2003 Sozialforen – Gebot der Stunde oder Liebeserklärung an das Chaos

Versuch über einen Grundriss des Unabsehbaren
von Barbara Waschmann und Christian Apl
(Artikel für Kulturrisse – Zeitschrift für radikaldemokratische Kulturpolitik)

Über Sozialforen, soviel vorneweg, zu reden und gleichzeitig einem gewissen Anspruch an Gültigkeit gerecht zu werden, zerstäubt einem nur zu leicht die Sätze noch bevor sie zu Ende gesprochen sind. Wie sollte mensch auch zu einem Urteil über etwas kommen, dass historisch gesehen eben erst begonnen hat, bzw. das Dank der neuen Kommunikationstechnologien vermutlich eben dabei ist, völlig neue Qualitäten hervor zu bringen? Es ist bei weitem einfacher, sich in den Sozialforenprozess einzubringen, als ihn zu beschreiben.

Wer Hallein, Florenz oder Porto Alegre erlebt hat, tut sich wohl schwer mit trockenen Auflistungen über die Ausgeburten des Neoliberalismus, die weltweit hunderttausende Menschen aktiv werden lassen. Ein unvollständiger Auszug der aktuellen „Highlights“: GATS, das Allgemeine Abkommen über den Handel mit Dienstleistungen, das die Liberalisierung auch öffentlicher Dienste wie Gesundheit, Bildung oder auch Kultur nicht explizit ausschliesst; TRIPS (trade of rights in intellectual property), dem Handel mit geistigem Eigentum, unter dessen Druck das Europäische Parlament diesen September über Richtlinien zur Software-Patentierung beschliessen soll. Oder krachende Sozialsysteme, weil die Steuerleistungen transnationaler Konzerne zugunsten des jeweiligen Wirtschaftsstandortes fehlen.

Immer mehr Menschen wird bewusst, wie ungerecht, undemokratisch und in keinster Weise nachhaltig das herrschende Wirtschaftssystem ist, wie Kriege inszeniert werden, wie moderner Sklavenhandel funktioniert. Mit den massiven Protesten gegen die neoliberale, Konzerne-gesteuerte Globalisierung anlässlich der sogenannten „Milleniumsrunde“ der Welthandelsorganisation (WTO) im November 1999 in Seattle,  den Gegengipfeln in Genf (UN-Sozialgipfel, Juni 2000), Prag (Weltbank-Konferenz, September 2000), in Washington (IWF-Tagung, 2000/2001), Göteborg (EU-Gipfel, 2001), Genua (G8, 2001), Evian (G8, 2003) und jetzt anlässlich der 5. WTO-Ministerratstagung in Cancún (Mexiko, 2003) formiert sich Widerstand, weltweit.

Die Aufzählung der schon nach zweieinhalb Jahren unüberschaubaren Anzahl an bereits stattgefundenen Sozialforen bzw. in Vorbereitung befindlichen artet zu einem unlesbaren Ortsregister über die Kontinente verteilt aus. Ja, es ist erst zweieinhalb Jahre her, seit in Porto Alegre das erste Weltsozialforum stattgefunden hat, die Zahl der TeilnehmerInnen hat sich von 30.000 in 2001 auf 100.000 in 2003 erhöht. Der 15. Februar 2003, der weltweite Aktionstag gegen den Irak-Krieg, wurde beim 1. Europäischen Sozialforum in Florenz (November 2002) vorgeschlagen und beim 3. Weltsozialforum in Porto Alegre (Januar 2003) bestätigt. So waren an jenem Tag etwa 15 Millionen Menschen in 600 Städten weltweit gegen Krieg auf der Straße.

Die Vielfalt neoliberaler Übergriffe spiegelt sich nur matt in der Vielfalt der am Sozialforenprozess Partizipierenden. So gut wie jeder gesellschaftliche Bereich ist von den neoliberalen Angriffen betroffen.

Die Ausrede „Was kann ich allein schon tun?“ gilt nicht länger. Wer den eigenen Alltag beleuchtet, sieht sich mit unangenehmen Fragen konfrontiert: Unter welchen Bedingungen wurde mein Kaffee, mein Kakao, meine Kleidung hergestellt? Könnte ich mich noch selbst versorgen? Wie oft glaube ich, ein neues Mobiltelefon zu brauchen – jetzt, nachdem ich weiss, dass das für den Chip benötigte Erz namens Tantalum unter Kinderarbeit und Bürgerkriegen abgebaut wird? Lebe ich auf Kosten anderer?

