Basisdemokratie!

Weil in meinem Umfeld jüngst das Thema Basisdemokratie wieder einmal hochgekocht ist, möchte ich hier kurz zusammenstellen, was ich zu dem Thema in den letzten 40 Jahre gelernt habe.

Learning #1 – jede*r versteht unter Demokratie etwas anderes. Dementsprechend schillert auch der Begriff Basisdemokratie im Alltagsgebrauch.

Learning #2 – Missverständnisse sind auch deswegen die Regel. Verständnis erfordert einen gewissen Einsatz mentaler Energie von allen Beteiligten.

Learning #3 – Basisdemokratische Strukturen wollen Beschlüsse herbeiführen, die von allen mitgetragen, zumindest aber nicht gestört werden.

Learning #4 – Vereinbarungen werden unter Personen getroffen. Es braucht zumindest zwei davon und sie müssen voneinander wissen und wissen, dass sie eine gleichlautende Vereinbarung getroffen haben.

Learning #5 – Von basisdemokratischen Strukturen wird erwartet, dass sich alle ganzheitlich einbringen können und so akzeptiert werden, wie sie sind.

Learning #6 – Aus der Einzigartigkeit der teilnehmenden Menschen und der dazugehörigen Respektierung der Würde jeder Seele ergeben sich bestimmte Vorgangsweisen, die basisdemokratische Strukturen anstreben.

Learning #7 – Jede Stimmt zählt, hat Gewicht und würde fehlen, wenn sie nicht an einem Beschluss mitwirkte.

Learning #8 – Die Größe des Demos (Anzahl der Mitglieder) und die einzelnen Teilnehmenden sind im Idealfall allen Teilnehmenden bekannt.

Learning #9 – Die einzelnen Stationen des Entscheidungsprozesses laufen in allen basisdemokratischen Strukturen ähnlich ab:

1. Jemand bringt einen Vorschlag ein.
2. Der Vorschlag wird in der Gruppe diskutiert.
3. Der Vorschlag wird gemäß Diskussion überarbeitet.
4. gehe mit dem überarbeiteten Vorschlag sooft zu Punkt 2 bis alle Beteiligten dem Vorschlag zustimmen können.
5. Mehr oder weniger feierliche Beschlussfassung.
6. Umsetzung.

Learning #10 – Für die Umsetzung des Beschlusses wird ein*e Maintainer*in gewählt.

Learning #11 – Es liegt in der Verantwortung der Maintainer*innen, wie der Beschluss umgesetzt wird.

Learning #12 – Ideale basisdemokratisch gekürte Maintainer*innen, nehmen mit der Verantwortung das Projekt ganzheitlich in die Hand, bringen es zeitnah und vollständig zum Abschluss und berichten der Basisgruppe nach Bedarf – wenn sie ungestört arbeiten können.

Learning #13 – Beschlüsse und Berichte sollten in Schriftform vorliegen, damit sie archiviert werden können. Nur die wenigsten merken sich irgendwann einmal gefasste, aber immer noch gültige Beschlüsse. Außerdem müssen sich neu zur Basisgruppe Hinzustoßende so gründlich informieren können, dass sie ggf. einem bereits getroffenen Beschluss beitreten können.

Learning #14 – Die Gruppe sollte jemanden erwählen, die oder der evaluiert und berichtet, was mit den Beschlüssen passiert ist.

Learning #15 – Basisdemokratische Strukturen können nur Beschlüsse über Themen fassen, die sie selbst betreffen. Wenn der Beschluss Menschen darüber hinaus betrifft, muss ein*e Maintainer*in beauftragt werden, um mit den Betroffenen das Einvernehmen herzustellen.

Learning #16 – Basisdemokratische Strukturen streben einstimmig gefasste Beschlüsse an.

Learning #17 – Basisdemokratische Strukturen können niemanden, die oder der nichts davon weiß bzw. gegen ihren oder seinen Willen, womit auch immer beauftragen.

Learning #18 – über etwaiges Vermögen basisdemokratischer Strukturen muss exakt Buch geführt werden. Dieses sollte regelmäßig zur Entlastung der Verantwortlichen der gesamten Gruppe vorgelegt werden.

Learning #19 – vermögensverändernde Aktionen müssen von der Basisgruppe beschlossen werden.

Learning #20 – Beschlüsse werden idealerweise unter persönlicher Anwesenheit aller Mitglieder getroffen. Nur falls das nicht möglich ist, können auch Videokonferenzen, virtuelle Abstimmungstools und Umlaufbeschlüsse per EMail oder Telefon organisiert werden – vorausgesetzt alle Teilnehmenden sind sich einig, welcher Kanal genutzt wird.

Learning #21 – alle Mitglieder einer Basisgruppe müssen über anstehende Beschlüsse zeitgerecht informiert werden und die Möglichkeit haben, vor Beschlussfassung eine Stellungnahme abzugeben.

Learning #22 – es ist schön und wunderbar, eigentlich atemberaubend fantastisch, wenn eine basisdemokratische Struktur ein Projekt vom ersten Keimling bis zum ausgewachsenen Baum zur Welt bringt 🙂

Learning #23 – basisdemokratische Arbeit ist persönlichkeitsbildend.

Learning #24 – es ist besser jemanden ausreden zu lassen, als ihr oder ihm ständig ins Wort zu fallen.

Learning #25 – Basisdemokrat*innen gehen sozial nachhaltig miteinander um. Sie hören zu und versuchen zu verstehen. Sie fragen deswegen auch oft nach, weil sie wissen, dass Missverständnisse die Regel sind.

Learning #26 – Basisdemokratie ist ein Grüner Grundwert.

Learning #27 – Ideale Basisdemokrat*innen wissen, was wann zu tun ist.

Learning #28 – Die Statuten der österreichischen Grünen sind sehr elaboriert.

Learning #29 – Auch in das Grundsatzprogramm der österreichischen Grünen aus 2001 sind eine große Vielzahl an basisdemokratischen Erfahrungen eingeflossen. Es beleuchtet in einem größeren Zusammenhang, warum Basisdemokratie Sinn macht.

Das einschlägige Zitat daraus:

d) basisdemokratisch

Basisdemokratie ist ein grundsätzliches Beteiligungsrecht der Menschen.

Demokratische Systeme sind nicht nur an ihren repräsentativen, sondern auch an den Möglichkeiten realer Teilhabe an den Entscheidungsprozessen des Gemeinwesens zu messen. Das bedeutet nicht, dass immer alle Entscheidungen von allen getroffen werden. Wesentlich ist, dass die Beteiligung von BürgerInnen an Entscheidungsprozessen auf möglichst vielen Ebenen gewährleistet wird.

Die institutionalisierten und konstitutionell geregelten Formen demokratischer Politik sind grundlegender Bestandteil der Demokratie. Demokratie kann aber nicht nur auf geregelte Verfahren, wie etwa Mehrheitsentscheidungen, reduziert werden.

Machtverhältnisse etwa müssen in einem fortwährenden Prozess immer wieder neu einer demokratischen Prüfung unterzogen werden. Zentrale gesellschaftliche Fragen können nicht allein mit Mehrheitsentscheidungen erledigt werden. Über derartige Fragen müssen gesellschaftliche Diskurse geführt und etwa alle realisierbaren Alternativen in einer für alle zugänglichen Öffentlichkeit dargestellt werden.

Notwendig ist die Herstellung eines gesellschaftlichen Grundkonsenses über demokratische Verfahren, damit z.B. in einer Abstimmung Unterliegende Mehrheitsbeschlüsse annehmen können.

Es geht also darum, einen Raum für Auseinandersetzungen und politische Entscheidungsprozesse zwischen den Parteien und zivilgesellschaftlichen AkteurInnen zu schaffen.

Dazu ist eine Verknüpfung der repräsentativen Demokratie mit gesellschaftlicher Mitbestimmung anzustreben und eine permanente Kommunikation zwischen MandatarInnen und der Bevölkerung. In dieser Zusammenarbeit entfaltet sich die Qualität des Demokratischen.

Dieses Demokratieverständnis findet aber nicht nur im gemeinsamen Entscheidungsprozess für die Grüne Politik ihren Ausdruck, sondern auch in der Parteistruktur. In diesem Sinne sehen sich die RepräsentantInnen der Grünen in allgemeinen Vertretungskörpern und Gremien für die Umsetzungen dieser Entscheidungen gegenüber der Partei und den zivilgesellschaftlichen AkteurInnen auch verantwortlich.

Learning #30 – Basisdemokratische Strukturen sind fraktal aufgebaut.

Learning #31 – Basisdemokratische Strukturen bilden gemeinsam einen Organismus. Sie sind die Feinstruktur der Demokratie.

Learning #32 – Demokratie lebt vom Dialog.

Learning #33 – Was alle angeht, können nur alle am Besten lösen.

Learning #34 – Politik ist immer auch ein Stück Pionierarbeit. Politisch Engagierte stehen mit einem Bein immer im Unbekannten.

Learning #35 – Demokratie ist eine Kulturleistung. Sie bedarf der ständigen Pflege.

Learning #36 – Nachhaltigkeit muss nach dem drei Säulen-Modell von 1992 ganzheitlich angestrebt werden.

Learning #37 – Die drei Säulen der Nachhaltigkeit sind: Ökologie, Ökonomie und Soziales.

