2001 Zivilgesellschaft – ein paar Phantasien zur Anreicherung eines Begriffes

Quelle: Messeguide zur Visionale 2001, S. 112

* * *

Von einigen fast durchwegs überschwänglich positiv besetzt, für andere zumindest verdächtig, weil die assoziative Verwandtschaft zur Bürgergesellschaft christlichsozialen Zuschnitts kritische Blähungen stimuliert, von wieder anderen als Brutstätte linken Chaotentums argwöhnisch beäugt, für die meisten aber eher bedeutungsleer, versuchen die, die mit dem Begriff „Zivilgesellschaft“ operieren, doch immer wieder ein bestimmtes Phänomen zu bezeichnen. Ein Phänomen, das vorhanden ist und dementsprechend immer wieder zu seiner Benennung reizt. Ein Phänomen, das zudem in den letzten Jahren verstärkt auftritt und damit die modebewussteren unter den Begriffsjongleuren schon wieder von einer inflationären Verwendung des Begriffs sprechen lässt. Sieht mensch vorerst von der Benennung ab, bleibt immer noch eben dieses Phänomen zu beschreiben bzw. zu deuten.

Was ist es eigentlich, das da in Erscheinung tritt? Viele, mitunter sehr verschiedene Menschen tauchen in meiner Erinnerung auf. Gemeinsam ist ihnen, dass sie – ganz nach Fähigkeit und Vermögen – aus einem inneren Antrieb heraus aktiv werden, Initiative ergreifen, sich einmischen, Anteil nehmen. Sie zeigen Probleme an und auf, sind entlang ihrer Biographie in Zonen geraten – haben von gesellschaftlichen Konstellationen Kenntnis bekommen – die sie zum Handeln entscheiden ließen. Mit dieser Entscheidung haben sie ihrer Biographie meistens eine nachhaltig wirksame Wende verpasst, zumindest aber ihre Standardlebensläufe um einen wesentlichen – weil für die meisten ungemein sinnstiftenden – Handlungsstrang angereichert. Aus diesen Beobachtungen lassen sich einige Bedeutungskomponenten für den Zivilgesellschafts-Begriff ableiten (und ich möchte doch ganz gerne bei dieser Bezeichnung bleiben).

Da ist einmal das Moment der Initiative. Es geht bei den meisten, wenn nicht bei allen Aktivitäten, die die Bezeichnung Zivilgesellschaft assoziieren lassen, auch um einen Neubeginn, einen Neuanfang, um ein Endlich-tabula-rasa-machen, um eine Befreiung aus einer unlebenswerten oder schon lange nicht mehr lebenswerten Systemumgebung. Wahrlich hatte ich oft den Eindruck, dass sich die auf’s reine Systeminsaßentum Reduzierten endlich zum großen Aufbruch und Auszug anschickten oder zumindest eine gewisse diffuse Ahnung/Sehnsucht davon mitschwang. Zivilgesellschaft als Initiativgesellschaft…

Dann ist da das Moment der Aktivität. Oder sicher besser: der politischen Aktivität. Die hier Gemeinten artikulieren durchwegs direkt oder indirekt, in Worten und/oder Taten Forderungen an „die Gesellschaft“. Sie stellen gültiges, geschriebenes oder ungeschriebenes Recht zumindest in Frage, machen deutlich, dass sie die bisher geltenden Zustände nicht akzeptieren wollen respektive können, verlangen die Neuverhandlung. Handelnd und sprechend nehmen sie Einfluss auf „die Geschichte“, auf den „ewigen Diskurs“ um die geltende Rechtsordnung. Zivilgesellschaft als Aktivgesellschaft…