Der Leidensdruck von Millionen hat aus dem zornig-entschlossenen „Ya basta!“ endlich dieses fast möchte ich sagen: erlösende „Otro Mundo es posible – eine andere Welt ist möglich“ werden lassen. Menschen, die nicht länger die ihnen zugedachte Rolle spielen wollen. Die Bestimmtheit, mit der dieses Leitmotiv der Öffentlichkeit entgegen gehalten wird, macht Hoffnung. Mehr oder weniger bewusst macht sich die Einsicht breit, dass Kritik zwar notwendig ist, aber alleine nicht ausreicht.

Der Sozialforenprozess ist deswegen ein Stück weit und notwendig auch ein Gestaltungsprozess. Mühsam und zugleich sambaartig leichtfüßig tasten und tanzen Menschen sich aus allen möglichen Richtungen in diese andere Welt vor.  Es ist unbeschreiblich. „Eine andere Welt ist möglich“ bedeutet schliesslich den Aufbruch aus verödeten Begriffswüsten, die Neufassung und -bestimmung von Zentralbegriffen wie beispielsweise Arbeit, Politik, Gesellschaft, auch Kultur und nicht zuletzt das Menschenbild an sich. Es spiegelt einen gesellschaftlichen Diskussionsprozess wider.

Der rein profit-orientierten Weltordnung ist letztlich nur mit Bewusstseinsbildung beizukommen. Um den zahlreichen Themen begegnen zu können und den Angriffen von Welthandelsorganisation (WTO), Weltbank, Internationalem Währungsfond (IWF) & Co Einhalt zu gebieten, braucht es ebenso die Vielfalt an Erfahrungswerten, Herangehensweisen, Analysen und Handlungsoptionen. Selbstermächtigung ist angesagt. Sich selbst einzubringen, voneinander zu lernen und den Großmut zu haben, auch andere Ansätze als den eigenen gelten zu lassen.

Vielfalt ist nicht nur Stärke sondern auch Reichweite. Da soziale Anliegen und kritische, investigative Berichterstattung von öffentlichen Medien vernachlässigt werden, sind es die einzelnen, unterschiedlichen Kommunikationskanäle – wie Mitgliederzeitschriften, Newsletter, Freie Radios -, um Menschen zu erreichen, sie zu sensibilisieren.

Die Beteiligung von „Bürgerinnen und Bürgern“ in wirtschaftliche und gesellschaftliche Entscheidungsprozesse ist nur möglich, wenn wir nicht bloss einseitig oder gar falsch informiert werden. Diesem Anspruch folgte auch “Die Normale”, das Festival des politischen Films (www.normale.at) und zeigte, was wir für gewöhnlich nicht auf unseren Fernsehschirmen und Kinoleinwänden zu sehen bekommen.

Mit den Sozialforen hat sich ein gigantischer Lernprozess in Gang gesetzt und es ist völlig unabsehbar, was dabei herauskommt. Das ist je nach persönlicher Verfasstheit beunruhigend bis nervenzerfetzend spannend.

Links und kommende Termine:

20.09.2003    nächstes, überregionales Vorbereitungstreffen des Austrian Social Forum (ASF) in Klagenfurt (Details siehe http://www.socialforum.at/sf/termine)

12.-16.11.2003     2. European Social Forum (ESF/FSE) in Paris / Saint-Denis, www.fse-esf.org
Zum Programm der Konferenzen:
http://www.fse-esf.org/rubrique.php3?id_rubrique=181
Zu den vorgeschlagenen Seminaren:
http://www.fse-esf.org/inscription/tout-seminaire.php
Die deadline für Seminar-Vorschläge und Modifikationen ist der 12. September 2003 und setzt die Registrierung unter
http://www.fse-esf.org/rubrique.php3?id_rubrique=33 voraus.
Zur Anmeldung von Kulturbeiträgen:
http://culture.fse-esf.org

16.-21.01.2004    4. World Social Forum (WSF/FSM), Indien – Mumbai, www.wsfindia.org

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s