachtet, die Informationen, die darauf laufen sollen, müssen auch zuerst einmal erarbeitet, artikuliert und dann schließlich noch transportiert werden. Es müssen Beobachtungen und Erfahrungen gesammelt und verarbeitet werden, sie müssen für das jeweilige Medium aufbereitet und transportabel genug gemacht werden, damit sie auch tatsächlich über weite Strecken transportiert werden können. Dass bei dieser Herausforderung die Tendenz zur unzulässigen Vereinfachung steigt, ist nur zu gut nachzuvollziehen. Erschwerend kommt noch hinzu, dass womöglich jede/r eine andere Entscheidung als die am notwendigsten zu treffende propagiert bzw. eine Unzahl von Entscheidungen anstehen und alle als erstes gelöst werden wollen.

Wir haben ja schließlich auch einiges aufzuholen. Über viel zu viele Dinge wurde jahrzehntelang viel zu wenig gesprochen – wie es scheint, bzw. sind in jüngster Zeit viel zu viele Probleme eingetreten oder gar erst – Internet sei Dank – bekannt geworden. Das macht ganz schön Dampf und der Druck jetzt endlich einmal irgendeine Entscheidung zu treffen, stieg in den letzten Jahren gewaltig. Viele bemühen sich Entscheidungsprozesse ins Laufen zu bekommen, die viele Leute relativ einfach mittragen können, wie z.B. einen internationalen Aktionstag.

Es gibt sie und das ist gut so, sie sind derzeit aber nicht viel mehr – und das ist aber in dieser Situation schon sehr, sehr viel – als „vertrauensbildende Maßnahmen“. Der Effekt ist in erster Linie, dass das Netz weiter ausgebaut und verdichtet wird, dass sich Leute kennen lernen, zwischen denen der Informationsfluss noch besser gelingt, und dass eventuell weitere „gemeinsame Entscheidungen getroffen bzw. entlang des Vorbereitungsprozesses initiiert werden können. Ob noch weitere Effekte eintreten, im Besonderen ob die Proteste auch zu den gewünschten Ergebnissen führen, ist auf weite Strecken fraglich. Sicher wird die Öffentlichkeit (die Gesellschaft als Ganzes?) in irgendeiner Form darauf reagieren. Das wird aber in vielen Fällen – je nach medialem Echo – nur in kleinen Dosen und Nuancen passieren bzw. in einer Form, dass „wir“ annehmen müssen, dass „wir“ unsere Botschaft nicht so hinübergebracht haben, wie „wir“ uns das vorgestellt haben.

Sicher aber werden einige Menschen aufmerksam und versuchen, sich in den Prozess einzuklinken bzw. sich darüber zu informieren. Da hängt es dann sehr davon ab, wie sehr sie willkommen geheißen werden und wie rasch sie sich in dem sicher auf den ersten Blick undurchschaubaren, weil unerschaubaren und unüberschaubaren Netz an Informationskanälen zurecht finden. Es geht hier also immer noch darum, eine gemeinsam getragene Entscheidung, einen Konsens herbeizuführen, damit eine gemeinsame Entscheidung getroffen werden kann. Welchen Inhalts diese dann zu treffende Entscheidung ist und wie sie zustande kommen soll, ist derzeit noch völlig offen bzw. nur in groben Zügen erkennbar.

Kehren wir aber zurück zu unserem weiten Feld, auf dem die 250.000 Menschen in der Hoffnung zusammengekommen sind, dass sie dort die Anknüpfpunkte finden, die ihnen nützen, um ihre individuellen Anliegen verwirklichen zu können. Mittlerweile haben an etlichen Stellen Gruppen begonnen Veranstaltungen zu organisieren, d.h. mehr oder weniger erfolgreich ein Team gebildet, das auf die Veranstaltung aufmerksam macht, ein weiteres, das sich um die Abwicklung und das Programm der Veranstaltung kümmert (das also z. B. den Platz, wo die Veranstaltung stattfinden soll entsprechend markiert und für die Zwecke der Veranstaltung adaptiert, und das eine gewisse Tagesordnung entwirft und sich um die konkrete Behandlung der einzelnen Programmpunkte kümmert), schließlich haben sich in den Gruppen auch Leute gefunden, die auf der Veranstaltung als Ansprechpersonen in Erscheinung treten und die die in der Gruppe auftretenden Anliegen zu kommunizieren versuchen.