Learning #38 – Soziale Nachhaltigkeit bedeutet, so miteinander umzugehen, dass die Menschen auch danach noch miteinander zu tun haben wollen.

Learning #39 – Wie wir miteinander umgehen, hängt vom Menschenbild ab.

Learning #40 – Wirklichkeit ist gestaltbar.

Gut. 40 Jahre, 40 Learnings. Ich lass es einmal dabei bewenden. Wahrscheinlich könnte ich für jedes Monat der letzten 40 Jahre ein Learning aufzählen 🙂

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Corona – die Krone der Krisen

Perspektiven nach einer Woche Quarantäne

In den letzten Tagen sind so viele Türen aufgegangen, haben sich so viele Möglichkeiten aufgetan, so viele Netzwerke eröffnet (c Lydia Mayer-Deisting), dass ich schlicht um Worte ringe. Das kam jetzt alles sehr plötzlich!

Die Schlagzeilen prasseln in einer atemberaubenden Dichte auf das staunende Individuum ein. Dabei ist jede einzelne in „normalen“ Zeiten schon eine Sensation für sich und würde ausgiebigst besprochen werden: Ölpreis unter $25! Autokonzerne stellen ihre Produktion ein! Flughäfen stellen ihren Betrieb ein! Glasklares Wasser in Venedig! Die Luftverschmutzung in der Po-Ebene nimmt ab! – Es wirkt wie das große Finale im schon völlig überhitzten Medienrauschen.

Alles schickt sich an anders zu werden.

Die Gesellschaft fährt global auf Notbetrieb herunter. Oder in anderen Worten: Die gesamte Menschheitsfamilie besinnt sich auf das Notwendigste. Nach 75 Jahren praktisch ungebremsten Wachstums ist dieses Innehalten und das „den großen Familienrat einberufen“ schon höchst an der Zeit. So eine Besinnungsphase wäre wahrscheinlich alle 5 bis 10 Jahre angezeigt.

Aber jetzt ist es das erste Mal global und praktisch synchron. In so einer Situation waren wir noch nicht. Jetzt ist echte Pionierarbeit angesagt. Wir müssen uns global verständigen, müssen Strukturen für eine globale Kooperation aufbauen und das ganze noch dazu sozial nachhaltig, sprich empathisch betreiben. Sonst wären wir gescheitert.

Ja, das heißt: es muss Friede sein. Wenn wir diese Chance nützen wollen, dann ist jetzt die einzigartige Gelegenheit, Konflikte gewaltfrei beizulegen. Dadurch werden gewaltige Ressourcen frei, die woanders sinnstiftender eingesetzt werden können. Z.B. massiv in den Aufbau von Vertrauen. Davon werden wir sehr viel brauchen, wie sich noch herausstellen wird.

Was ist das Notwendige?

Diese Generalfrage durchzieht derzeit alle Diskussionen. Es ist eine ausgesprochen wichtige Frage. Sie hilft Prioritäten zu setzen und die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Glücklicherweise lassen sich die Notwendigkeiten aus den Lebensfunktionen leicht ableiten: notwendig ist saubere Luft zum Atmen, notwendig ist Wasser zum Trinken, notwendig sind Nahrungsmittel zum Essen. Notwendig sind immer auch andere Menschen! Und Gesundheit! Sachen zum Anziehen und ein Dach über dem Kopf sind nicht sofort unbedingt notwendig, aber über kurz oder lang recht praktisch, weil lebensfördernd. Ähnliches gilt auch für die Energieversorgung.

Luft. Die können wir glücklicherweise durch einfaches Nichtstun rein halten.

Wasser. Hier gibt es schon um einiges mehr zu tun. Ziel ist, dass alle Menschen Zugang zu sauberen Trinkwasser haben. Das ist eine Frage der Recherche, dann der Projektierungen und schließlich der Umsetzung. Wie das geht, wissen wir längst. Wir brauchen es nur noch tun.

Nahrung. Das ist schon ein wesentlich komplexeres Thema. Die Komplexität rührt von der Vielfalt der Nahrungsmittelquellen her. Diese Vielfalt verdankt sich den unterschiedlichsten Bedingungen jeweils vor Ort, die wiederum auf die Qualität der Böden unterschiedlich einwirken. Der Bodenqualität muss deshalb unsere größte Aufmerksamkeit gelten! Wo immer wir auch leben! Auch hier gibt es schon jede Menge Expertise, also Menschen, die wissen, was wo getan werden muss. Stichwort: es eröffnen sich Netzwerke.

Die Anderen. Entgegen anders verlautbarter Behauptungen sind Menschen von Grund auf kooperativ angelegt. Sprich: wir können das vom Prinzip her von ganz klein auf. Die Verherrlichung des Einzelkämpfertums hat ein wenig den Blick darauf verstellt, dass wir Menschen nicht ohneeinander sein können. Dabei gilt das völlige Gegenteil: Wir können nur miteinander! Sonst geht gar nichts! An die Grundbedürfnisse, die unser Überleben definieren, ist deswegen das soziale Grundbedürfnis nahtlos anzureihen.

Gesundheit. Der zentrale lebensbegleitende Bereich, wo wir auf empathische Kooperation angewiesen sind.

Gelingt es diese Grundbedürfnisse zu stillen, ist der Fortbestand der Menschheit einmal einigermaßen gesichert. Aber je besser es uns gelingt, uns in der Stillung der Grundbedürfnisse zu koordinieren, umso mehr Zeit bleibt, den Fortbestand noch besser abzusichern. Die frei gewordene Zeit kann genutzt werden, um die sekundären Grundbedürfnisse, also Kleidung, Wohnung und Mobilität zu decken.

Energie. Spätestens hier muss uns die Frage beschäftigen, welche Energieformen wir brauchen und welche Energiequellen wir verwenden wollen. Die letzten 200 Jahre haben wir fast vollständig auf fossile Energieträger gesetzt. Es ist uns gelungen, derart viel Energie nutzbar zu machen, dass sich die Entwicklung der Menschheit rasantest beschleunigte. Die Energiemenge, die wir bis vor kurzem aus fossilen Energieträgern gewannen, könnte in Kalorien umgerechnet etwa 100 Milliarden Menschen ernähren. Ja, das Gefühl der Überbevölkerung kommt nicht von ungefähr. Es sind aber nicht die Menschen, die zu viele sind! Es sind die Maschinen, die auch gefüttert werden wollen! Und Übergewicht ist nicht nur ein menschliches Problem. Auch viele Maschinen „leiden“ bereits darunter.

Sonne. Licht und Wärme ist ebenso ein überlebensnotwendiges Grundbedürfnis. Glücklicherweise liefert uns die Sonne in Überfülle davon, nämlich ein zig-Faches vom bis vor Kurzem aktuellen, globalen Energiebedarf. Und sie schickt auch keine Rechnung. Es wird sich ebenfalls noch herausstellen, was das bedeutet.

Zeit. Die wohl wichtigste Ressource überhaupt. Und vielleicht gelingt es hier endlich, den längst anstehenden Paradigmenwechsel durchzuziehen. „Zeit ist Vertrauen“ könnte das „Zeit ist Geld“ ablösen! Im Grunde ist Geld ja nur zertifiziertes Vertrauen. Eigentlich eine Krücke, damit jeder sicher sein kann, dass die eingebrachten Beiträge auch abgegolten werden. Wenn es selbstverständlich ist, dass alle bekommen, was sie brauchen, würde wiederum Zeit frei werden, die heute noch in Verrechnung und Buchhaltung und das ganze rundherum gesteckt werden muss. Vertrauen eröffnet darüber hinaus völlig neue Möglichkeiten, die mit Geld ohnehin nicht bezahlbar sind!

Und dann wird alles anders…

Statt mit Geld wird mit Dank bezahlt. Alle können nach eigenem Gusto Dank-Millionäre werden und hemmungslos Dank sammeln. Das hieße auch die Gier auf die richtigen Mühlen umleiten.

Statt Ablenkung wird Aufmerksamkeit Raum gewinnen. Menschen werden in der Begegnung wieder Subjekte. Und dann ist alles möglich. Wenn sich zum Vertrauen die Aufmerksamkeit gesellt, kann man vielleicht sogar schon von Liebe sprechen. Und was soll uns dann noch passieren?

Diesen Text möcht ich all den lieben Menschen widmen, die ich die letzten Tage kennen lernen durfte, und besonders jenen, wo sich die Kooperation schlagartig intensiviert hat. Danke, dass es Euch alle gibt!

Besprochen wird der Text unter anderem hier: https://www.facebook.com/christian.apl.106/posts/119611239645968

PS: Soundtrack einschalten! 🙂

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44 Tonnen!

Bei der Pariser Klimaschutzkonferenz COP21 wurde 2015 ein völkerrechtlich verbindlicher Vertrag beschlossen, wonach die Erderwärmung auf deutlich unter 2°C im Vergleich zum vorindustriellen Niveau begrenzt werden soll. Angestrebt wird, sie auf maximal 1,5°C zu beschränken.

Nun kann ausgerechnet werden, wieviel CO2 global höchstens noch in die Atmosphäre entlassen werden darf, wenn dieses Ziel eingehalten werden soll. Stand heute sind es etwa 342 Milliarden Tonnen:

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Dieses globale CO2-Budget ist bei einem Betrieb „weiter wie bisher“ also in etwas über 8 Jahren aufgebraucht.