Schließlich das Moment der Partizipation. Vielleicht ist es das, was die Zivilgesellschaft vielen so sympathisch macht. Da sind offenbar Leute unterwegs, die Anteil nehmen, die sich interessieren, denen nicht alles „wurscht und blunzn“ ist. Aus irgendeinem tieferen Grund exponieren sie sich, nehmen Unbill in Kauf, leisten sogar Widerstand gegen „die Mächtigen“, widersprechen der herrschenden Doktrin. Seltsam – ein Leben in dezent-luxuriösem, wellnessdurchflossenem Wohlstand scheint nicht ihr Ziel zu sein. Sie tun, als ob es doch noch etwas anderes gäbe. Das macht Hoffnung. Per Anteilnahme, dem Auseinandersetzen mit den Mitmenschen, bekommen eben jene eine ganz andere Bedeutung, bzw. bekommen überhaupt erst eine – ganz im Gegensatz zu den paradiesisch konfliktfreien, weil menschenlosen Produktwerbeszenarien, die bestenfalls von leicht verdaulichen Menschenhäppchen bevölkert werden. Wie auch immer: Zivilgesellschaft als Partizipativgesellschaft…

Auffällig ist schließlich, dass zivilgesellschaftliches Engagement vorwiegend in gesellschaftlichen „Problemzonen“ auftritt. Also dort, wo sich staatliche Institutionen zurückgezogen haben bzw. wo sie sich noch nicht bemerkbar machen oder hinwagen bzw. wo sie vielleicht nie hinreichen können. Zivilgesellschaft hat so auch etwas Pionierhaftes. Sie legt die ersten Trampelpfade zu jenen, die bisher keinen Zugang zum Genuss grundlegender Rechte hatten – lange bevor sich die staatliche Infrastrukturmaschinerie in Gang setzen kann. Sie gibt damit meist auch die Trassenführung für die früher oder später befestigten und gesicherten Wege vor. Schließlich besteht auch die Möglichkeit, dass sie auf ihrer Pfadsuche in Gebiete gelangt, wo für die gesamtgesellschaftliche Entwicklung durchaus brauchbare und wertvolle Früchte wachsen und wer weiß, vielleicht entdeckt sie dabei sogar einmal eine Gegend, in der es sich irgendwie sinnvoller Leben lässt als in dieser kahlgeschlagenen und ausgezuzelten Begriffswüste mit ihren vergifteten Brunnen und anaerob gewalzten Gedankenhighways. Oh ja: Zivilgesellschaft als Pioniergesellschaft…

Damit kommt noch ein Moment ins Spiel: die Kreativität. Die „Problemzonen“ sind ja meistens deshalb solche, weil noch niemand bzw. zu wenige Menschen genügend gangbare Lösungen für die Probleme sehen. Da gibt es viel zu erfinden – seien es neue Wege oder verständlichere Deutungen, eindringlichere Darstellungen oder neue Zugänge zu bisher unbenutzbaren Ressourcen. Ständig muss probiert, vorgetastet, „einfach so“ einmal getan werden, Entwürfe generiert, ausgetestet und verworfen oder verbessert und inszeniert werden. Es kann deshalb kein Wunder sein, wenn KünstlerInnen und „Nicht-KünstlerInnen“ hier zu einem Naheverhältnis finden. Zivilgesellschaft als Kreativgesellschaft…

Da die Zivilgesellschaft wie kaum eine andere gesellschaftliche Struktur mit selten knappen Mitteln operieren muss, lernt sie bald, das auch zu können und schau an: Menschen lernen zu kooperieren. Sehr zäh und vielen elend zu langsam, aber nach Jahrhunderten der  Domestikationsdressur und mittlerweile nahezu perfekt eintrainiertem, konsumeffektiven Freizeitmanagement in „heiliger“ Privatsphären-Isolationshaft geht es doch erstaunlich schnell. Es passiert mir zumindest immer häufiger, dass ich Menschen begegne, die sich trauen ihre eigenen Flügerln zu benutzen und die sich wehren, wenn wer versucht, sie ihnen zu stutzen. Das geht natürlich umso leichter, wenn mensch weiß, dass mensch nicht völlig alleine die Schuttgebirge der Geschichte abtragen muss. Also: Zivilgesellschaft als Kooperativgesellschaft…