„Ansprechpersonen“ deshalb, weil sie für die „Außenwelt“ der Gruppe die Gruppe sichtbar machen und als Personen erkennbar werden, über die mensch mit der Gruppe in einen ersten Kontakt treten kann. Hier wird übrigens ein hoffnungmachendes Phänomen des Sozialforenprozesses sichtbar. Ein richtiges Socialforum hat nämlich keine SprecherInnen. Die, die in der Medienwelt in dieser Rolle auftreten müssen, betonen zwar immer wieder, dass sie dezidiert keine SprecherInnen des Sozialforums sind, aber sie werden von außen als solche wahrgenommen und bezeichnet (von hier aus wäre eine Menge von Konfliktfeldern zu behandeln).

Das Socialforum beschreitet auch in der „Medienarbeit“ völlig andere Wege. Die vermeintlichen SprecherInnen sind in Wirklichkeit Ansprechbare. Sie sind die, die am Rand des schon oben erwähnten Platzes stehen und Leute hereinwinken. Sie haben keinen anderen „Auftrag“, als zu sagen, dass es das Socialforum gibt, und zur Partizipation einzuladen. Sie sind die, die denen, die herein wollen, die Hand reichen und sie willkommen heißen bzw. die, die Leute, die das können, in ihrer Nähe haben.

Parallel zur Veranstaltungsarbeit läuft auch ein Prozess ab, in der die an der jeweiligen Gruppe Partizipierenden „lernen“, wie innerhalb dieser Gruppe Entscheidungen zustande kommen, also welche Transparenz- und Partizipationsanforderungen erfüllt werden müssen, damit die Gruppe die Veranstaltung auch erfolgreich durchführen kann. Die Gruppe ist also gefordert, Entscheidungsstrukturen – mehr oder weniger bewusst, mehr oder weniger reflektiert – herauszubilden. Dass im Sozialforenprozess schon einige auch sehr große Veranstaltungen erfolgreich durchgeführt wurden, kann mensch wohl als Hinweis werten, dass entweder der Leidensdruck groß genug ist oder/und die Entscheidungsstrukturen bestimmte Qualitäten aufweisen, die der Forderung nach Transparenz (Einbindung) und Partizipation (Nichtdiskriminierung) entgegenkommen, sprich die Erfüllung dieser Forderungen zumindest in Aussicht stellen.

Tendenziell scheint die Auffassung breitere Zustimmung zu finden, dass die gemeinsam zu treffenden Entscheidungen nicht auch zur gleichen Zeit getroffen werden müssen, dass mensch also Entscheidungen (die in diesem Stadium für sie oder ihn nur Entwürfe sein können) gleichsam beitreten kann. Das scheint ein prinzipiell gangbarer Weg, der aber einige Komplikationen in sich birgt. Ein Problem ist beispielsweise, dass die Leute, die der Entscheidung schon „beigetreten“ sind, diese also für sich als verbindlich erachten, für die Leute, die der Entscheidung noch beitreten sollen, auch genügend Spielraum offen lassen, damit sie ihnen die Entscheidung, an die sie selbst ja schon „glauben“, nicht aufoktroyieren. Sie müssen also die Entscheidung, die sie selbst getroffen haben, gleichsam wieder in Frage stellen, oder zumindest die Bereitschaft erkennen lassen in die fragliche Entscheidung auch die Anliegen der neu Hinzustoßenden einfließen zu lassen. Wobei die Bereitschaft allein nur kurze Zeit reichen wird, mensch wird es früher oder später auch faktisch tun müssen und ist wohl gut beraten, das bereits von Anfang an zu tun.

Jedenfalls hält dieses Spannungsverhältnis zwischen schon-entschieden und noch-nicht-entschieden den Entscheidungsprozess lebendig und spannend, weil ungewiss. Dieses In-Schwebe-Halten von Entscheidungen stellt meines Erachtens auch ein wesentliches Merkmal des Sozialforenprozesses dar, es ist ein – wenn mensch so will – schwelender Entscheidungsprozess, wo nur langsam klar wird, wie weit er schon fortgeschritten ist, in welchem Stadium er sich also befindet und wer schon wie weit „beigetreten“ ist und sich in die Weiterentwicklung einbringt. Dass trotz dieser mit der Spannung steigenden Ungeduld weitgehend Geduld bewiesen und nicht voreilig etwas für beschlossen erklärt wurde, was viele noch nicht einmal gehört hatten, macht den Sozialforenprozess für mich wirklich interessant.