Zum gleichen Zeitpunkt leben 7,75 Milliarden Menschen auf der Erde. Damit ergibt sich für jeden Menschen ein individuelles CO2-Budget von etwa 44 Tonnen.

Da die Länder unterschiedlich viel CO2 pro Kopf ausstoßen, hängt es vom jeweiligen Land ab, wie lange dieses individuelle CO2-Budget noch reicht. 2018 betrug der durchschnittliche CO2-Ausstoß pro Kopf in Österreich beispielsweise 8,16 Tonnen. Wenn also nichts unternommen wird, haben die Österreicherinnen und Österreicher ihre Reserve in nicht einmal 5,5 Jahren aufgebraucht.

Unberücksichtigt bleibt in dieser Rechnung freilich der historische CO2-Eintrag. Dadurch würde sich das CO2-Budget der Industrieländer nochmals deutlich reduzieren. Es ist aber auch so völlig klar, dass sofort auf allen Ebenen Maßnahmen eingeleitet werden müssen.

Die Aufgabe ist einfach formuliert: Alle Prozesse, durch die Erdöl, Erdgas und Kohle letztlich in CO2 umgewandelt werden, sind einzustellen.

Es gibt mittlerweile ein großes Angebot an CO2-Rechnern, mit deren Hilfe man ein Gefühl dafür bekommt, wo wieviel CO2 freigesetzt wird. Eine Flugreise von München nach New York und wieder zurück trägt beispielsweise etwa 3 Tonnen CO2 ein.

Ob unsere Bemühungen erfolgreich sind, kann gemessen werden. Dazu müsste an dieser Kurve, die die CO2-Konzentration in der Atmosphäre darstellt, eine deutliche Trendumkehr erkennbar sein:

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Der Kanäle-Wahnsinn

Ja, früher war alles einfacher, übersichtlich und alle wussten, wies geht. Es ging nämlich so: Name, Adresse und Telefonnummer hatten so gut wie alle. Für den Einzelnen ergab sich eine meist so überschaubar Liste, dass man sie leicht jedes Jahr händisch abschreiben konnte, falls das überhaupt nötig war, weil sich eh nichts geändert hat. Wenn mensch eine Gruppe von Menschen erreichen wollte, wurde die Liste hervorgeholt (heute würde man: verflixt, wo hab ich das gespeichert und „Datei öffnen“ zu diesem Vorgang sagen), und dann galt es nur noch sie fein säuberlich abzuarbeiten.

Man wusste automatisch, wen man persönlich ansprechen musste, wen man telefonisch wann am Besten erreichte und wem man zur Not einen Brief schicken musste. Ganz früher war es auch durchaus üblich, völlig unangekündigt in der Tür zu stehen, gnadenlos spontan und unvorbereitet zu irgendeiner Unternehmung einzuladen und gemeinsam zur nächsten Tür zu ziehen. Heute: völlig unvorstellbar, also zumindest physisch.

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Irgendwann kam dann bei den meisten noch eine Email-Adresse dazu. Sich einen weiteren Kommunikationskanal (außer persönlich, telefonisch oder brieflich) dazu zu denken fiel angesichts der Zeitersparnis der in den meisten Fällen geschickt eingesetzten Email-Kommunikation nicht schwer. Es ging auch ein paar Jahre erfreulich gut. In der Euphorie ging das Auftauchen eines weiteren Kommunikationskanals, der SMS nämlich, fast unter. Als wir das mit dem Email so locker flockig hinbekommen haben, schnupften wir das SMSen im Vorbeigehen.

Doch dann brachen mit Facebook (bei mir) die Social Media wie eine nicht enden wollende Lawine herein und die Anzahl verfügbarer Kommunikationskanäle explodierte regelrecht.

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Wenn ich heute mit einer bestimmten Gruppe etwas unternehmen möchte, muss ich mich zuerst einmal mit der Frage beschäftigen, welche Gruppe ich jetzt ansprechen möchte. Ja, mit der Vielfalt an Kanälen ist scheinbar auch die Vielfalt der Gruppen gewachsen. „Früher“ hat es vielleicht zwei, drei fixe Gruppen gegeben, die Familie, den Freundeskreis und die sonstigen Bekannten. Das war gut eingeübt. Heute muss ich erst die passenden Gruppen identifizieren und dann auch noch wissen, über welchen Kanal sie kommunizieren! Persönliches Gespräch? Telefon? Brief? Email? SMS? Blog? Facebook? Twitter? Whatsapp? Signal? Trello? Human Connection? Instagram? Telegram? Youtube? Vimeo? GoogleIrgendwas? Steam? TicTac? Hashtag? oder #verfluchtwiehießdieappdochgleich?

Verschärft wird das naturgemäß von den verschiedenen Geschwindigkeiten und Vorlieben: Die einen haben schon, die anderen noch nicht. Die einen sind schon einen Schritt weiter, die anderen wollen gar nicht. Und alles womöglich noch in einer Familien. Vom Freundes- und Bekanntenkreis ganz zu schweigen.

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Für einen wie mich, der auch leidenschaftlich und beruflich gerne auf Augenhöhe mit (vielen) Menschen zu tun hat, tut sich da ein Horrorszenario auf. Es ist mir jetzt zB schon öfter passiert, dass ich eine Nachricht in den völlig falschen Kanal geschickt habe, was immer wieder zu tiefgreifenderen Irritationen zu führen drohte. Und es ist auch gar nicht mehr leicht, alle zu informieren, die informiert gehörten. Früher: ein Email und alle wussten Bescheid. Heute: drei Mail, zwei SMS, drei Whatsapp-Gruppen, x Facebook-Guppen, eine Facebook-Veranstaltung aufsetzen, einen Blogeintrag womöglich mit Fotos, eine Karte auf Trello anlegen, ein Video ins Netz stellen und am besten noch einen Audiobeitrag hintennach, aja, die Presseaussendung und der Homepage-Artikel wären auch noch und dann gleich Postwurf und Plakate und die Damen und Herren anrufen, deren Namen man sich während eines Telefonats auf ein Post-it geschrieben hat, das da sicher vor einem irgendwo in den Papierhaufen am Schreibtisch herumwandert. Leute!

Ich mag die Demokratie ja, aber…

Das kann so nicht auf Dauer funktionieren! Ich bin von einem Schäferhund geprägt und miterzogen worden, der immer darauf geschaut hat, dass alle beieinander bleiben und niemand verloren geht. Wenn wir als Familie gemütlich spazieren waren, hat er ungefähr die sechsfache Distanz zurückgelegt, weil er uns ständig umkreiste. Nämlich auch, wenn sich die Gruppe in mehrere kleine mit noch dazu unterschiedlicher Geschwindigkeit auflöste. Da konnten die Kreise schon ziemlich sehr langgezogen sein, deren Länge übrigens auch an der heraushängenden Zunge abgelesen werden konnte. Die Sache wird nämlich immer anstrengender und zeitintensiver. Wollt ich nur mal zu Protokoll gegeben haben 🙂

Nein, auf die Schnelle weiß ich auch keine Lösung, aber wir sollten zumindest darüber nachdenken.

Ich such jetzt mal ein passendes Bild zu diesem Blogeintrag…

Voila:
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Grün oder nicht grün?

Das ist schön langsam eine wichtige Frage.

Unlängst flatterte über mein Facebook eine Meldung herein, die ich für ausgesprochen teilenswert halte:

Protestaktion beim Flugverkehrsgipfel

Besonders motiviert hat mich zusätzlich die ausgesprochen informative Lektüre dieser Broschüre:

Titelblatt Grünes Fliegen

So sehr, dass ich den Post schon teilte, bevor ich die Broschüre fertig gelesen habe, was ich mir normalerweise verbiete. Und prompt lese ich auch schon Sätze wie: „Die grünen Pläne sind wenig realistisch.“ Oder: „Die allermeisten grünen Strategien lassen einen Großteil der Klimaeffekte, die der Flugverkehr verursacht, außer Acht.“ Oder: „Grüne Strategien führen zu neuen Problemen und sind neo-kolonial“ und dann noch „So manche Umweltschützer*innen und Grüne Parteien befürworten die grünen Strategien mit dem Argument, sie seien „besser als gar nichts“.“

Hm, und was soll ich als Grüner dazu sagen?

Erst einmal ist interessant wie greenwashing und greenbashing ineinandergreifen, manchmal sogar Hand-in-Hand daherkommen. Man könnte auch den Eindruck gewinnen, das eine sei durch einen bloßen Tippfehler aus dem anderen entstanden, was einen reichlich perfiden Beigeschmack hätte. Das wäre auch eine ziemlich geniale Divide et impera-Strategie. Wie soll man auch als sich grün Fühlender eine Broschüre weiter empfehlen, mit der man sich irgendwie ins eigene Knie schießt? Die Problematik ist ohnehin schwierig genug, dass wirklich alle mit anpacken müssen und es ist nicht hilfreich, eigentlich Verbündete derart vor den Kopf zu stoßen.

Grünes Fliegen gibt es nach heutigem Kenntnisstand nicht. Punkt. Deswegen ist schon die Wortschöpfung hochgradig irreführend. Das ist genauso blödsinnig wie die tägliche Nacht oder das süße Salz.