Der „Zwang“ zur Kooperation bedingt natürlich, dass Haltungen und Werkzeuge entwickelt werden, die diese auch gelingen lassen. Kooperation ist „schwierig“, deucht hochgradig konfliktträchtig. Konflikte sind sowieso meist tabu und gehören mit Stumpf und Stiel – sprich mitsamt seinem Erreger ausgerottet, nicht wahr? Gut, das hatten wir schon. So bewältigt mensch nur die Konflikterreger, nie aber den Konflikt selbst. Dieser kommt wieder. Ich würde sogar meinen, es gibt keine gewaltanwendende Konfliktlösung – Konfliktlösung kann immer nur gewaltfrei passieren, sie findet im eigenen Kopf und damit freiwillig statt oder gar nicht. Analog zu einem bekannten Ausspruch könnte mensch auch sagen: Reden ist Konfliktlösen im Kopf. Um es kurz zu machen: Wenn die Zivilgesellschaft ihre Konflikte gewaltfrei austragen will, stellt sie sich diametral der „Militärgesellschaft“ gegenüber, die sich die Option der Gewaltanwendung zur Konfliktbeseitigung offen hält. Militär – Krieg; Zivil – Frieden? Zivilgesellschaft als Friedensgesellschaft…

Zivilgesellschaft als Friedengesellschaft würde auch im gesellschaftlichen Bereich jene Entwicklung nachvollziehen, die im völkerrechtlichen Bereich (zumindest der Theorie nach) schon einige Jahrhunderte „Vorsprung“ hat. Dort war mensch durch die Versuche kriegerische Handlungen zu reglementieren über ein Kriegsrecht vorerst zu einem passiven Friedensrecht und in historisch jüngster Zeit zu einem aktiven Friedensrecht vorgedrungen. Und zwar mit der Erkenntnis, dass Friede nicht nur die Abwesenheit von Krieg bedeutet, sondern dass zu seiner Erhaltung Maßnahmen zur Vertrauensbildung und gegenseitigen Hilfestellung gesetzt werden müssen. Die innerstaatliche Rechtsordnung wird von vielen heute noch als „Kriegsrecht“ wahrgenommen: es soll den Konfliktfall möglichst fernhalten und wenn dieser doch eintritt, soll ausreichend Gewalt bereitstehen, ihn zu sanktionieren.

Zivilgesellschaft als Kooperativgesellschaft wird nur durch die Bereitschaft zur Kooperation zusammengehalten. Die Menschen engagieren sich hier freiwillig oder eben gar nicht. Sanktionen hätten nur die Wirkung, dass sich die Netzwerke auflösen, weswegen auch keine zivilgesellschaftliche Institution mit Gewalt ausgestattet werden muss, um etwaige Sanktionen durchzusetzen. Zivilgesellschaft lebt von Kooperation, vom aktiven Frieden, es ist deswegen ihr ureigenstes Interesse Vertrauen zu bilden und wo immer möglich und sinnstiftend Hilfestellung zu leisten. Wenn ihr das glaubhaft gelingt, könnte sie in der Praxis zeigen, dass sich auch eine innerstaatliche Rechtsordnung am aktiven Friedensbegriff orientieren kann und zugleich, dass Recht in Form von Vereinbarungen nicht nur einengend wirken muss, sondern im Gegenteil erst Möglichkeiten eröffnet.

Hier kommt wieder die Zivilgesellschaft als Kreativgesellschaft ins Spiel. Ein Rechtssystem, dass sich am aktiven Friedensbegriff orientiert, eröffnet einen ganzen Kontinent an bisher unzugänglichen, weil im Kriegsrechtsystem undenkbaren Möglichkeiten. Kreativität ist gefragt, um diese Fülle überhaupt erst zu erkennen, sie darzustellen und zu artikulieren, sie aufzuzeigen und in den breiten gesellschaftlichen Diskurs einzubringen. Ich bin mir sicher, dass etliche Kunstschaffende dieses Potenzial bereits wittern, könnte es doch mindestens eine ähnliche Bedeutung für die Kunstgeschichte haben, wie die Erfindung der Perspektive oder der wohltemperierten Stimmung.