Das Sozialforum hat nämlich nicht nur keine SprecherInnen (wohl aber ein große Zahl von Ansprechbaren, wie oben schon ausgeführt), sondern es trifft auch keine Entscheidungen durch Kampfabstimmungen. Projekte werden angekündigt und, wenn kein Einwand vorgebracht wird, durchgeführt. Treten Einwände oder Probleme auf, wird das besprochen und das Projekt gegebenenfalls in eine Form gebracht, wo alle mitkönnen, wenn sie das möchten. Projekte ohne Berücksichtigung der Einwände durchzuführen, wird weitgehend und tunlichst vermieden. Auch das ist wohl ein sehr typisches, wenn auch noch wenig thematisiertes Merkmal des Sozialforenprozesses. Wenngleich ohne dieses Prinzip der Rücksichtnahme der Prozess gar nicht so weit kommen hätte können, wo er sich zur Zeit bewegt.

Große Organisationen nehmen auf kleinere Rücksicht, kleinere nehmen den Mund vielleicht ein bisschen weniger voll. Jede Organisation bringt nach Maßgabe ihrer Möglichkeiten Ressourcen ein; aber daraus wird – wieder sehr erstaunlicherweise – nicht abgeleitet, dass mensch sich damit mehr Entscheidungsrechte erkauft hätte. Mensch fordert von anderen Organisationen in der Regel nicht ein, was diese nicht erbringen können oder wollen. Alle bringen sich aus freien Stücken, freiwillig, ein oder eben nicht. Wenn sie sich aber einbringen, dann mit vollem Engagement, weil sie sich selbst dazu entschlossen haben. Die Freiwilligkeit scheint sich als weiteres Prinzip abzuzeichnen.

Vermutlich gliedert sich die „große gemeinsame Entscheidung“ auch in eine Vielzahl von Teilentscheidungen, die nur von einzelnen Personen, Teams oder Gruppen getroffen werden können, da nicht alle unmittelbar davon betroffen sind; die aber andererseits Voraussetzung sind, dass die „große gemeinsame Entscheidung“ tatsächlich einmal getroffen werden kann. Entscheidungen, denen jeweils ein Diskussions-, Austausch-, Klärungs- und Lernprozess vorangeht, der seinerseits wiederum organisiert sein will. Das heisst, es braucht Leute, die für sich schon entschieden haben, den Prozess nach Maßgabe und Möglichkeit mitzutragen. Und hier sind wir bei einer der wichtigsten Teilentscheidungen, die zudem nur jede und jeder für sich selbst treffen kann. Es kann niemand diktieren, ob und wie lange ich einen Prozess mittrage, das muss ich zu aller erst mit mir selbst ausmachen.

Für unseren großen Platz ergibt sich somit ein Bild, wo die Grüppchen dazu übergegangen sind mit Nachbargruppen Kooperationen einzugehen, sich zumindest aber informell vernetzt haben. Aus den 50.000 Grüppchen sind vielleicht ein paar hundert Netzwerke geworden, innerhalb derer Entscheidungsprozesse laufen, die den Anforderungen an Transparenz und Partizipation schon einigermaßen gerecht geworden sind bzw. nötigenfalls in diese Richtung weiter entwickelt werden können. Natürlich alles mit viel Vorbehalt, die Netzwerke sind eher lose konstruiert und vieles ist noch sehr schwammig und schwer zu erkennen. Es muss auch schon eine Vernetzung über alle Partizipierenden geben. Diese scheint zwar noch an vielen Stellen löchrig zu sein, hat aber in anderen Bereichen schon ein große Verdichtung erreicht. Von einer „planetarischen Zivilgesellschaft“ würde ich trotzdem zur Zeit noch vorsichtig sprechen, dazu wird es noch ein paar Weltsozialforen brauchen.