Grün steht für mich für einen ganzheitlichen Ansatz, der auch seit Anbeginn der Grünbewegung deren Anspruch war und immer noch selbstverständlich ist. So selbstverständlich, dass viele Grünbewegte gar nicht oder zu leise widersprachen, wie das Wort „grün“ immer öfter in Zusammenhängen auftauchten, die mit grün absolut nichts am Hut haben. Das immer beliebter werdende „greenlabeling“ in allen Schattierungen ist einerseits auf die viele Bewusstseinsarbeit der Grünbewegten davor zurückzuführen. Andererseits hat der immer öfter vorkommende Missbrauch zurecht aber auch die Kritikerinnen und Kritiker auf den Plan gerufen, die engagiert Greenwashing-Aktionen aufdecken.

Ob unbewusst oder nicht hat sich die Kritik aber langsam vom Fokus „washing“ hin zum Fokus „green“ verlagert, was reichlich fatal ist, weil nun die eigenen Verbündeten ins Schussfeld gelangen. Gerade die ur-Grünbewegten haben ein intensives Interesse daran, dass ihr Name nicht für Zwecke missbraucht wird, die ihren Zielen krass widersprechen. Wenn ich auf der Suche nach Verbündeten wäre, wäre das mein Zielgruppe Nr. 1. Stattdessen wirft man diese über Jahrzehnte gesammelte Expertise einfach weg, wie es scheint…

Aber wir müssen eh alle weiterkämpfen, das vor uns liegende Problem ist ein Gebirge, wo genug Platz zum Arbeiten für alle ist. Wär halt fein, wenn wir zuerst die Menschen evakuieren, bevor ihnen versehentlich der Boden unter den Füßen weggegraben wird 🙂

 

 

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Das Interview

Eines Tages flatterte ein E-Mail von Hermann-Josef Düppenbecker herein, ob ich bereit für ein Interview wäre. Er „möchte die sympathische Marktgemeinde Perchtoldsdorf über regionale, nationale und internationale Medien und Publikation noch bekannter machen und stets in Erinnerung bringen.“ Er mache eine Interview-Serie mit Perchtoldsdorfer Persönlichkeiten. Interessant, das schau ich mir einmal an, dachte ich mir. Wir vereinbarten einen Termin, schließlich wurde es Freitag der 27. April, 10:00 Uhr bei Bibi Drexler. Es war ein herrlicher Frühlingstag und ich freute mich auf ein interessantes Gespräch.

Allerdings zeichnete sich schon bei der Anreise, natürlich per Rad ab, dass das Gespräch nicht ganz unter dem glücklichsten Stern stehen sollte. Hermann rief an und teilte bedauernd mit, dass er sich verspäten würde, weil der Bus irgendwo falsch abgebogen war oder so ähnlich. Überhaupt kein Problem, ich wollte ohnehin noch einiges in mein Notizbuch schreiben und einen Kaffee gibts bei Bibi auch, die Welt ist praktisch gerettet.

Schließlich hatte Hermann es geschafft und wir konnten loslegen. Dann wiederum waren die akustischen Verhältnisse nicht ganz optimal und die Kommunikation gestaltete sich etwas schwierig. Wir verblieben schließlich so, dass ich ihm das Interview nach der Vorlage von bereits absolvierten Interviews schicken soll, wie z.B. das mit Andrea Kö. Ich hätte aber völlig freie Hand, auf welche Fragen ich eingehen soll.

Jetzt steh ich vor dem seltsamen Problem, mir Fragen ausdenken zu müssen, auf die ich auch sinnige Antworten geben soll. Was interessiert die Menschen wirklich? Ich kann mir zB nicht vorstellen, ob es für irgend jemanden einen tieferen Informationswert hat, wenn ich bekannt gebe, was ich am liebsten esse. Das ändert sich bei mir eigentlich laufend, es gibt in der Kulinarik so viele Dinge zu entdecken! Ich geb zu, diese Einstellung hatte ich nicht immer. Ich war schon Jahrzehntelang mehr gewohnheitstiermäßig unterwegs, Hauptsache ordentlich satt. Aber seit ich mich mit Politik intensiver beschäftige, insbesondere, seit ich im Grünen Projekt mitarbeite, war ich gewissermaßen auch berufsmäßig motiviert, mich mit meinen Gewohnheiten auseinanderzusetzen und das eine oder andere zu hinterfragen und schießlich gegebenenfalls nach zu justieren. Das ist ein immer noch anhaltender Prozess, macht aber Spaß und tut im Endeffekt gut.

Ich hör jetzt den Hermann fragen: Und seit wann bist du schon im Grünen Projekt aktiv?

Antwort: Das ist Schritt für Schritt gegangen und es ist schwer zu sagen, wann der konkrete Zeitpunkt war, wo ich mich bewusst dafür entschieden habe. Da hat es ein paar Ereignisse gegeben, die mein politisches Bewusstsein nach und nach wach geküsst haben. Eine erste  Andeutung war wahrscheinlich die Ermordung John Lennons 1980. Das war überhaupt ein schreckliches Jahr. Da schreib ich in der Pension vielleicht noch ein Buch darüber. Ein weiteres schwerwiegendes Ereignis war dann Tschernobyl 1986. Wir waren da gerade voll mit der Familiengründung beschäftigt. Sohn Richard war gut zwei, Tochter Sigrid schon unterwegs. Der Moment, wo mir einschoss, dass da irgendwo irgendwelche Entscheidungen getroffen wurden, die jetzt unmittelbar in meines und das Leben meiner Familie eingreifen, und ich keine Möglichkeit hatte, darauf Einfluss zu nehmen, war gewiss prägend.

Dann noch das Lichtermeer 1992. Das war in seiner Dimension und dem Spirit, in dem es stattfand, sehr inspirierend und mutmachend. Als schließlich Haider mit seiner FPÖ 1994 das erste Mal mit über 20% in den Nationalrat einzog, war es politisch wohl endgültig um mich geschehen und ich begann die ersten Weichen in meiner Biografie bewusst zu stellen. Ich gründete 1995 mit lieben Freunden die Demokratie Initiative Perchtoldsdorf und begann in Wien Politik und Geschichte zu studieren, das war damals noch kombinationspflichtig. Alles ging gut, bis 2000 Schwarz-Blau I an die Regierung kam. Ab da wurde es dann ziemlich turbulent in meinem Lebenslauf, weil wir ein Jahr zuvor schon die Humanistische Plattform gegründet hatten und mitten in den Vorbereitungen für die 1. Visionale, die Messe der Initiativen und Organisationen der Zivilgesellschaft steckten. Ich war dann mit einer ganzen Reihe von Projekten und Events beschäftigt und würde das wohl heute noch machen, wenn wir nicht 2005 gleich mit 3 Mandaten erstmals in den Perchtoldsdorfer Gemeinderat eingezogen wären. Man könnte sagen, spätestens ab da war ich dem Grünen Projekt mit Haut und Haar verfallen.

Hermann: Und was habt ihr seitdem im Gemeinderat bewirkt?

Antwort: Da könnt ich jetzt eine lange lange Liste aufzählen, da gibts große und kleine Highlights. Ich freu mich zB jedes Mal, wenn ich in den Ort hinauffahre, über die kleine gepflastere Ecke beim Ökobilla, wo man jetzt nicht mehr mit dem Rad durch den Gatsch fahren oder ein seltsames Eck schlagen muss. Oder wenn ich die junge Hainbuche bei der Spitalskirche sehe, die prächtig gedeiht. Das sind freilich nur Kleinigkeiten, aber sie haben ihre Wirkung, wenn man ein bissl offen ist.

Unser Einzug in den Gemeinderat hat sicher auch eine Art positiven Kulturschock bewirkt. Das Einvernehmen mit unserem Bürgermeister, der damals gerade 2, 3 Jahr im Amt war, war von Anfang an ausgesprochen konstruktiv und ich glaub, er war sogar ein bisschen froh, dass er Unterstützung für bestimmte Vorhaben bekam. Ohne dieses Einvernehmen würde zB die Burg vielleicht anders ausschauen und die Gemeindefinanzen würden vielleicht noch schlechter dastehen. Da schätze ich seine Offenheit gegenüber neuen Ansätzen und Projekt doch sehr. Ein frühes Beispiel dafür ist das Sozialpolitische Leitbild, das Andrea Kö und ich initiiert und durchgetragen haben. Auch Andrea schätze ich sehr und wir können sehr gut miteinander arbeiten. Aktuell sind wir im parteiübergreifenden Fairtrade-Arbeitskreis engagiert.

Neu war 2005 auch, dass es im Gemeinderat erstmals einen Nachhaltigkeitsausschuss gab – ich hatte gar nicht damit gerechnet, dass ich gleich den gschäftsführenden Gemeinderat machen muss/kann – der dann 2010 den Schwerpunkt Mobilität dazubekam. Das war ein sehr logisches und klares Zeichen, dass es künftig nicht nur um den Verkehr geht, sondern um alle Bewegungen im Öffentlichen Raum. Im Mobilitätsleitbild 2012 wurde diese neue Herangehensweise dann in einem partizipativen Prozess ausformuliert. Gehen, Radfahren und der Öffentliche Verkehr sollen, wo es nur geht, gefördert werden. Vieles, was seither geschah, ist am eigens dazu eingerichteten Perchtoldsdorfer Mobilitätsblog nachzulesen. Hier versuche ich laufende Aktivitäten und Diskussionen aktuell zu dokumentieren. Was nicht immer ganz einfach ist. Da muss man sehr genau abwägen, wann was rauskann, um laufende Verhandlungen nicht vorschnell zu gefährden bzw. möglichst in die richtige Richtung zu lenken. Das hat auch ein bisschen was von einem Schachspiel. Aber mit würdigen „Gegnern“ wird da eine schöne Partie daraus. Sprich es kommt für Perchtoldsdorf insgesamt etwas Würdiges heraus. Wer gewinnt oder verliert ist da zweitrangig.