Zivilgesellschaft als Pioniergesellschaft versucht dann diese Neuentdeckungen wohnbar bzw. lebbar zu machen. Sie bildet dort, wo sie in Erscheinung tritt, tendenziell Oasen, wo aktives Friedensrecht gilt, und kommt damit natürlich unweigerlich mit dem Kriegsrechtsystem in Konflikt. Die Gefahr ist groß, dass aus den an sich offenen Oasen, hermetisch verriegelte Enklaven werden, weil Konflikte die von der einen Seite gewaltfrei, von der anderen aber auch unter Anwendung von Gewalt behoben werden wollen, wohl zu den allerschwierigsten zu zählen sind. Die große Chance besteht aber darin, dass nach aktivem Friedensrecht Konflikte schon bearbeitet werden, lange bevor sie vom Kriegsrecht als solche erkannt werden.

Zivilgesellschaft als Partizipativgesellschaft gedacht und gelebt, wirkt genau dieser Tendenz zur Sektenbildung entgegen. Sie lässt partizipieren und partizipiert dort, wo sie muss, auch wenn die Möglichkeiten der Einflussnahme marginal sind. Sie eröffnet nach dem oben Gesagten Räume, wo Anteilnahme möglich ist, und bringt sich mit ihren Anliegen in den gesamtgesellschaftlichen Diskurs vertrauensbildend und unterstützend ein, wenn sie ihrem aktiven Friedensbegriff gerecht werden will. Im übrigen gilt wohl für Partizipation ähnliches wie für Kooperation, sie gelingt hier nur aus freien Stücken (spontan) und eigenem, inneren Antrieb oder eben nicht.

Zivilgesellschaft als Aktivgesellschaft wird demnach von Menschen getragen, die sich ihrer Unaustauschbarkeit, ihrer Einmaligkeit durchaus bewusst sind. Sie werden aktiv, weil für sie Verantwortung nicht vollständig delegierbar ist. Sie erkennen Handlungsbedarf und nehmen diesen wahr, haben das Warten, dass es irgendwer schon richten wird, lange aufgegeben und verlangen von niemandem, dass sie oder er Probleme löst, die diese/r nicht lösen kann, weil in einer Gesellschaft, die menschenrechtlichen und demokratischen Ansprüchen genügen will, Probleme nur von den Betroffenen selbst grundlegend gelöst werden können.

Zivilgesellschaft als Initiativgesellschaft setzt nicht nur aus diesem Moment heraus immer wieder erste Schritte. Sie entscheidet sich fast täglich zum Neubeginn, auch wenn es oft „nur“ die Entscheidung zum Weitermachen ist, sich weiter der Herausforderung zu stellen, in unwegsamem Gelände voranzukommen und materielle Einschränkungen in Kauf zu nehmen, die manchmal auch mit einer Schwächung des gesellschaftlichen Ansehens Hand in Hand gehen. Andererseits erfüllt das Bewusstsein, dass Widersprüche nicht einfach ignoriert wurden, dass Leid auch als solches erkannt, kommuniziert und damit in den Bereich des Überwindbaren gerückt wurde, und das Wissen, dass nichts unversucht gelassen blieb, mit einer tiefen Genugtuung, die den Neuanfang zusätzlich motiviert.

Ich habe hier versucht, einige Aspekte, die meines Erachtens Zivilgesellschaft ausmachen, zu skizzieren; natürlich in vollem Bewusstsein, dass sie in dieser „Reinform“, wo alle Bedeutungsebenen voll zum Tragen kommen, vermutlich nie auftritt. Tatsächlich wird ein Unterschied zwischen Zivilgesellschaft und – ja, was wäre die „Nicht-Zivilgesellschaft“? – wohl niemals scharf zu ziehen sein. Initiative, Aktivität, Partizipation, Pionierhaftigkeit, Kreativität, Kooperation und aktiver Friede sind in verschieden starken Ausprägungen feststellbar und das ist wohl ein weiterer Grund, warum Zivilgesellschaft nicht ausgrenzend gedacht werden kann. Ich meine aber doch, dass diese Art der Betrachtung das enorme Entwicklungspotenzial erkennbar macht und verdeutlicht, welch erstaunlicher Prozess hier in Gang ist.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu 2001 Zivilgesellschaft – ein paar Phantasien zur Anreicherung eines Begriffes

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s