Wie geht es nun wirklich weiter? Wie könnte es weitergehen? Wie können die Informationskanäle ausgebaut und effektiver angelegt werden? Wie können sich transparente und integrative Entscheidungsstrukturen ergeben? Ergeben sie sich quasi automatisch oder müssen sie bewusst gebaut werden? Das ist tatsächlich ein schwieriges Problem. Einerseits sagt mir das Schwebende und Wabbernde, das sich ständig Verändernde und Entwickelnde sehr zu. Es scheinen genug Kräfte diese Wolke herum zu ziehen und es macht den Eindruck, als ob die Wolke nach und nach in die für alle passende Form gebracht wird. Vielleicht müssen wir uns aber einfach nur von der Vorstellung verabschieden, in ewig stabilen Strukturen zu leben. Menschen bleiben nie gleich, sie verändern sich ihr ganzes Leben lang und damit in der Regel auch die Vorstellungen von der anderen Welt. Die dazu passenden Strukturen verändern sich natürlich mit, die Spielregeln und Vereinbarungen werden immer präziser formuliert, und schließlich treten auch die Widersprüche deutlicher zu Tage, können bearbeitet und so neue Perspektiven von der anderen Welt gewonnen werden, was wiederum eine Anpassung der Strukturen nach sich zieht usw. Haben sich die Strukturen völlig verfestigt, gibt es keine Entwicklung, keine Veränderung mehr.

Versucht mensch nun Strukturen zu bauen, die dem Prozess möglicherweise dienlich sind, besteht die Gefahr, dass der Prozess dort verfestigt wird, wo er eigentlich gerade Bewegung nötig hätte, bzw. umgekehrt, dass der Prozess dort nicht gefestigt wird, wo eine Erholungs- und Reifephase der Geschichte gut tun würde. Andererseits wurden die bereits bestehenden Strukturen auch durch nichts anderes als durch von Einzelnen bewusst gesetzte Akte gebaut. Allerdings gab es dabei keinen „Generalstabsplan“. Die Menschen haben von sich aus jene Strukturen gebaut, die sie erstens aus eigener Initiative und zweitens so gebaut haben, dass sie sie auch leben können. Vereinheitlichte Strukturen bergen immer die Gefahr, dass sie nicht für jede und jeden so lebbar sind, wie sich das die PlanerInnen ausgedacht haben. Strukturentwürfe arbeiten oft mit einem bestimmten Menschenbild, an das sie die Struktur optimal anpassen. Das vereinfacht zwar die Sache sehr, ignoriert aber – gewiss unabsichtlich – das Pluralitätsprinzip. Wollte mensch tatsächlich eine Socialforum-Struktur entwerfen, müssten da eine wesentlich größere Anzahl an Menschenbildern berücksichtigt werden.

Hier wird langsam sichtbar, dass auch der Sozialforenprozess „nur“ ein Kind seiner Zeit ist. Nein, es ist geradezu ein Antwortversuch auf die drängendsten Fragen unserer Zeit. Klassische über Jahrhunderte tradierte Rollenbilder und Beziehungsmodelle verlieren in einem rasenden Tempo ihre Relevanz. Orientierungbietende aber starre gesellschaftliche Positionen lösen sich in nahezu völlig frei gestaltbare Identitäten auf. Rahmen- und natürlich auch grenzenschaffende Beziehungsmodelle treten hinter eine Vielzahl von anderen Formen zurück; so wie sich die Identitäten gestalten lassen, lassen sich natürlich auch die Beziehungen und die Strukturen, die diese Identitäten eingehen, frei gestalten. Das Socialforum müsste diese Entwicklung berücksichtigen und könnte demnach nur fließende Strukturen aufbauen. Prekär.

Mit dieser Ausgangslage bleibt die weitere Entwicklung der Sozialforen völlig unabsehbar. Es wird immer nur Gruppen geben, die Kooperationen eingehen und Netzwerke bilden, die gemeinsam Foren veranstalten. Leute werden in immer neuen Konstellationen zusammenkommen, die Netze entsprechend umbauen und den Informationsfluss von Neuem optimieren. Dieser Prozess wurde durch Internet und Email extrem beschleunigt und scheint eben erst so richtig in Fahrt zu kommen. Auch soviel zum Kind seiner Zeit. Kontinuitäten, Dauerhaftes, Halt gebende Strukturen sind nicht wirklich in Sicht. Die Kohärenzbedürfnisse fallen voll auf das Individuum zurück, die Gesellschaft stellt immer weniger Kohärenz bereit.