Vielleicht sollte ich an dieser Stelle dazu sagen, dass ich das Glück hatte, von etlichen LehrmeisterInnen die Perchtoldsdorfer Gemeinde- und Regionalpolitik in ihren Tiefen zu erfahren. Die Altbürgermeister Heiduschka und Ludwig zähl ich da genauso dazu, wie den ausgesprochen umtriebigen Hans Karl Uhl. Oder Franz Kamtner, Brigitte Stiedl, Rainer Mayerl und freilich auch Hofrat Plessl. Nie werde ich den Augenblick vergessen, als mir Ludwig seinen Finger auf die Brust klopfte und meinte: Du musst kämpfen! Wir haben uns daraufhin wortlos verstanden 🙂

Hermann: Und auf welches Projekt bis du besonders stolz?

Antwort: Eindeutig Tram on Demand! Das war und ist immer noch ziemlich anspruchsvoll. Wir sind da in einem ersten fulminanten Anlauf ebenso fulminant gescheitert, aber es wird sicherlich dazu beigetragen haben, dass die Gemeinde letztlich die Trasse der Kaltenleutgebner Bahn erwarb und dass der Verein Kaltenleutgebner Bahn wieder seine Nostalgierfahrten durchführen kann. Es gab letztlich einen einstimmigen Gemeinderatsbeschluss, um die Trasse mitsamt den Schienen als Verkehrsband zu erhalten.

Hermann: Tram on was?

Tram on Demand - Fotomontage

Antwort: Ja, das soll eine Straßenbahn werden, die auf die zeitgemäßen Mobilitätsansprüche optimal und mit der aktuell verfügbaren Technologie eingeht. Kleine Kabinen, akkugespeist elektrisch, leise und emissionsarm betrieben, dafür in höherer Freqeunz und rund um die Uhr verfügbar. Das hat immer noch Leuchtturmqualitäten, obwohl die Idee schon aus 2013 stammt. Aber die hat damals so eingeschlagen, dass sich in kürzester Zeit ein gut 40-köpfiges Projektteam zusammengefunden hat und mehrere Förderanträge ausgearbeitet wurden. Die Idee war nämlich die, über ein gefördertes Forschungsprojekt die nötigen Startinvestitionen aufzustellen bzw. anzudriggern. Und wir sind nach wie vor alle davon überzeugt, dass das ein Projekt wäre, das der österreichischen Klima- und Energiestratgie sehr gut zu Gesicht stünde.

Das hätte sich auch günstig gefügt. Die Trasse ist jetzt bis auf die Nostalgiefahrten ungenützt und stünde für Test- und Entwicklungsfahrten aller Art zur Verfügung. Aus dem Forschungsprojekt könnte nach und nach, mehr oder weniger fließend ein allseits angenommenes Öffentliches Verkehrsmittel werden, also eines, das diesen Namen auch verdient. Mit der Kaltenleutgebner Bahn als Basis kann man, wenn es gut funktioniert, auch darüber nachdenken, den alten 360er wieder auferstehen zu lassen. Mittlerweile haben auch alle eingesehen, dass es ein schwerer raumordnungspolitischer Fehler war 1967 den 360er einzustellen und darüber hinaus die Trasse auf- und teilweise verbauen zu lassen. Der politische Wille wäre grundsätzlich da, allein mit der Finanzierung tun wir uns noch sehr schwer. Bis hierher konnten wir die Geschichte weitgehend ehrenamtlich bewältigen, aber zur weiteren Entwicklung müssen echte Profis ans Werk, die natürlich auch einmal bezahlt werden wollen. Selbst ein Crowdfunding einzurichten geht schon auf Dauer nicht ganz ehrenamtlich. Da bin ich jedenfalls für alle Vorschläge offen. Wenn es in dem Punkt nicht gelingt entscheidende Fortschritte zu erzielen, bleibt das ganze Projekt auf der Strecke hängen. Und da wäre echt schade drum!

Hermann: Und wieviel ist das in Euros?

Antwort: Ha! Die scheinbar spannendeste aller Fragen! An die Antwort kann man sich derweil leider nur annähern. Das hängt auch davon ab, wie schnell es vorangeht. Je mehr Mittel eingesetzt werden können, umso schneller gehts logischerweise voran. Mit sparsamen 3 Millionen Euros ließe sich das Projekt z.B. aber schon so weit vorantreiben, dass es Sinn macht, über weitere Entwicklungsschritte nachzudenken. Um eine Milliarde kann man sicher auch die kleinste Gemeinde im Bezirk erschließen. Irgendetwas dazwischen wird es wohl werden.

Hermann: Klingt ja sehr spannend! Zum Abschluss noch: Wo siehst du die Zukunft der Grünen?

Antwort: Ja, das ist momentan gerade ein anderes Megaprojekt, wo es heftig zur Sache geht. Nach dem Grünen Katastrophenjahr – so ein Unwetter hab ich auch noch nie erlebt – haben wir jetzt allerdings die tolle Gelegenheit, uns von Grund auf neu aufzustellen und frisch zu ergrünen. Da ist mental einiges in Bewegung, das sich sicher auch auf die Gemeindepolitik auswirken wird. Aktuell arbeiten wir z.B. heftig an einem Regionalkongress zum Thema „Zukunft gestalten“ am 25. Mai 2018 in der Mödlinger Stadtgalerie. Hier manchen wir eine Bestandsaufnahme, wo es im Grünen Projekt überall zu tun gibt und versuchen die Andockstellen sichtbar zu machen, damit sich die, die mittun wollen, leichter tun, das für sie passende Platzerl zu finden. Die Lage insgesamt ist angespannt und wir müssen alle Kräfte mobilisieren! Mit diesem ersten Übersichtsplan bin ich gerade rechtzeitig zur Bewerbung fertig geworden:

Die große Grüne Mindmap mit Hintergrund 2

Würde mich sehr freuen, auch Dich dort begrüßen zu dürfen und möchte hiermit eine herzliche Einladung aussprechen!

Hermann: Danke schön! Da bin ich schon sehr neugierig 🙂

Und danke für das Gespräch!

Christian: Ich danke! Stehe für weitere und vertiefende Fragen gerne zur Verfügung!

 

 

 

 

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Fabian Scheidler in Mödling

Fabian Scheidler 2017 11 23 Mail

Liebe Leute,

Fabian Scheidler ist wohl so etwas wie der neue Hugo Portisch. Ein Welterklärer, der geopolitische Vorgänge wie kein zweiter brillant von der Wurzel her, historisch fundiert aufschlüsseln und allgemein verständlich erzählen kann. Und der darüber hinaus nicht in der Analyse und Diagnose stecken geblieben ist, sondern besonders auch in seinem jüngsten Werk eine Reihe von Lösungsansätzen aufzeigt, die die Hoffnung lebendig halten, dass wir aus diesen multiplen Krisen doch noch irgendwie herauskommen bzw. die zu befürchtenden Schäden für die allermeisten erträglich abmildern können.

Gewiss die Neigung sich dem Fatalismus hinzugeben ist heutzutage schon beängstigend allgegenwärtig. Den Klimawandel, die ökologische Krisen doch noch irgendwie abzufangen, scheint an dumpfer Gewohnheit und satter Bequemlichkeit zu scheitern. Wer gegen das immer größer werdende Ungleichgewicht innerhalb unserer Gesellschaften ankämpft, wo wenige mit dem nötigen Kleingeld sich praktisch jeden Einfluss kaufen können, sieht sich einem Propaganda-Tsunami gegenüber, der einem das Blut in den Adern gefrieren lässt. Die Angriffe auf menschenrechtliche Errungenschaften werden immer unverfrorener. Der vollständige Sieg jener, die die Gesellschaft atomisiert sehen wollen, zerhackt in Milliarden leicht zu manipulierender Einzelteile, scheint schon in greifbare Nähe gerückt zu sein. Margret Thatchers „there’s no such thing as society“ war keine Behauptung sondern ein Befehl, der schon fast endgültig vollzogen ist.

Aber haben es unsere Kinder wirklich verdient, in einer menschlich derart kalten Welt zu leben? Wo das Subjekt, der Mensch an sich, fast jede Bedeutung verloren hat und nur mehr das Verwertbare am Menschen zählt, wo alles Unbekannte Ding oder Feind sein muss? Wo nicht mehr viel fehlt und jeder Kuss verrechnet wird? Und wie kommen überhaupt all die Lebewesen, die unseren Planeten bevölkern, dazu, an unserem Müll zu ersticken, von unseren Ausscheidungen vergiftet und in immer kleinere Lebensräume zurückgedrängt zu werden, bis sie schließlich dort auch noch in die Fänge der „Megamaschine“ geraten und komplett ausgelöscht werden?

Ja, ich weiß, es ist eine gigantische Zumutung! Wie kommen schließlich all die vielen im Grunde Unschuldigen eigentlich dazu, die bereits angerichteten immensen Schäden zu beseitigen? Wie kommen sie dazu, ihre Lebenszeit damit zu verbringen, hinter den Gierigen herzuräumen, um die realen und mentalen Landschaften wieder von all dem teils toxischen Unrat frei zu machen? Wie kommen wir dazu, die realen und mentalen Böden entgiften zu müssen und sie wieder lebendig und urbar zu machen? Ok, ich geb’s zu, das jetzt fällige „Bewusstseinsaufforstungsprogramm“ hat auch etwa Euphorisierendes – noch nie hat es so viel Sinn gestiftet, das jetzt in Angriff zu nehmen!

Umso mehr freut es mich, dass uns Fabian Scheidler am 23. November in der Mödlinger Stadtgalerie die Ehre gibt und seine Bücher zur weiteren Besprechung vorstellt. Ich möchte aus ganzem Herzen dazu einladen! Für uns Grüne im Bezirk Mödling ist das zugleich auch der Auftakt zu einer großen Initiative, durch die wir unsere Gemeinden in Richtung Gemeinwohlgemeinden bewegen wollen. Eine Gemeinwohlgemeinde orientiert sich nicht ausschließlich am BIP, am Bruttoinlandsprodukt, sondern vielmehr am tatsächlichen realen und mentalen Wohlstand der Menschen. Hier ist die Politik in Zeiten wie diesen extrem gefragt. Ja, hier sind wir alle gefragt.

Herzliche Grüße
Christian Apl

Zur Ankündigung im Netz: http://bezirk.moedling.gruene.at/themen/oekonomie-und-wirtschaft/kapitalismus-wie-weiter

Zur Veranstaltung auf Facebook: https://www.facebook.com/events/936751509824446/

Zum Thema Gemeinwohlgemeinde: https://www.ecogood.org/de/gemeinwohl-bilanz/gemeinden/

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Persönliche Stellungnahme zur Österreichischen Nationalratswahl am 15. Oktober 2017 – nachher

Liebe Mit-Souveräne!

Okay, das war jetzt echt der Hammer. Aber ich bin seltsamerweise gar nicht niedergeschlagen, im Gegenteil, ich bin richtig euphorisiert, weil so sonnenklar ist, was jetzt zu tun ist und sich außerdem ein einmaliges Zeitfenster öffnet.

Zur Vorgeschichte: Wir haben 2003 die Perchtoldsdorfer Grünen gegründet, seit damals bin ich auch Mitglied der Grünen Niederösterreich, seit 2005 geschäftsführender Gemeinderat in Perchtoldsdorf, seit 2008 Bezirksverantwortlicher in Mödling und Mitglied im Landesvorstand, seit 2012 oder so Bezirkssprecher. Ich will mirs ja immer noch nicht eingestehen, aber ich bin wohl so etwas wie ein Parteifunktionär geworden. Ich war auf etlichen Landes- und Bundeskongressen und sonstigen ungezählten Treffen und hunderten, zum guten Teil selbst organisierten Veranstaltungen. Ich kenne „meine“ Grünen also mittlerweile ziemlich gut und hab eine Vorstellung davon, wo es hängt. Ich hab mir über all die Jahre natürlich so meine Gedanken gemacht, die mittlerweile überdeutlich in einem einzigen Satz münden:

Wir brauchen mehr Leute!

Warum?

1. So gut wie alle Grün-Engagierten, die ich kenne, haben übervolle Terminkalender. Die Menge an abzuarbeitenden Projekten ist schier unüberschaubar und die Neigung groß, sich noch ein Projekterl obenaufzuladen und noch eins, weil das halt auch grad wichtig ist. Dazu kommen noch die Dinge, mit denen mensch sich sonst noch so im politischen Alltag herumschlagen muss. Vieles davon hält einfach nur auf, mensch kommt aber nur schwer aus. Alles in allem ideal für WorkoholistInnen – es gibt buchstäblich immer was zu tun. Darunter leidet natürlich

2. die Kommunikation. Alleine den Klimawandel mit all seinen Auswirkungen verständlich „rüber zu bringen“ ist ein gigantisches Kommunikationsproblem. Die Menschheit war mit so einer globalen und oft noch reichlich abstrakten Herausforderung noch nie konfrontiert und es müssen erst Methoden entwickelt werden, wie hinreichend viele Menschen für sich verbindlich machen können, was da auf sie zukommt, was das bedeutet und was unternommen werden muss. Siehe dazu auch diesen Beitrag. Dieses „für sich verbindlich machen“ geschieht nicht unwesentlich im Gespräch und davon brauchen wir Milliarden. Dabei reden wir hier nur vom Thema Klimawandel – parallel dazu gilt es ebenso eine ganze Reihe ähnlich thematisch breite Kaliber zu bearbeiten. Weltfrieden klingt jetzt vielleich kitschig oder naiv, dennoch fordern die Kriege täglich Opfer und da wird es dann bitter ernst. Wir brauchen eine starke Friedensbewegung! Hunger, Armut, Wasserversorgung, Gesundheit, Energie, Bildung, Bildung, Bildung, Artenschutz, Bodenschutz, Menschenrechte, Tierrechte, Flucht vor Not und Tod sind weitere Themen. In allen Bereichen gibt es dankenswerterweise schon viele Initiativen und Arbeitsgruppen, die hart an der Sache dran sind und jede Form von Unterstützung verdienen.

3. Und dann kommt noch der Job, den Parteien, die eigentlich auch Arbeitsgruppen in diesem Geflecht sind, übernehmen müssen. Nämlich all die Erkenntnisse und die sich daraus ergebenden Forderungen falls erforderlich in Gesetze zu übersetzen, damit es für eine Gesellschaft verbindlich wird, damit es also für alle gilt. Das ist freilich auch nicht ganz so trivial. Es gilt den Gesetzwerdungsprozess so gut zu kennen, dass mensch die Initiativen schon einmal an der richtigen Stelle und in der richtigen Form einwirft. Sodann sollte mensch sich ein Werkzeugset aneignen, um die richtigen Stellen auch in die Gänge zu bringen, falls sie sich nicht von selbst rühren möchten. Dann muss mensch sich auch gehörig Ausdauer zulegen, um den Prozess bis an sein Ende durchtragen zu können. Und überall ist Kommunikation im Spiel. Aber es ist alles bewältigbar, wenn nur genügend viele Menschen mithelfen.

5. Dazu braucht es einfach viele, viele Leute, die dort, wo ihre Talente daheim sind, in das Netzwerk hineinwachsen; Vertrauen hineinpumpen, sprich dort Herz, Hirn und Hand anlegen, wo es gerade nötig ist und Sinn macht. Es braucht Leute, die mit Leidenschaft Excel-Listen pflegen, ebenso wie geniale GrafikerInnen, Webmenschen, Textmenschen, Videomenschen, MitdenkerInnen, ChoreographInnen, AktivistInnen aller Arten und Menschen, die alle so miteinander vernetzen, dass alle gut voneinander lernen können. Jaha, Arbeit gibt’s!

6. Und es braucht Medien! Die aktuelle Medienlandschaft gleicht einem vom Krieg verwüsteten Landstrich. Sie gehört schon lange von Asche, Schutt und Unrat befreit, frisch kultiviert und schließlich befriedet. Auch hier Arbeit für Tausende in Saus und Braus! Es gibt schon etliche Initiativen, die in diese Richtung zielen, hier muss ein stetiger Austauschprozess organisiert werden, damit sich die vielen Fäden zu einer relevanten Größe verspinnen können. Und es müssen schließlich alle Kanäle bespielt werden, vom einfachen Flugblatt bis zur aufwendigen Videoproduktion, Email, SMS, Twitter, Facebook und wie sie alle heißen.

7. Und schließlich braucht es praktisch überall local groups, also Ortsgruppen, die einfach dadurch entstehen, weil Menschen, dort wo sie wohnen, mit den Nachbarn in Beziehung treten und über Dinge entscheiden, die sie gemeinsam betreffen. Wenn sich diese Ortsgruppen soweit verdichten, dass sie mit anderen Ortsgruppen Verbindlichkeiten eingehen können, entsteht eine Kommunikations- und Entscheidungsstruktur die den legistischen Prozess bedienen kann, wenn sie denn gut gebaut ist.

8. Deswegen müssen wir mit der Basisdemokratie ernst machen. Das ist ein Grüner Grundwert der wirklich ernst genommen werden muss. Die anderen natürlich auch, aber der im Speziellen, weil er die eigene Parteistruktur unmittelbar betrifft. Wir wollen ja schließlich nicht Wasser predigen und Wein trinken. Ja, es geht um Glaubwürdigkeit! Und es kann nicht um zu viel Basisdemokratie gehen, es kann nur zu wenig gewesen sein, sonst hätte es nicht solche Bröseln z.B. bei den diversen Listenerstellungen gegeben, die immer wieder Unmut bis Empörung erregt und in nicht wenigen Fällen dazu geführt haben, dass sich von Herzen engagierte Grüne wieder von der Parteistruktur zurückzogen oder schon gar nicht mit ihr in Berührung kommen wollten. Die sehr bezeichnenden Diskussionen der letzten Monate, was denn nun diese Basis eigentlich sei, rühren genau von der damit einhergehenden Diffusität. Wieder ein Kommunikationsproblem: wo sind die Leute und wie holt man sie ab? Wie ermutigt man Leute, dort wo sie daheim sind, eine Basisgruppe aufzubauen? Wie können sie bestmöglich unterstützt werden? Was brauchen sie? Was gibt es schon?
Und: Art. 1 des Österreichischen Bundesverfassungsgesetzes: „Österreich ist eine demokratische Republik. Ihr Recht geht vom Volk aus.“ – Die Basisgruppe ist die unmittelbar Konsequenz daraus. Sie ist definitv notwendig, damit nämlich das Recht nicht nur vom Volk ausgeht, sondern auch was draus wird, also dort ankommt, wo es hingehört und Gesetz werden kann. Da eine Basisgruppe aufgrund des menschlichen Sozialvermögens vernünftigerweise eine überschaubare Größe haben sollte, also je nach Veranlagung der Beteiligten etwas in der Gegend von 20 Personen, kommen wir österreichweit auf über 400.000 Stück. Diese lassen sich aber gemeinde-, bezirks- und länderweise zusammenführen und mit den bereits bestehenden legistischen Strukturen verkoppeln. Also wieder jede Menge Jobs.