Jetzt sind schön langsam die PhilosophInnen gefragt: Ist Kohärenz ein menschliches Grundbedürfnis? Braucht jeder Mensch einen roten Faden durch ihr oder sein Leben? Kann ein Mensch sich ihrer oder seiner Erinnerung derart entledigen, dass sie oder er in jedem Augenblick ein neues Leben beginnt? Das wird wohl nur wenigen gelingen, deswegen wird jede Identität auch ihre mehr oder weniger zusammenhängende Geschichte haben. Diese Geschichte müsste zudem auch in den Grundzügen ziemlich widerspruchsfrei sein, damit die eigene Identität als stimmig und selbstverwirklicht empfunden werden kann.

Jeder Gedanke eine Idee, jede Idee eine Beziehung, jede Beziehung ein Erlebnis, jedes Erlebnis ein Leben.

Dieser Aphorismus setzt Grenzen, aber er öffnet auch. Der Mensch ist durch und durch von Beziehungen bestimmt – sie oder er braucht etwas, womit sie oder er sich selbst in Beziehung setzen kann. Eine Beziehung schafft Anhaltspunkte. An Beziehungen entlang webt sich der sprichwörtliche rote Faden durchs eigene Leben. Beziehungen machen Geschichte. Identitäten hinterlassen Spuren. Spuren, die gelesen und erzählt werden können. Die Menschen weben ihre roten Fäden ineinander, wobei sie natürlich völlig autonom, in konstruktivistischem Sinn, bleiben, und schaffen so den Sprung von der individuellen Identität in eine Art kollektive Identität, solange sie jeweils füreinander „erkennbar“ bleiben.

Auf der Suche nach Bestätigung und Vereinbarung, Begreifen und Halt, stellt die Wiedererkennbarkeit der oder des jeweils anderen einen gewissen Wert dar. Ich weiß, wir bewegen uns schon lange auf „fremden“ Terrain. Wiedererkennbarkeit riecht stark nach Tradition und Konvention, nach Konservieren und Einfrieren, nach Absichern und Eliminieren. Andererseits steckt im Wiedererkennen auch eine große Freude, wie sie sich beispielsweise oft einstellte, wenn wer jemanden am ESF in Florenz kennen gelernt und am 2. ESF in Paris dann wieder getroffen hat. – Etwas wiedererkennbar zu machen heisst auch Lernen. Es ist im Grunde auch kein Wiedererkennen sondern eher ein Weitererkennen-Wollen. Mensch will eventuell wissen, wie eine Geschichte ausgegangen ist bzw. ob sie so ausgegangen ist, wie sie nach eigenem Weltbild ausgehen hätte müssen, um auf diese Weise abzuleiten, ob mensch selbst noch auf einem Weg, in Bewegung ist oder nicht etwa schon in den Mauern der Gewohnheit gefangen sitzt und nur mehr sehnsüchtig durch die Gitterstäbe die Sterne zählt.

Nichts ist sicherer als ein Gefängnis. Dort kann einem nichts passieren. Dort kann mensch sich selbst passieren, bestenfalls. Ich weiß, ein derart ausgeprägtes Sicherheitsbedürfnis ist schon als pathologisch zu bezeichnen, aber wir steuern munter darauf zu. Alles muss abgesichert und versichert werden, kaum ein Wahlkampf in den letzten Jahren, wo sich die Parteigranden nicht durchgängig als jeweils bessere Versicherer präsentiert hätten. Jeder hat versucht noch mehr Sicherheit zu bieten. Die WählerInnen wurden derart aufdringlich umworben, jeder und jedem ist das sicherste Nest versprochen worden, sodass man Wahlkämpfe ohne weiteres als Hauptbrunftzeit der Gattung Mensch bezeichnen kann.