9. Abschließend kann ich mir JFK leicht variiert nicht verkneifen: Fragt nicht, was die Grünen für Euch tun können (sie tun ohnhin schon, was sie können), fragt, was ihr für das Grüne Projekt tun könnt. Dann ist allen geholfen. Und wir tun uns alle leichter.

10. Okay, wir haben jetzt theoretisch 5 Jahre Zeit. Da sollte sich doch etwas echt Starkes und Würdiges ausgehen, damit wir bei der nächsten Wahl beweisen können, was wirklich in uns steckt. Auf gehts.

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Persönliche Stellungnahme zur Österreichischen Nationalratswahl am 15. Oktober 2017 – vorher

Als Stimmbürger und damit mit-letztverantwortlich für die anstehende souveräne Entscheidung der demokratischen Republik Österreich, gebe ich folgende Stellungnahme ab:

Liebe Mit-Souveräne,

vor uns liegt eine Weggabelung, wir haben wieder einmal zu entscheiden in welche Richtung sich unser Land weiterentwickeln soll. Rechts geht es nach Mehr-vom-Selben, links nach Nachhaltigkeit. Der rechte Weg ist bequemer, führt aber letztlich nirgendwo hin. Links kommen wir in Gegenden wo wir noch nie waren, aber die Scouts berichten, dass dort ein besseres Leben für alle möglich wäre. Für mich ist diese Entscheidung also sonnenklar.

Oft denke ich mir, Vater im Himmel, was hast Du uns da für ein großartiges Geschenk gemacht. Es liegt nur an uns, das Paradies darin zu erkennen, ohne es zu zerstören. Es gibt auch schon wichtige Hinweise, wie das gelingen könnte. Buckminster Fuller meint z.B.: “Man schafft niemals Veränderung, indem man das Bestehende bekämpft. Um etwas zu verändern, baut man neue Modelle, die das Alte überflüssig machen.“ Das ist Grün. Und es ist wahnsinnig viel Arbeit. Glücklicherweise arbeiten auf der ganzen Welt schon 100.000e Menschen daran. Ihnen gehört, wo es nur geht, der Rücken gestärkt. Das ist Grün.

Gut, die Österreichischen Grünen sind momentan in einer Entwicklungskrise. Das macht aber nichts, im Gegenteil, es wäre verdächtig, wenn es nicht so geschehen wäre. Das ist jetzt allerdings eine großartige Gelegenheit, nochmals einen Schritt zurück zu treten und das ganze grüne Projekt zu verstehen bzw. in den Anfängen nachzuforschen, worauf die Menschen damals eigentlich hinauswollten, als sie dieses Projekt initiierten.

Ja, die Grünen wollten eigentlich keine Partei sein. Alles was nach Partei und dem damaligen Establishment roch, wurde nur mit spitzen Fingern angegriffen. Es fand aber nichtsdestotrotz ein Adaptierungsprozess statt, wo man sich mangels eigener tiefgreifender Überlegungen, wie eine legistisch notwendige Struktur unter grünen Vorzeichen gestaltet sein muss, bewusst oder unbewusst Anleihen von den etablierten Parteien nahm. Auch der Meide-alles-was-nicht-grün-ist-Reflex hat dazu geführt, dass man selbst so wurde, wie das, was man mied. Das hat bisher trotzdem relativ gut funktioniert, weil man glücklicherweise nicht 1:1 kopiert hat, das Problem war eher, dass man 1:-1 kopiert hat, also einfach einmal das Gegenteil von dem, was man nicht will, entschieden hat. Nachdem die damit auch produzierten Widersprüche zu eben jenen krisenhaften Erscheinungen geführt haben, ist nun wohl der Tag gekommen, wo das gründlich hinterfragt werden muss und entsprechende Entscheidungen zu treffen sind.

Was heißt also eine „legistische“ Struktur unter grünen Vorzeichen aufzubauen?
Ein Grüner Grundwert ist Basisdemokratisch.

An der Basis sind alle als noch funktionslose, aber souveräne, in eigenem Auftrag handelnde, Menschen in überschaubaren lokalen Gruppen, aber statutarisch, organisiert. Diese Gruppen wählen dann, wie auch jetzt schon, aus ihrer Mitte Personen, die sie mit einem konkreten Mandat ausstatten. Auf Gemeinde- bzw. Bezirksebene wären das die entsprechenden Gemeinde- bzw. Bezirksräte.

Sind mehrere lokalen Gruppen betroffen, also z.B. bei der Erstellung einer Landesliste empfiehlt es sich einen Zwischenschritt einzulegen, da sollten alle aus den lokalen Gruppen Mandatierten in einer Klausur zusammenkommen und wiederum aus ihrer Mitte die Personen wählen, die die Listenplätze einnehmen sollen. So müsste eigentlich ein Gremium zusammengesetzt sein, wenn die Basisdemokratie und damit die Identifikation der Menschen mit den Geschehnissen gestärkt werden sollen. Dort sollten nach menschlichem Ermessen die zusammenkommen, denen von ihrer lokalen Gruppe – nämlich aus der persönlichen Anschauung – gewissermaßen attestiert wird, dass sie die „grünsten“ Ambitionen verfolgen.

Und bei der Gelegenheit könnte man gleich dazu übergehen – weil ja auch Feministisch ein Grünen Grundwert ist – alle Mandate, wo immer es Sinn macht, paarweise zu besetzen. Wobei ggf. gleichzeitig eine Initiative zu starten ist, wodurch das auch dort rechtlich ermöglicht wird, wo es bisher nicht möglich ist.

Der entscheidende Punkt an diesem Konzept – das letztlich auch global funktionieren muss – ist die menschliche Rückbindung in der lokalen Gruppe, dort, wo die eigentlich demokratischen Dialoge stattfinden, wo man aus eigener Anschauung weiß, mit wem man es zu tun hat, und – auch nicht unwesentlich – womit mensch sie oder ihn beauftragt.

Die Vorteile wären:

  1. Niemand muss eineN gänzlich UnbekannteN wählen. Wichtig dabei wäre, dass sich die mit einem Basisgruppen-Mandat Ausgestatteten in einer Klausur treffen und im Dialog die beste Entscheidung im Sinne ihres Mandats erarbeiten.
  2. Durch das zwingend erforderliche Mandat aus einer Basisgruppe soll der Abgehobenheit ein Riegel vorgeschoben, jedenfalls der Kontakt mit der Basis gestärkt werden.
  3. Die Wahrscheinlichkeit, dass wirklich die besten Köpfe dorthin kommen, wo sie gebraucht werden, sollte sich signifikant erhöhen.
  4. Der fraktale Aufbau erlaubt auch größere politische Gebilde.

Ergänzend dazu ist festzuhalten, das nur natürliche – also keine juristischen – Personen Mitglied einer und zwar nur genau einer Basisgruppe sein können. Diese Basisgruppen sind in ihrer politischen Artikulation autonom und mit eigener Verfasstheit ausgestattet, die es ihnen auch erlaubt mit anderen Basisgruppen verbindliche Vereinbarungen einzugehen.

Mit dieser Struktur könnte mensch probehalber zwei, drei Jahre parallel zu den bereits bestehenden Strukturen experimentieren und sie so weit verfeinern und reifen lassen, bis sie im Sinne Fullers „das Alte überflüssig machen“.

Demokratie, also Menschen ernst nehmen. Das ist grün.

Bei der Gelegenheit könnte im Wahlprozedere eine Vorstufe eingeführt werden, wo alle Mitglieder einer Basisgruppe in geheimer Wahl angeben, wen sie sich in die zu wählende Position wünschen. Erst vor dem Hintergrund dieses Stimmungsbildes werden die Kandidaturen abgegeben und daraufhin die eigentliche Wahl durchgeführt.

Ja, ich werde das meiner Basisgruppe, den Perchtoldsdorfer Grünen, vorschlagen und dann schauen wir einmal wie es uns damit geht. Werde berichten 🙂

 

 

 

 

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Meine Vision

Ich ärgere mich gerade, weil es immer wieder heißt, dass Parteien keine Visionen mehr haben. Eben erst hat der von mir sonst überaus geschätzte Christian Felber beim Dresdner Palaisgespräch diese Behauptung wieder in den Raum gestellt. Ich habe mich ja mittlerweile resignierend daran gewöhnt, dass die Grünen mit allen anderen Parteien in einen Topf geworfen werden, sehe das als einen Effekt der allgemeinen Neoliberalisierung, dessen Ziel ja ist, alles was mit Staat, mit gemeinschaftlicher Organisation, zu tun hat, zu verteufeln und zu vernichten, damit die, die es sich leisten können, möglichst ungestört noch sagenhaftere Vermögen anhäufen können.

Okay, ich bin ursächlich bei dieser Partei gelandet und immer noch dabei, eben weil ich eine Vision habe. Es ist sogar eine grandiose Vision, sonst hätte ich die Geschichte mitsamt den damit auch verbundenen magenumdrehenden Beleidigungen schon lange hingeschmissen. Es ist tatsächlich verblüffend, wie rasch einem heutzutage mit dem Eintritt in eine Partei quasi das Menschsein abgesprochen und man bestenfalls zum hörigen und entmündigten Parteisoldaten degradiert wird. Plötzlich scheint man kein ureigenstes menschliches Anliegen mehr zu haben, man steht a priori unter dem Generalverdacht seine eigene Seele verkauft zu haben, jede eigene Meinung wird von vorneherein als Parteilinie ignoriert, weggepackt und abgehakt. Plötzlich wissen alle schon von weitem, was ich „eigentlich“ will bzw. zu wollen habe. Ich habe mich nie davor so elend entwürdigt und stumm gefühlt.

Aber hier ist sie, meine Vision:

Ich glaube daran, dass wir Menschen uns früher oder später als eine Menschheit begreifen. Und nicht nur das, darüber hinaus werden wir die gesamte Ökosphäre auf diesem Planeten als eine Lebensgemeinschaft erleben, der jede Form von Fundamentalkonkurrenz und Ausmerzung völlig fremd ist, weil klar ist, dass es um die Mehrung von Möglichkeiten geht und jedes Wesen prinzipiell als Kooperationspartner in diesem Bestreben gesehen wird. In einer solchen Welt funktioniert die Kommunikation anders, es gibt weniger Missverständnisse. Sie lebt von der Achtsamkeit und jede und jeder weiß, was zu tun ist.

Ja, es wird getan, was zu tun ist, und zwar von denen, die am nächsten dran sind. Wenn sie damit überfordert sind, eilen weitere zu Hilfe. Eitelkeiten, Neid, Gier und sonstige Blödsinnigkeiten werden völlig überflüssig sein, weil es weder Grund noch Anlass dafür gibt.

Es werden nur die Ressourcen eingesetzt, die wirklich gebraucht werden. Es wird nur das gearbeitet, was wirklich notwendig ist. Probleme werden von denen, die es angeht, gemeinsam identifiziert und gemeinsam gelöst, ganz selbstverständlich. Geld brauchen wir keines mehr, es ist auch so ausreichend Vertrauen in der Welt. Wir brauchen keine Feinde mehr, um uns der Solidarität der eigenen Gruppe zu vergewissern, weil sie selbstverständlich da ist und ohnehin jederzeit unmittelbar erlebt wird.

Wir werden stetig lernen. Das Universum ist unendlich, der Stoff wird uns also nicht ausgehen. Wir werden mit Begeisterung lernen, anders lernt man ohnehin nicht. Wir werden uns in tiefer Dankbarkeit über dieses unaussprechlich wunderbare All gemeinsam freuen und es in jedem Fremden finden und erkennen wollen.

Wir werden uns nicht mehr mit Tonnen von überflüssigem Tand ablenken müssen. Wir werden nicht mehr ständig das Gefühl haben, aus unserer Lebenswelt, koste es was es wolle, fliehen zu müssen. Wir werden nicht mehr in hermetisch verriegelten Festungen hausen, die alles, was nach Leben und Lebensfreude riecht, draußen halten. Wir werden uns nicht mehr in mobilen Isolationstanks verschanzen müssen, um irgendwohin zu fahren oder zu fliegen, wo wir eigentlich gar nicht hin wollen. Wir werden uns nicht mehr ständig betäuben müssen, um all diese Kränkungen zu ertragen.

Wir werden uns dem ganzen Leben aussetzen wollen und jeden Atemzug tief inhalieren, jeden Schluck reines Wasser wie kostbaren alten Wein über den Gaumen rieseln lassen und jede nährende Frucht wie einen Kuss der ganzen Welt empfangen. Wir werden sterben, wann es an der Zeit ist, genauso wie wir geboren wurden, weil es an der Zeit war. Wir werden lieben. Wir werden wirklich und wahrhaftig leben.

Reicht das? Mir schon.

Klar wird es noch ein Zeiterl dauern, bis wir dort sind, aber wir sind doch erstaunlich gut unterwegs, wenn in Betracht gezogen wird, dass wir bis vor ein paar tausend Jahren in kleinen, überschaubaren Horden über den Planeten gezogen sind und das zugehörige Sozialverhalten über einige Jahrhunderttausende hinweg sehr gut eingeübt haben. Klar, dass wir mit größeren Menschenansammlungen nicht gleich wirklich gut zurecht gekommen sind, es gab schließlich auch noch keine Gelegenheit, für diese neue Situation passende Verhaltensweisen zu entwickeln. Das war und ist vielfach immer noch eine monströse Überforderung. Ich sehe das eindeutig als das einzige wirklich große Problem, die große Herausforderung unserer Zivilisation.

Aber wir werden es irgendwie schaffen mit der ganzen Menschheit, mit der ganzen Ökosphäre so gut zurecht zu kommen, dass wir uns in ihr genauso geborgen fühlen wie in der kleinen Sippe, von wo wir aufgebrochen sind. Eine andere Möglichkeit gibt es ohnehin nicht auf lange Sicht. Ja selbst, wenn man auf die Wahnsinnsidee verfallen sollte, die Menschheit derart zu dezimieren, dass wir wieder in kleinen überschaubaren Horden über den Planeten ziehen, werden wir nach und nach wieder mehr werden und früher oder später wieder vor dem gleichen Problem stehen. Also können wir es auch gleich angehen und richtig machen. Und nein, der Mensch wird so schnell nicht aussterben. Ein paar werden immer übrig bleiben – und sie werden die verfluchen, die alles kaputt gemacht haben.

Warum bei den Grünen? Weil ich dort mit dieser Vision Platz habe und weil ich diese Vision jetzt schon lebe, so gut ich es eben vermag. Und es geht momentan ohnehin nur darum, seinen Job, dort wo man gerade lebt, ordentlich zu machen, und vor allem, wo immer es gerade geht, Vertrauen in die passenden Netzwerke zu pumpen. Da ist es schon fast egal, wo man damit beginnt. Es fehlt so gut wie überall.

Ich tue das, was zu tun ist, dort wo ich bin. Meistens eilen mir Freundinnen und Freunde zu Hilfe, wenn ich einmal überfordert bin. Meistens funktioniert das auch ohne großes Gerede. Wer etwas vor anderen tut, wird sichtbar und tut das früher oder später mit anderen, wenn es denn wirklich Sinn macht. Mit Spott und Hohn fang ich nicht mehr viel an, weil es nicht weiterhilft und eigentlich nur aufhält. Meistens spricht auch früher oder später das Ergebnis des Tuns für sich.

Klar habe ich damit ein Verständnis von Partei entwickelt, dass sich vom herkömmlichen drastisch unterscheidet. Für mich ist eine Partei keine militärisch organisierte Gesinnungs- oder Interessensgemeinschaft, die unter Befehlszwang die ganze Welt bekehren, erobern oder kontrollieren, einen vermeintlichen Feind bekämpfen und klein halten muss. Für mich ist eine Partei vielmehr so etwas wie eine Arbeitsgemeinschaft, die ein bestimmtes Projekt realisieren will. Da geht es mehr um erkunden und finden, um erzählen und austauschen, um anbauen und ernten, um pflegen und kultivieren als um anfeinden, bekriegen, beschädigen, töten und ausmerzen. Andere Parteien sind demnach keine Feinde sondern einfach andere Arbeitsgemeinschaften, die im Grunde am gleichen Projekt einer besseren Welt arbeiten, auch wenn sie das mit Interpretationen und Methoden tun, die mir persönlich hinterfragenswert und jetzt nicht gleich zielführend erscheinen. Aber das ist der Stoff aus dem der politische Diskurs gesponnen ist, von dem wiederum jede anständige Demokratie lebt.

Politik ist Beziehungsarbeit mit dem Ziel zu tragfähigen Vereinbarungen zu gelangen. Keine Show, kein Gladiatorenkampf, kein Wer-legt-wen-besser-aufs-Kreuz-Hickhack. Politik ist im Grunde dazu verdammt sozial nachhaltig zu agieren. Fad ist das nur, solange man sich heraushält und als Zuschauer in der eigenen Komfortzone hocken bleibt. Das ändert sich aber schlagartig, wenn man selbst ins Geschehen einsteigt, was ich jeder und jedem nur dringendst anempfehlen kann.

Also, diese Vision treibt mich voran, hält mich am Leben. Sie erfüllt mich so sehr mit Sinn, dass ich mir gar nicht vorstellen kann, dass sie nicht irgendwo in jeder und jedem von uns glüht und dass es nicht genau das ist, wonach wir uns eigentlich sehnen, genau das, was wir vom tiefsten Grunde unserer Seele her tatsächlich und wirklich wollen.

Schau einfach einmal nach, was Dich von dort her anlacht 🙂

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