Ich will jetzt sicher nicht so weit gehen und Kriege als Brunftgehabe der Spezies Mensch bezeichnen oder gar zu rechtfertigen versuchen, wir haben schließlich die Möglichkeit unser Brunftgehabe so zu gestalten, dass beim Brunfttanz niemand zugrunde geht. Es gibt zumindest gewisse vielversprechende Anzeichen, dass wir tatsächlich die Möglichkeit dazu haben. Aber es ist irgendwie ein Christoph-Kolumbus-Dilemma: mensch kann nicht beweisen, dass dort wo die Reise hingehen soll, tatsächlich auch Land ist, ein sicherer Hafen, wo mensch sich wieder in ihren oder seinen Gewohnheiten einrichten kann. In dieser Argumentation wird das Bedürfnis nach Sicherheit dazu benutzt, eine Phase der Unsicherheit als Voraussetzung so darzustellen, dass sich die Mühe lohnt und eine oder einem nachher noch mehr „Sicherheit“, ein (noch) besseres Leben erwartet. Der Aufbruch, der Ausbruch aus der gewohnten „Behausung“ muss irgendwie gerechtfertigt werden, es braucht ein Motiv. Und da gibt es ja auch ein Reihe schwerwiegender: Hunger, Durst, Wärme, Gesundheit, Ruhe, Wohlsein, Verlust, Angst, Krieg, Flucht vor dem Tod, Eintauchen ins Leben, Lust und schließlich Liebe.

Jeweils wird die mit der Reise verbundene Ungewissheit in Kauf genommen und einer erdrückenden Gewissheit vorgezogen. Zudem bietet eben jene Ungewissheit die Möglichkeit, ihrem oder seinem Leben einen neuen Sinn zu geben, neue Facetten ihrer oder seiner selbst zu entdecken, ein Stückchen mehr dieses gigantischen Szenarios, genannt Universum, zu begreifen, und sich mit dem vertraut zu machen, was uns eigentlich vertraut sein sollte, sind wir doch ein Teil davon. Es ist manchmal, als stünden wir als Fremde am Rande unserer eigenen Existenz – und starrten mit offenen Mündern in eine unbeschreibbar merkwürdige und fantastische Landschaft ohne begreifen zu können, was da eigentlich wirklich vor sich geht. Wie Schwemmgut am Strand schaukeln uns die Wellen herum. Wie ein ausgesetztes Baby im Körbchen. Irgendwer hat uns dort hineingebettet und irgendwas wird uns irgendwo an Land heben, damit wir ein neues Leben beginnen und die in uns keimende Identität entdecken, entwickeln, entfalten können. Was auch immer der „große“ Sinn darin sein mag, wir müssen wohl so lange so weitertun, bis wir entweder einen Sinn darin finden oder bis wir definitiv sagen können, dass da kein Sinn drinnen steckt.

Wenn wir in diesem Bild bleiben, erscheint die Sozialforenbewegung wie eine Völkerwanderung in ein neues „Medium“, vergleichbar mit der Bewegung der Evolution aus dem Wasser aufs Land. Die alten Behausungen entsprachen nicht mehr den Anforderungen einer weiter entwickelten Identität. Anfangs sind nur wenige gestrandet und haben in dieses neue Land hineingeschnuppert, einige haben sich nach und nach am Ufer eingerichtet, mittlerweile sind schon einige Expeditionstrupps unterwegs die Gegend zu erkunden, an den Stränden herrscht munteres Kommen und Gehen. Ein paar weitere haben die Umstellung komplett vollzogen und leben nur mehr an Land. Es ist, als ginge die Evolution es nun an, nach der physischen, individuellen Stimmigkeit nun auch die soziale, kollektive Stimmigkeit auszubilden, wozu bisher nur Wesen gefehlt haben, die miteinander differenziert kommunizieren können. Das ist ausdrücklich kein verkappter Historizismus. Die Evolution hat vermutlich (das wäre dann eines) kein Ziel, aber sie bewegt sich doch.

Ja, ja, die Sprache…

Liebe Leserin, lieber Leser, tut mir leid, ich kann leider kein Ende dieser Geschichte anbieten. Aber ich werde davon berichten, wenn ich dem „Ende“ wieder ein Stück näher bin.

Christian Apl arbeitet bei SOS Mitmensch und ist in der Wiener ASF-Vorbereitungsgruppe aktiv.

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